Archiv für August 2009
29. August 2009 von Maja Wiens | kein Kommentar
Wunder geschehen immer wieder, heißt es. Aber ich glaube nicht an Wunder. Die meisten so bezeichneten Ereignisse sind das Ergebnis harter Arbeit.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit immer mal wieder mit dem Innenleben von Rechnern, löse Softwareprobleme und beseitige Viren oder Würmer, ich tausche Speicher aus – installiere oder deinstalliere, je nachdem. Das hat mich niemand gelehrt – meine Kenntnisse sind eine Mischung, die aus Interesse und Not entstand. Für Technik habe ich einen Faible und es macht mir Spaß, wenn ich etwas dazulerne. Es macht mir auch nichts aus, zwei oder drei Stunden einen Fehler zu suchen, ich bin da geduldig und vermutlich allein aus diesem Grunde habe ich manchmal mehr Erfolg, als Leute, die es vor mir versuchten und bereits aufgegeben haben.
Die Freude, einem Rechner das Sprechen beigebracht zu haben, ist groß, auch wenn man den Kapitalismus nicht lieben kann: KLICK (Zwischenpiel)
Vorgestern scheiterte ich allerdings in meiner Bemühung, einem altersschwachen Laptop zu erklären, wie er wieder ins Internet zu gehen habe. Das ist an sich eine Kleinigkeit – jeder, der sich auskennt, wird mir das bestätigen – das macht ein Fachmann in 5 Minuten – ein Halbfreak in allenfalls 15.
Ich saß einige Stunden und sah Einstellung für Einstellung immer wieder durch: Keine Chance. er tat es einfach nicht mehr. Mein eigenes, ebenfalls anwesendes Gerät, machte keinerlei Schwierigkeiten, am Router oder am Kabel konnte es also nicht liegen. Aber auch in dem sich verweigerndem Rechner gab es keine Anzeichen für ein Hardwareproblem.
Ich wollte aber unbedingt, dass die Besitzerin des Geräts ihre Mails abrufen und das Internet nutzen konnte.
Sie selbst, einige Jährchen älter als ich, war ganz entspannt.
“Der muss sich einfach mal ausruhen”, sagte sie. “Nach ein paar Stunden Schlaf hat er sich bestimmt erholt.”
Natürlich erholen sich Laptops nicht über Nacht. Aber es war spät geworden, ich war
müde und musste nach Hause. Außerdem soll man auf die Älteren hören. Die haben mehr Lebenserfahrung.
Am Morgen bekam ich eine Mail: Liebe Maja, der Laptop hat sich scheinbar sehr gut ausgeruht. 4 Nachrichten sind eingegangen…
Wunder geschehen immer wieder.

Müdes Notebook
26. August 2009 von Maja Wiens | 1 Kommentar
“Einer der Grundpfeiler des «Eisernen» Selbstverständnisses ist die klare und dauerhafte Abgrenzung vom BFC Dynamo, dem Lieblingsverein des ehemaligen Stasi-Chefs Erich Mielke.” (Quelle: Netzeitung – Klick)
Wie beschränkt denkt ein Autor, der solch kleinkarierten Mist schreibt oder gar noch mit vertritt? Sich Legenden für die Vergangenheit zurecht zu legen zur Imagepflege, das ist kein Verbrechen – Mauern in die Zukunft bauen, ist aber nicht nur nur unsportlich. Solche “Grundpfeiler” muss man einreißen und darf sie nicht bejubeln.
Der 1. FC Union und der BFC Dynamo spielen Fußball in der gleichen Stadt – ihre Nachwuchsmannschaften treffen sich beinahe an jedem Wochenende. Sollen sich da Kinder von einander abgrenzen? Weil die Vereine früher mal das Spielzeug alter Männern waren – der eine wie der andere? Harry Tisch und Erich Mielke waren Genossen derselben Partei, kamen aus der selben KPD. Bastelten gemeinsam am DDR-Globus. Der eine leitete die Gewerkschaft, der andere den Sicherheitsapparat. (Der sportlichere war allerdings Erich Mielke, der jahrzehntelang jeden Morgen um 5.00 Uhr aufgestanden sein soll und dann eine Stunde schwamm. )
Die größten Kämpfer für die deutsche Einheit und Helden des Widerstands habe ich auch auf dem Fußballplatz entdeckt. Das sind die Fans des Brandenburger SC Süd 05. Die skandierten während des Spiels ihrer Mannschaft am letzten Sonntag gegen den Berliner AK 07 immer noch laut: “Die Mauer muss weg”. Und das 20 Jahre nach der Wende.

Die Mauer muss weg!
Und siehe da: Die Macht der Worte wirkte – die Mauer öffnete sich und die Freiheit der Ball flo(h)g gen Westen.

Die Mauer öffnete sich
Und an dieser Mauer war auch nicht der BFC Dynamo schuld. An der anderen aber doch. Behauptet jedenfalls Baufresse alias Andreas Gläser. Deshalb fahren bestimmt auch die Fans des Brandenburger SC Süd 05 ins Sportforum, denn da dürfen sie am kommenden Sonntag ganz ungestraft rufen: Die Mauer muss weg!
Scheinheiligkeit kommt vor dem Fall – der 1. FC Union und seine Fans und die beide bejubelnden und beglückwünschenden Medien hätten vielleicht doch noch einen Moment länger nachdenken sollen. Aber doof bleibt doof!
Selbst das NEUE DEUTSCHLAND (nennt sich eine Sozialistische Tageszeitung) stimmt ein ins Unkritische und veröffentlicht einen Artikel von Matthias Koch, der den Anschein erweckt, der Sponsor wäre ohnehin gekündigt worden. So ist das aber nicht. Vertrag ist Vertrag. Sogar beim 1. FC Union. Hier wurde und wird schon wieder einmal die längst tote Stasi als VORWAND genutzt. Das hätte man eigentlich schreiben müssen. Wenigstens die sozialistische Tageszeitung.
Wer all die vielen Artikel und Artikelchen liest, kann sich vermutlich irgendwann des Eindrucks nicht erwehren, an all dem Union-Ärger sei auch mal wieder BFC Dynamo schuld. Der kommt dauernd irgendwie vor. Dabei hat der BFC Dynamo nullkommanix mit dem geschassten Sponsor zu tun – und muss nur dazu herhalten, zu begründen, warum ein Unternehmen, das einen ehemaligen Stasioffizier zum Aufsichtsratsvorsitzenden gemacht hat, als Sponsor für Verein und Fans nicht in Frage kommt. Der (Allein!!!)-Eigner des Unternehmens ist übrigens ein Unioner, ein ehemaliger Trainer, der sich ganz offenbar nicht am Lebenslauf seines Aufsichtsratsvorsitzenden gestört hat. Dass der Sponsor, das angeblich in Dubai eingetragene Unternehmen namens International Sport Promotion (ISP) undurchsichtig war und man nicht klären konnte, woher sein Geld kam, hätte der 1. FC Union vor Vertragsabschluss zum Entscheidungskriterium machen müssen. Aber da kam noch erst das Fressen und dann die Moral.
Mit den Verträgen nimmt es der 1. FC Union eben nicht so genau. Die kann man ja erstmal abschließen und dann irgendwie kündigen. Gut, dass es den BFC Dynamo noch gibt. Da wollte man beim Köpenicker “Kultverein” einen Spieler loswerden und siehe da: Der böse Nico Patschinski hatte beim BFC Poker-Turnier mitgemacht und sich dort angeblich (man hat ja schließlich so seine Kundschafter) über den Arbeitgeber unbotmäßig geäußert. Union feuerte den ungeliebten Stürmer und verlor vor dem Arbeitsgericht – und so kostete die Vertragsauflösung eine Menge Geld.
Wenn sich der 1. FC Union jetzt wieder einmal zum Moral-, Kult- und Widerstandsklub erklärt – “Moral ist uns wichtiger als Geld” – dann müsste das bei klugen und die Fakten kennenden Menschen eigentlich ein heftiges Kopfschütteln verursachen. (Den Fans sei verzeihen – Liebe kann blind machen)
Der Verein aus Köpenick sollte aber jetzt dringend alle seine Sponsoren überprüfen. Die Sponsoren sollten beim Kultklub Unbedenklichkeitsbescheinigungen der Birthlerbehörde für alle ihre leitenden Angestellten vorlegen müssen. Wer weiß, wie viele ehemalige Stasileute sich da noch verstecken…
Natürlich spielt es überhaupt keine Rolle, ob eine Führungskraft eines sponsernden Unternehmens vor 20 Jahren mal beim CIA, dem BND, dem Verfassungsschutz oder sonst irgendeinem Geheimdienst gearbeitet hat. Oder doch? Jedenfalls gibt es keine Behörden, die bestätigen, dass man für diese Geheimdienste nicht tätig war – oder ist. Aber schließlich begehen so integere Geheimdienste keine Verbrechen – und sind somit besser als der böse Dämon STASI. Nur ausnahmsweise gelangte so eine Aktion wie CHAOS an die Öffentlichkeit. Und der BND würde niemals Journalisten des Spiegel bespitzeln, denn das darf er natürlich nicht.
Warum stört sich eigentlich niemand daran, dass Gazprom den Fußballbundesligisten Schalke 04 sponsert? Dort sitzt mit Waleri Golubjew ein ehemaliger Geheimdienstoffizier im Vorstand, als stellvertretender Vorsitzender. Und der Aufsichtsrat Igor Jussufow soll ebenfalls ein ehemaliger Geheimdienstler sein. Der rettet gerade die ostdeutschen Werften – und woher die Gelder solcher Neureichen kommen, scheint beim Sponsoring des westdeutschen Bundesligisten auch keine Rolle zu spielen.
Nun ja – Schalke muss ja seinen Kult auch nicht aus einem imaginärem Widerstand gegen einen toten Geheimdienst und einen ehemals von diesem unterstützten Nachbarverein ziehen.
Union verzichtet letztlich nicht wegen der Stasivergangenheit des ehemaligen Vorstandvorsitzenden (er war schon zurück getreten, als Union den Vertrag kündigte) auf die versprochenen 10 Millionen des Sponsors, sondern weil der Verein befürchtete, die Undurchsichtigkeit des Vertragspartners könnte bei Aufdeckung der Geschäftsfelder letztlich zu einem Desaster führen. Wer glaubt, dass es um die tote Stasi ging, ist doof.
25. August 2009 von Maja Wiens | 4 Kommentare
Nein, ausnahmsweise ist nicht die CDU gemeint, die sind noch schlimmer als doof – aber nicht dumm.
Gemeint ist der 1. FC Union.
In BILD.de heißt es: “Diese Nachricht erschüttert Köpenick: Am Montagabend feuerte Zweitliga-Spitzenreiter 1. FC Union seinen Hauptsponsor International Sport Promotion (ISP). …
…Die Stasi ist als früherer Förderer des Erzrivalen BFC Dynamo bei Union verhasst.”
Hintergrund der Geschichte, die laut BILD (Matthias Koch) Köpenick erschüttert, ist angeblich die Tatsache, dass ein ehemaliger Hauptmann der Staatssicherheit (HA – Hauptabteilung Aufklärung) beim neuen undurchsichtigen Sponsor ISP die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden ausübte. Lang, lang ist’s her: Die DDR ist seit 20 Jahren tot – und die Stasi starb mit ihr. Lustig: Nicht die Tatsache, dass die Stasi im Klassenauftrag als “Schild und Schwert der Partei” ihrer geheimdienstlichen Tätigkeit nachging und sich dabei über Menschenrechte, Moral und Gesetze hinwegssetzte (worin sie sich von anderen Geheimdiensten nicht unterscheidet), erregt die Unioner so fürchterlich, sondern dass sie den BFC Dynamo unterstützte. Nun zerschnitt der Zweitligaverein aus also aus “Hass” auf einen seit 20 Jahren toten Förderer eines jetzigen Fünftligisten das Band und den Bund mit dem bösen Hauptmannsponsor. So kann man auch zu 10 Millionen NEIN sagen. Union ist doof, sage ich.
Vielleicht ist Union aber doch nicht doof. Die das sagen, sind ausgerechnet die Union-feindlichen Fans des BFC Dynamo. Die vermuten nämlich, dass die Informationen über die frühere Tätigkeit des Sponsors als Stasihauptmann aus der Vorstandsetage von Union in die Redaktion des Spiegels gelangten. Weil man den inzwischen ungeliebten und zu undurchsichtigen Sponsor gern wieder loswerden wollte. Auf Grund der sportlichen Erfolge zu Beginn der Saison stünden längst seriösere Sponsorn auf der Matte. Und jetzt könne Union aus der schnellen Trennung auch noch einen Imagenutzen ziehen.
Einig sind sich fast alle: Die Tatsache, dass ein ehemaliger Hauptmann des Ministeriums für Staatssicherheit nach 20 Jahren in einer Führungsposition eines Unternehmens arbeitet, ist Grund genug, ein Sponsoring des Unternehmens abzulehnen. Während ein Sponsoring durch den Flick-Konzern oder die Deutsche Bank keinesfalls einen Aufschrei von irgendwem hervorrufen würde.
Nunja, einen Aufschrei hat es ja wegen des Hauptmanns aus Köpenick (der Einfall ist nicht von mir!) auch nicht gegeben. In überregionale wichtige Zeitungen wie FAZ, Süddeutsche usw. habe es das Ereignis ja nicht geschafft, berichtet mein Informant aus dem Inneren der Medienmachtzentrale und was Matthias Koch behauptet hat – Köpenick sei erschüttert – stimmt auch nicht. In einem mir bekannten Medienbüro in Köpenick interessierte die Nachricht vom Sponsorenrausschmiss niemand – und es wackelte kein einziger Schreibtisch.
Übrigens: Der aufschreiber hat sich des Themas auch angenommen KLICK
21. August 2009 von Maja Wiens | 1 Kommentar
Ich leite dir mal ‘ne Mail weiter, rief ich.
Aber nicht die von Achim, die hab ich schon, brüllte er zurück.
Wir müssen von Schreibtisch zu Schreibtisch brüllen – sonst verstehen wir uns nicht. Er weigert sich hartnäckig, Skype einzurichten, ich kann keine Wände einreißen und den Lärm der Baustelle gegenüber müssen wir gemeinsam hinnehmen.
Wer ist Achim, fragte ich mit letzter Stimmkraft zurück.
Achim sucht Arbeit, eine Bewerbung oder so, hieß es von nebenan.
Ich ließ mir die Bewerbungsmail weiterleiten und gelangte so auf Achims Seite.
Inzwischen weiß ich, wer Achim ist. Einer, der einen Arbeitspaltz verdient hätte. Einen mit einem eigenen Büro und immer Internet und einer netten Chefin (so wie ich eine wäre) und einem tollen Gehalt.
Ich habe mich nämlich auf Achims Arbeitssuchseite im Internet gründlich umgesehen. Und er betreibt seine Suche so intensiv, dass er eigentlich beinahe sofort eine gute Stelle angeboten kriegen müsste. Behaupten doch gewisse Politiker immer: Jeder ist seines Glückes Schmied. Das sind solche Politiker, die dann ihr Glück in Form von Diäten und Pensionsansprüchen längst geschmiedet haben. Im Gegensatz zu Achim.
Achim hat eine sogenannte ordentliche Ausbildung, ist ganz offenbar sehr fleißig, beherrscht die deutsche Sprache und Orthografie, kann sogar Englisch sprechen und ich vermute, dass auch die Prozentrechnung keine Hürde für ihn ist. Eigentlich besitzt Achim also Amboss und Hammer, nur das Schmieden misslingt bisher. Statt Glück schmiedet Achim Pläne.
Achim verteilt Flyer, schreibt Mails, blogt, zwitschert auf Twitter und bietet sogar eine Belohnung an, falls ihm jemand zu einer Arbeit verhilft. Er sucht Arbeit – keinen Job (ich hoffe darauf, dass die Leser den Unterschied noch kennen).
Mir gefällt, wenn einer sich etwas einfallen lässt, egal ob der Einfall zum Erfolg führt - oder nicht.
Für diese beschissene Gesellschaftsordnung (sie hat nichts anderes verdient als ihre Abschaffung und einen Kraftausdruck) ist schließlich nicht Achim allein verantwortlich. Und eine Arbeit zu bekommen, das ist auch Glücksache: wie ein Gewinn im Lotto – entspricht etwa einem Vierer oder Fünfer. Ein Job entspricht einem Dreier. Wenn man unter 50 bzw. 45 ist. Die Chancen sinken mit zunehmendem Alter überproportional. Was für ein Glück! Achim ist deutlich unter 50!
Und weil ich Achim noch mehr Glück wünsche, mache ich hiermit seine Suche bekannt. Ich rate ihm, mal bei mir vorbeizukommen, dann gibt es bald ein Foto von Achim, das besser in seine Pläne passt, als die komische Privatszene, die er jetzt auf seiner Seite hat – und außerdem, kann er mir eine Mail schreiben – dann verrrate ich ihm, was ich noch für ihn tun kann, damit sich seine Aussichten verbessern. Nein, das kostet ihn kein Geld. Es bringt auch keines ein – aber es verbessert seine Aussichten auf eine Arbeit, ist sozusagen ein Zweitlos.
Guten Tag,
ich bin der Achim. Und ich suche Arbeit.
In Berlin, um Berlin und um Berlin herum.
Auf meiner Heimseite stelle ich mich Dir vor:
http://www.AchimsuchtArbeit.de
Du kannst mir dort auch Fragen stellen: http://sokoberlin.de/frag-den-achim/
Auf Twitter bin ich ebenfalls vertreten: http://Twitter.com/SoKoBerlin
Sachdienliche Hinweise bezüglich der Frage, wo sich die Arbeit versteckt hält, sind ausdrücklich erwünscht. Vielen Dank für Deine Hilfe.
Mit freundlichen Grüßen
Achim aus Berlin-Kreuzberg
So Achim, was ich vorerst tun konnte, habe ich getan. Melde dich mal
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14. August 2009 von Maja Wiens | kein Kommentar
Hallo in die Runde, ich bin hier zur Zeit sehr still – andere Dinge halten mich “gefangen”. Aber auch das wird sich wieder ändern.
Ich bitte euch um eure Unterschrift. Unter dem zitierten Aufruf findet ihr auch einen Link zur Webseite des Moratoriums.
Bündnis für ein Sanktionsmoratorium August 2009
Sanktionen gegen Hartz-IV-Beziehende aussetzen! – Aufruf für ein Sanktionsmoratorium –
Jeden Monat wird in diesem Land zigtausenden Erwerbslosen mit Sanktionen das Existenzminimum gekürzt oder sogar gestrichen, weil sie Forderungen der JobCenter nicht erfüllt haben oder weil ihnen dies unterstellt wird. Im Jahr 2008 wurden über 780.000 derartige Sanktionen verhängt. Ist schon der rigide Hartz-IV-Sanktionsparagraf mehr als problematisch, so führt die katastrophale Personalsituation in den JobCentern zu einer Praxis, die für die Betroffenen unzumutbar ist. Von den 2008 eingelegten Widersprüchen gegen Sanktionen waren 41 % ganz oder teilweise erfolgreich, von den eingereichten Klagen 65 %. Die Auswirkungen von Sanktionen werden dadurch verschärft, dass Widersprüche keine aufschiebende Wirkung haben, d.h. die Menschen müssen, auch wenn sie letztlich nach gerichtlicher Kontrolle Recht bekommen, unter den Sanktionen leiden.
Das Existenzminimum darf nicht angetastet werden!
Um es klarzustellen: Es geht hier nicht um Leistungsmissbrauch, sondern um Menschen, die auf die niedrigen Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind und denen man irgendein Fehlverhalten vorwirft. In den wenigsten Fällen ist dies die Ablehnung einer als zumutbar geltenden Arbeit. Die meisten Sanktionen werden verhängt wegen Konflikten um Meldetermine, um die Anzahl von Bewerbungen, um Ein-Euro-‚Jobs’ und andere Maßnahmen wie z.B. Bewerbungstrainings und Praktika. Sanktioniert werden auch nachvollziehbare Handlungen, die bei korrekter Rechtsanwendung nicht sanktioniert werden dürften, z.B. der Abbruch einer unsinnigen Maßnahme oder die Ablehnung einer sittenwidrigen Arbeit. Unter 25jährige wer-den besonders hart und unverhältnismäßig bestraft. Ihnen muss schon beim ersten Pflichtverstoß – von Meldeversäumnissen abgesehen – der gesamte Regelsatz für drei Monate gestrichen werden.
Arbeitslose sind nicht an der Arbeitslosigkeit schuld!
Es fehlen Existenz sichernde Arbeitsplätze. Dieses Grundproblem, das durch die Wirtschaftskrise ver-schärft wird, kann mit Sanktionen nicht gelöst werden. Mit dem Sanktionsregime wird jedoch so getan, als hätten die Erwerbslosen ihre Lage verursacht und müssten zur Arbeit getrieben werden. Dabei zwingt das Sanktionsregime nicht nur Alg-II-Beziehende, Arbeit um jeden Preis und zu jedem Preis an-zunehmen, es wirkt auch als Drohkulisse für die Noch-Erwerbstätigen und ihre Interessenvertretungen.
Sanktionen als Mittel, um Sparvorgaben zu erfüllen?
Die Sanktionen werden auch vor dem Hintergrund von Sparvorgaben verhängt, welche das Bundesministerium für Arbeit und Soziales über die Bundesagentur für Arbeit den JobCentern auferlegt. Für das Abschwungjahr 2009 wurde das „ehrgeizige“ Ziel gesetzt, die Existenz sichernden Leistungen um 3 % zu senken und die Vermittlungsquote in den erwartbar enger werdenden Arbeitsmarkt zu erhöhen. Vielfach sehen Mitarbeiter nur durch verstärkte Sanktionen die Möglichkeit, diese Zielvorgaben zu er-reichen. Die Vermittlungsquote kann ohnehin nur durch den Zwang, ausbeuterische Beschäftigungsver-hältnisse anzunehmen, erreicht werden. Der Druck, bei der Bundestagswahl gute Zahlen zu präsentieren, kann diese Entwicklung kurzfristig noch verschärfen.
Ein Moratorium ist nötig!
In der Frage, ob die Hartz-IV-Sanktionen grundsätzlich gegen Grundrechte verstoßen, haben wir, die Erstunterzeichner, unterschiedliche Auffassungen. Wir sind uns aber darin einig, dass angesichts der gegenwärtigen Zustände in den JobCentern der Vollzug von Sanktionen sofort gestoppt werden muss.
Aufruf für ein Sanktionsmoratorium
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Es ist dringend notwendig, die Mißstände in den JobCentern, die bislang in ihrem Ausmaß zu wenig be-kannt sind, offen zu legen, für deren Beseitigung zu sorgen und den gegenwärtigen Sanktionsparagrafen grundlegend zu überdenken. Während dessen dürfen Erwerbslose nicht den derzeit verbreiteten Sankti-onspraktiken ausgesetzt werden. Ein sofortiges Moratorium, ein Aussetzen des Sanktionsparagrafen, ist deshalb notwendig.
Die Langfassung dieses Aufrufs und weitere Informationen finden Sie unter: www.sanktionsmoratorium.de
Initiator/innen dieses Aufrufs sind:
Tacheles e.V. (Wuppertal) Prof. Dr. jur. Helga Spindler (Universität Duisburg-Essen) Prof. Dr. Franz Segbers (Universität Marburg) Prof. Dr. Claus Offe (Hertie School of Governance) Prof. Dr. Stephan Lessenich (Friedrich-Schiller-Universität Jena) Markus Kurth MdB (Bündnis 90/Die Grünen) Katja Kipping MdB (DIE LINKE)
Jürgen Habich (BAG Prekäre Lebenslagen) Franziska Drohsel (Bundesvorsitzende der Jusos) Prof. Dr. Klaus Dörre (Friedrich-Schiller-Universität Jena) AG Sanktionen der Berliner Kampagne gegen Hartz IV
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