Archiv für Oktober 2017

Gesicht in der Tasche

Stolz präsentiert  die Linde vor meinem Fenster

ihre grünen Blätter:

Wir halten stand, trotzig.

Jawohl, ja wir wollen

den Winter erleben lebendig,

mit allen Fasern fühlen,

lassen sie mich wissen.

Im Frühling berichten den Nachkommen,

so denken sich das die Optimisten,

und sie werden doch schneller zu Laub

als sie jetzt hoffen,

ich kenne ihre Zukunft.

Eine Elster beäugt

die zartblaue Meise nebenan,

die träumt vielleicht von Freundschaft.

Vergebliche Liebesmüh!

Das Gesicht in der Tasche,

stürme ich also durch den Tag.

Augen zu und durch,

befehle ich mir

und lache zwischendrin

über einen Brief.

Das Leben ist ein hartes Training,

und wenn Du unbedingt jetzt

so zwischendurch und sofort

die Sinnfrage beantworten musst,

dann träum Dich in ein Sommersonnenblumenfeld

und setz den grünen Hut auf,

sage ich mir.

Bin schnell inmitten der gelben Blumen,

aber wo ist der Hut?


Lohnt sich das?

Tagelang habe ich versucht, eine Anwendung auf einem ganz alten Smartphone zu installieren, es ist so alt, dass der Google Play Store nicht funktioniert.

Wenn ich mir für jede Stunde, die ich mit dieser „Arbeit“ verbracht habe, die Hälfte des Mindestlohnes gezahlt hätte, hätte ich ein neues Smartphone kaufen können.

Die Zeit, die ich damit beschäftigt war, eine Lösung zu finden, hätte ich außerdem dringend für anderes Tun gebraucht.

Aber das Smartphone wird nun noch eine Weile jemand große Freude machen.

Ich habe wieder sehr viel dazugelernt.

Als ich es endlich geschafft hatte, habe ich mich sehr gefreut.

Natürlich bin ich jetzt froh, nicht irgendwann aufgegeben zu haben, aber lohnt sich dieser Aufwand?

Mit dem frisch erworbenen Wissen konnte ich gleich noch eine Problemlösung per E-Mail verschicken. Auch das hat mich gefreut.

Lernen lohnt sich fast immer :-).


Zwischenruf: Von den Ratten lernen

Von den Ratten lernen, heißt Überleben lernen. Die Menschheit steht am Abgrund. Menschen bringen sich gegenseitig um, statt einander beim Überleben zu helfen.

Es kommt vor, dass Ratten sich mal streiten, aber in der Regel helfen sie einander, sie unterstützen sich gegenseitig – auch bei Krankheit und im Alter. Ich habe das oft beocbachten können. Sie sind lustig, zärtlich und klug (jedenfalls die meisten).

Meine jüngste Ratte hat gelernt, die Käfigtür zu öffnen. Als sie zum ersten Mal fehlte und die Käfigtür offen stand, dachte ich, ich hätte vergessen, die Tür zu schließen. Selbst schuld, dachte ich und machte mich auf die Suche… Stunden später fand ich sie: Sie stand aufrecht auf dem Bett und grinste mich an. Jedenfalls kam mir das so vor. Hocherfreut über meinen ihr angereichten Arm, kletterte sie sofort auf die Schulter.  Als wenig später die Käfigtür wieder offen stand, staunte ich. Inzwischen muss ich zusätzliche Schlösser an die Käfigtüren machen, sie hat das Käfigtüröffnen inzwischen perfektioniert – und noch schlimmer – die anderen Rudelmitglieder haben sich das offensichtlich „abgeguckt“ und ebenfalls begriffen, gelernt, wie es funktioniert. Ratten lernen voneinander. Das könnten wir von ihnen lernen.

Ratten sind so erfolgreich, weil hochentwickelte Intelligenz bei ihnen in Verbindung steht mit ausgerägten sozialen Verhalten, das sogar altruistisch sein kann.

KLICK


Rücksichtsvoller Sturm und arabischer Käsekuchen

Von allen Seiten wurde ich schon am Morgen gewarnt: Es sei besser, das Haus nicht zu verlassen, jedenfalls am Nachmittag nicht. Es drohten: Sturm und Dauerregen und große Gefahr durch herabstürzende Äste und Bäume. Allerdings war ich verabredet und konnte schon deshalb nicht zu Hause bleiben.

Und es wurde ein sehr schöner Nachmittag und Abend. T. hat das „Abnehmen“ (Fadenspiel) gelernt. Und weil sie es so lange geübt hat, bis es auch mit den schwierigen Figuren klappte, hat sie sich über sich selbst und das Spiel sehr freuen können. Und wir uns mit ihr :-).

Bei mir dürfte es mit dem Abnehmen allerdings nichts werden, es gab Reis mit Mandeln und Hühnchen und Salat und Joghurt (alles super lecker!) und dann noch einen ganz tollen Kuchen. Den Kuchen hat Z.s Papa gebacken. Oh, das ist toll, sagt Z. immer. Oh, sage ich, der Kuchen war toll. Gefüllt war er übrigens mit Mozarella.

Kuchen

Kuchen

Der erwartete Sturm blieb rücksichtsvoll aus – jedenfalls bis ich wieder zu Hause war – und über das bissel Nieselregen lächelte meine Jacke und hielt mich trocken.


Nicht mein Tag und unmöglich

Was bedeutet „nicht mein Tag“, fragt Z.

Wie kommst Du denn darauf, frage ich zurück.

Hast Du gesagt.

Dann fällt es mir ein, es stimmt, ich habe das gesagt, zwei Stunden vorher und längst habe ich das vergessen und mich mit dem Tag versöhnt.

Sprache, die man erklärt, die lernt man neu kennen.

Wir sammeln Un-Wörter.

Möglich – unmöglich, wichtig und unwichtig, pünktlich und unpünktlich…  Es gibt viele!

Zum Abschied küsst der Regen die Blätter, dann klettert er den Regenbogen hoch – die Sonne ist durstig. Sogar das goldene Herbstlicht kommt für wenige Augenblicke zu Besuch.

Regenbogen

Regenbogen


Der Traum vom Fliegen

Air Berlin - Abflug

Air Berlin – Abflug

Ausgeträumt…

Die Träume der Großen bezahlen die Kleinen mit schlaflosen Nächten.


Vertrieb von erklärungsbedürftigen Investitionsgütern und so weiter

Einer meiner Kontakte bei einem beruflichen Netzwerk gibt folgende Tätigkeit an: Vertrieb von erklärungsbedürftigen Investitionsgütern. Was macht der?  Was sind erklärungsbedürftige Investitionsgüter? Nach einiger Überlegung ist es mir eingefallen. Lyrik und Prosa :-).

Schon mal versucht, ein Microsoft-Produkt telefonisch zu aktivieren? Wenn wir das heute nicht versucht hätten, gäbe es einen längeren Text.  Aber wir waren beschäftigt, lange, sehr lange… Warteschleifenslapstik. Drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie die Eins nicht drücken wollen, drücken Sie bitte die Zwei. Und dann: Sie rufen leider außerhalb unserer Geschäftszeiten an, wenn Sie mit einem englischsprachigen Mitarbeiter verbunden werden wollen, drücken Sie bitte die Eins, wenn…  Ich bin bei solchen Dingen beinahe unendlich geduldig, aber nur beinahe!

R. sei Dank, hat es endlich aber doch geklappt. Man darf nur nicht logisch denken…


Gespräch mit einem schwarzen Vogel

Mitten in der Nacht klopft es ans Fenster.

Vor dem Fenster sitzt ein großer, schwarzer Vogel.

Ich öffne das Fenster und denke, dass er auffliegen wird, aber er bleibt sitzen.

Vorsichtig berühre ich das Tier – etwas besorgt, der Vogel könnte krank sein.

Lass das, Du störst, ich denke nach, sagt der Vogel.

Also zuerst einmal hast Du gestört, beschwere ich mich, ignorierend, dass Vögel normaler Weise nicht besonders gut sprechen. Okay, dies scheint ein Rabe zu sein, die verfügen über erstaunliche Fähigkeiten, aber dass sie nächtens an Fenster klopfen und dann behaupten, sie dächten nach, ist wohl die Ausnahme.

Eine Weile ist Ruhe. Ich stehe am offenen Fenster und gucke auf einen nachdenkenden Vogel. Mir ist kalt. Am liebsten würde ich den Raben (bestimmt ist es ein Rabe) hereinbitten und zum Tee einladen. Aber so verrückt bin ich nun doch nicht.

Du kannst mich gern hereinbitten, es ist kalt, aber Tee trinke ich nicht. Ich bevorzuge Wasser. Sagt der Vogel. Gedankenlesen kann er also auch noch.

Ich sage nichts, trete aber ein Stück vom Fenster weg und der Vogel flattert herein und lässt sich auf dem blauen Sofa nieder.

Ich serviere dem Raben ein Glas San Pellegrino – wann hat man schon mal solchen Besuch – und gucke ihn abwartend da.

Er trinkt ein wenig und guckt mich dann an. Schöne große, glänzende Augen. Schweigt.

Nun sag schon, fordere ich, worüber denkst Du nach?

Ich wäre gern einmal ein bunter Vogel, sagt der Rabe, ich möchte einfach wissen, ob das Leben dann besser wäre. Aber ich weiß nicht, wie man ein bunter Vogel wird.

Sich mit fremden Federn schmücken, das wäre vielleicht eine Möglichkeit, aber keine gute, sage ich. Bleib einfach so wie Du bist: Schwarz und schön und klug.

Danke, dass Du das sagst, sagt der Rabe, ich habe das gebraucht. Wir spiegeln uns ja in den Augen der Fremden.

Und dann fliegt er auf, durch das immer noch geöffnete Fenster und schnell sind die Nacht und der Rabe nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

Mir ist warm obwohl es kalt ist. Und ich verstehe jetzt das Sprichwort: Hör den Raben zu, und Du hörst die ganze Welt.


Notizen in mehreren Akten – Nichts ist sicher – 2. Akt

(Wer den 1. Akt nicht gelesen hat, kann das nachholen – hier: KLICK)

2. Akt – Sicherheit der Wohnung

Wir schließen die Tür ab, wenn wir die Wohnung verlassen. Warum eigentlich?

Meine Großtante schloss niemals das Haus ab, wenn sie zum Dorfkonsum ging, im Gegenteil, die Haustür stand im Sommer weiterhin einladend offen. Die Gefahr, dass sich Diebe, Einbrecher in das weitabgelegene Dorf verirrten – ein wirkliches Ziel konnte es kaum sein – tangierte gen Null.

Niemand lässt in Berlin heutzutage seine Wohnungstür offenstehen, wenn er das Haus verlässt, es sei denn aus Versehen. Ich kenne jemanden, der kehrt sicherheitshalber immer (!) noch einmal zurück und rüttelt an der verschlossenen Tür: Sicher ist sicher.

Was könnte passieren, wenn wir die Tür nicht mehr abschließen würden? Die Chance, dass wir Opfer eines Einbruchs würden, ist nicht wesentlich größer als mit abgeschlossener Tür. Trotzdem fühlen wir uns sicherer, wenn wir abschließen.

Wer verteilt schon Ersatzschlüssel bei allen Nachbarn? Obwohl kaum zu erwarten ist, dass die Nachbarn sich unseres Eigentums bemächtigen könnten oder herumschnüffeln.
Wir möchten sicher sein, dass niemand sich in unsere Höhle einschleicht, etwas wegnimmt, oder auch einfach nur in unseren Dingen herumwühlt.

Davor haben wir Angst. Die Gefahr. dass das wirklich passiert, ist jedoch relativ gering, aber weil die eventuellen Folgen für uns vor allem psychisch so drastisch wären, haben wir Angst davor.

Die meisten von uns sorgen vor mit einer Hausratsversicherung, die uns für allerlei Fälle versichert: Gegen Wasser- und Feuerschäden und weitere unvorhersehbare Eventualitäten.

Angst lässt uns handeln: Kontrollieren, besorgt sein und für (vermeintliche) Sicherheit sorgen.

Ein teureres Schloss, eine bessere Verankerung der Tür, eine Versicherung gegen Einbruchsdiebstahl und so weiter und so fort. Und vergrößert das die Sicherheit? Meines Erachtens passt hier der Ausdruck: Nicht wirklich.

Angst ist das Gegenteil von Sicherheit. Angst spüren wir um vieles deutlicher – immer dann, wenn wir ein Stück Sicherheit verloren haben oder auch nur einfach den Verlust fürchten.

Unser Nest ist uns besonders wichtig.
Mir fallen die Störche in R. ein, die ihr Nest auf einem Schornstein bauten, der Wärme wegen nahmen sie wohl auch den Rauch in Kauf. Das schwere Nest geriet aber eines Tages in Brand, die Vögel verloren ihr Zuhause. Das Angebot auf einem anderen Schornstein zu nisten, nahmen sie nicht an. Es half auch nicht, als man das schwere Nest vom Schonstein mit einem Kran zu einer anderen Stelle bewegte. Die Tiere beharrten auf ihrem gewohnten Platz und bauten wieder auf dem gefährlichen Schornstein. Es lässt sich darüber streiten, ob das eher klug oder dumm ist.

Leben im Rauch - Störche in Rybokarty

Leben im Rauch – Störche in Rybokarty

Die steigenden Mieten und soziale Unsicherheit, lässt immer mehr Menschen, den Verlust ihrer Wohnung fürchten. Diese Angst ist in den Städten naturgemäß ausgeprägter, weil hier weitgehend Mieter leben. Auf dem Land sind Häuser in persönlichem Eigentum häufiger. Insgesamt ist in Deutschland der Anteil derjenigen, die in einer Eigentumswohnung leben geringer, als in unseren Nachbarländern und überhaupt in Europa.

Aber auch die Eigentümer einer Wohnung sind keineswegs sicher, dass diese auch in ihren Händen bleibt. Plötzlich in eine unerwartete Lage geworfen, kann der Traum vom Eigentum schnell ausgeträumt sein. Ich kenne jemand, der erbte eine Eigentumswohnung und war sehr glücklich – bis die Eigentümerversammlung allerlei Renovierungen beschloss, die ihn in Schulden stürzte.
Krankheit, Alter oder beides zusammen, ein Unfall, eine Scheidung, die Unwägbarkeiten des Lebens – ebenso wie die unausweichlichen Übel bedrohen uns beim Erhalt unserer Wohnung, des Hauses, des Nestes. Die schönste Wohnung nützt nichts, wenn man nicht mehr in ihr leben kann, weil äußere Umstände zum Umzug oder Auszug zwingen. Nichts ist sicher.

Jemand aus meinem Umfeld behauptet immer wieder, es sähe bei ihm aus, wie bei „Schöner wohnen“. Mal ganz abgesehen davon, dass das nicht stimmt, weil bei „Schöner wohnen“ keine Schutzdecken auf den Sitzmöbeln liegen, macht zur Wohnung die Wohnung ja eigentlich erst das persönliche Bedürfnis, das sich niederschlägt in den gemieteten oder eigenen „vier“ Wänden.

Das Unverwechselbare, mit dem wir unsere Wohnung prägen, ihr einen Stempel aufdrücken – oder gerade das vermeiden – wie bei den Hochglanzfotos in „Schöner wohnen“, macht die Wohnung zu unserer Wohnung.

Damit unser Heim uns auch Heimat ist, bedarf es aber noch mehr: der Umgebung. Und damit ist mehr gemeint, als der Kastanienbaum auf dem Nachbarhof – wobei auch der. Es sind eben auch die Menschen um uns herum, sogar diejenigen, die wir nicht mögen, die uns „zu Hause“ sein lassen. Der Nachbar , der immer das gleiche Hitparadenlied laufen lässt, ebenso wie das Ehepaar von oben, das immer eingehakt die Treppe hochläuft, das Schreikind von unten und der undefinierbare Lärm aus dem Café nebenan.

Wir drehen den Schlüssel im Schloss um, wenn wir die Wohnung verlassen, weil wir uns den Raum bewahren wollen, der ein wichtiger Teil unseres Lebensgefühls ist. Die Wohnung ist ein wesentlicher Teil unserer sozialen Verwurzelung und fast allen Menschen ist das bewusst.

Die zunehmend sichtbare Obdachlosigkeit in den Städten macht gerade deshalb auch denjenigen Menschen Angst, die momentan noch in einer Wohnung zu Hause sind.
Nichts ist sicher – auch die Wohnung nicht.
Wenn wir die Obdachlosen unter der Brücke schlafen sehen, jetzt auch in Pankow, wenn wir Nachrichten hören über Flucht und Vertreibung auf der Welt weitweg und näherrückend, dann ahnen wir, dass wir einfach Glück haben, jedenfalls mehr als andere Menschen fast überall.

Einfach mal googlen, wie es so neuforsch heißt: Taskforce, Tiergarten, Berlin.

Überschrift in der Berliner Morgenpost: Taskforce lässt Zelte der Obdachlosen im Tiergarten abbauen.

Die unhaltbaren Zustände führen zu unhaltbaren Zuständen.


Kürbissuppe war gut

Die Kürbissuppe war gut – ansonsten war der Tag ein „harter Sturbock“.

Es blüht noch auf dem Hinterhof

Es blüht noch auf dem Hinterhof