Archiv für die Kategorie ‘Stichpunkte’

Vertrau der Magie des fotografierenden Blicks – tägliches Gebet

Mein tägliches Gebet:

Sieh doch mal,

sieh doch noch einmal genau hin,

ganz sicher hast du nicht ALLES gesehen!

Übersehen vielleicht das Wichtigste,

einen tonlosen Hilferuf,

eine verborgene Schönheit,

ein offensichtliches Geheimnis.

Der Verstand ernährt sich von Einflüssen.

Füttere ihn!

Bemühe dich um Übersicht.

Ordne die Bilder.

Es ist vernünftig, dem Sehen viel Zeit zu schenken.

Überraschende Entdeckung, dass Storchennester flach sind

und dass der Storch darin kniet.

Schau hinter die Kulissen.

Einblicke machen Einsichten möglich.

Und sieh nur,

die schmutzige Ente an der Türklinke bittet um Asyl.

Sie erinnert daran,

auch die zu sehen, die du nicht siehst.

Wechsle den Standpunkt,

ändere die Perspektive.

Der erste Blick darf nicht der letzte sein.

Storch im Nest - knieend

Storch im Nest – knieend

Ente an Türklinke

Ente an Türklinke


Glück

Sie: Glück ist mehr als die Abwesenheit von Unglück.

Er: Schatz, die Abwesenheit von Unglück wäre aber mindestens ein Schritt in die richtige Richtung.

Sie: Und mittendrin, was ist das dann?

Er. Ein Sommer wie dieser, ein überfluteter Keller und eine Versicherung, die zahlt…

Sie: Und, was denkst du, zahlt die Versicherung?

Er: Nein. Aber wir haben ja zum Glück uns.

Da lächelt sie.


Stärker als der Schmerz

Was soll ich schon schreiben, über den alten, kranken Hund? Dass er uns ein Stück folgte beim Abendspaziergang? Ja, er tat es, hinkend und mit wunden Pfoten. Sein Fell ist ein wenig verfilzt, die Augen sind traurig, aber er schaut, als verstünde er alles. Täglich kommt er zum Schloss, er gehört anderswo hin, erfahre ich. Er kommt nicht des Futters wegen, davon bekommt er zu Hause genug. Aber hier sind viele Menschen, denen er gefällt.

Ich notiere:

Die Sehnsucht nach Zärtlichkeit ist stärker als der Schmerz.

Hund in Rybokarty

Hund in Rybokarty


Nur krasser…

Im Moment sind „nur-krasser“-Sprüche große Mode.

Rausgehen ist wie Fenster aufmachen, nur krasser.

Denken ist wie googeln, nur krasser.

Machen ist wie wollen, nur krasser.

Lieben ist wie hassen, nur krasser.

So, und jetzt füge ich mal einen ohne Verben hinzu, mal sehen, ob er die Runde macht:

ZUKUNFT IST WIE GEGENWART, NUR KRASSER.


Am Tag der Störche

Am Tag der Störche,

– es sind mindestens viele –

versammeln sich die schönsten Stare

auf der hohe Birke im Dorf

und tanzen auf biegsamen Zweigen

singend im zarten Wind.

Eifrig schicken sie ihre Tondusche

 nach unten zu mir,

laut und stark und hell.

Viel später in Berlin

der Ruf der Mauersegler.

Ich atme auf,

sie sind noch da.

Wir sind zu Hause

und es ist Sommer.

Alles gut.

Stare auf der Birke


Man muss sich wehren

Stichpunkte:

Komfortzone .Schwer zu erfassen, woher solche Begriffe kommen, wengleich man,  ach nein, nicht man (!), nicht irgendwer – sogar ich doch weiß, die kommen aus dem Englischen. Aber woher kommen sie dort? Was dahinter steckt, das interessiert mich. Fragte gestern herum. Komfortzone. Keine Antworten, nur Achselzucken und schneller Übergang in die Small-Talk-Zone. Im Netz finden sich diverse Texte zur Komfortzone – im Wesentlichen mit einem Tenor:  Es sei wichtig, die Komfortzone zu verlassen, damit man sich entwickleln könne. Stimmt nicht unbedingt. Der kleine Mensch entwickelt sich bis zur Geburt in einer absoluten Komfortzone.

In der DDR gab es Komfortwohnungen. Als Jugendliche wohnte ich zeitweise in einer, auf die meine Mutter sehr stolz war. Als sei es irgendwie ein Verdienst, eine Wohnung mit einer inneliegenden Toilette und einer Badewanne zu haben. Die Wärme kam aus der Ferne. Auch im Winter hatten wir alle Fentser gekippt, sonst wäre es nicht auszuhalten gewesen.  Der Duft von gebratener Braunkohle hing über der Stadt. Die meine Mutter umgebende Wohnungs-Komfortzone habe ich gerade noch rechtzeitig verlassen.  Ich wehrte mich gegen das Genausowerden und entschied mich für das andere Leben. Auch war ich kein Unkraut wie meine Mutter meinte, sondern eine Wildpflanze. Gegen Unkrautex bin ich resistent.

Frau K. (weit in den 90igern), die heute ich wegen der Übergabe von Katzenfutter anrief, hat einen vollen Terminkalender. Man muss sich vielleicht gegen das Alter wehren, indem man aufhört, es wahrzunehmen als eine Begrenzung der eigenen Möglichkeiten.

Es lohnt sich weiterzudenken. Verweigerung von Gedankenarbeit ist kontraproduktiv für das Überleben. Da zählt keine Entschuldigung.

Ein Schmetterling, den ich gestern fotografieren wollte, wurde auf meiner Schulter entdeckt, auf der er sich zeitweise niedergelassen hatte.

Ein Plastikfisch umschließt eine Tüte mit einem Salatrest. Die blaue Hanna blüht. Wirkliche Nähe verschwindet mit dem Tod nicht. Die fremden Gedanken haben sich eingegraben und fanden eine Heimstadt. Menschliche Überlebensstrategie. Auch eine Art Wiedergeburt.  Wir lasen: „Eine taktische Frage“ – Rosa Luxemburg. (Bei Interesse: KLICK)

Mein Kopf fotografiert Worte. Festhalten: Gewöhnliche Gewohnheiten. Fuhr gestern mit der Kollegin durch gewerbliche Gegenden.

Schlimmer als Gedankenarmut kann fehlende Selbstreflexion sein. Als gestern jemand Freundlichkeit als Zeitverschwendung und Formalie abtat, da brach es mir fast das Herz – völlig unnötig. Hätte es gleich ablegen sollen unter dem Label Unsymphat. Ich erinnerte mich in dem Zusamenhang an Horst E. Richter.  Fand sein Buch auch gleich im Regal:

„Die natürliche Bedingung für die Wechselbeziehung zwischen Hilfe und sozialer Hilfe ist die alles menschliche Leben verbindende Anlage zur Sympathie. Das ist nicht nur die Fähigkeit sich wechselseitig einzufühlen. Sondern auch die spontane Bereitschaft, eher der als Notwendigkeit erlebbare Hang zu einem spontanen Mitfühlen. Der Einzelne findet sich, wenn er sich nicht gewaltsam egozentrisch selbst isoliert, ursprünglich und spontan in die Gemeinschaft eingebunden.

Unter den Zwängen des Machtprinzips und des egozentrischen Rivalisierens wird die als Sympathie ursprünglich und natürlicherweise gegebene emotionale Beziehung unter allen Einzelwesen kaum mehr wahrgenommen.“ (Das Urphänomen Sympathie als Disposition für Solidarität und Gerechtigkeit – 16. Kapitel in Der Gotteskomplex)

Brombeeren locken in S., reif oder noch nicht reif, das ist die Frage. Noch nicht reif, verspreche ich mir hoffnungsfroh.

 


Abendspaziergang mit G.

G. ist Sozialarbeiter und älter als Methusalem. Ich darf das schreiben, er hat es erlaubt. Ich kenne G. seit meiner Kindheit, er war damals schon uralt. G. kann gut zuhören, redet aber noch lieber. Er erzählt ununterbrochen Geschichten, von denen er behauptet, dass sie sich wirklich zugetragen haben. Heute erzählte er mir folgende:

Ein vierjähriger Junge, um den sich G. besonders kümmerte, weil beide Eltern Alkoholiker waren, flüchtete eines Nachts aus Angst vor den gewalttätigen Eltern, die sich heftig stritten, hinaus auf die Straße. Seine Eltern bemerkten das nicht. G., wohnte mehr als 5 km entfernt, entsprechend erstaunt war er, als der Kleine nachts um 2:00 Uhr vor seiner Tür stand. Nie vorher war der Junge bei G. gewesen, nur einmal hatte der Vater im Vorbeifahren mit der Straßenbahn gesagt: Da wohnt G. Das Kind erzählte auch noch nach Jahren, es habe den Weg mit Hilfe eines schwarzen Vogels gefunden, der vor ihm hergeflogen sei.

G. meint, solche schwarzen Vögel tauchen immer dann auf, wenn wir besonders hilflos sind. Man muss sie sich nur wünschen. Dann sieht man sie auch.

Vor uns hüpfte eine – natürlich schwarze – Amsel über den vom Regen noch feuchten Asphalt. Jemand hatte mit Kreide auf die Straße geschrieben: Das Leben ist kein Stock aus Draht.


Brüderliche Liebe

Heute kam schon am Vormittag ein Paket für eine Nachbarnfamilie.

Mittags klingelte H., der ältere zweier Brüder. Als ich ihm das Paket übergab, war sein Gesicht voller Freude. Das ist für F. (den jüngeren Bruder), sagte er, Schuhe, da wartet er schon seit 3 Wochen drauf.

Es war schön zu sehen, wie glücklich der ältere Bruder war, dass der jüngere die lang ersehnten Schuhe bekommen würde.


Gestern nach dem großen Regen

Gestern nach dem großen Regen. Plötzlich – während ich arbeitend am Schreibtisch sitze – ein markerschütternder Schrei eines Kindes. Ich stürze ans Fenster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite tröstet eine Mutter ihre etwa 9-jährige Tocher, auch Vater und kleiner Bruder versuchen, das weinende Mädchen zu beruhigen. Sie schluchzt. Was ist geschehen?

Versehentlich ist das Kind auf eine Schnecke getreten und hat sie zerquetscht. Ein furchtbares Unglück, das das Kind erschüttert. Bruder und Vater räumen derweil andere Schnecken aus der Gefahrenzone.

Ich wünsche uns viele solcher Familien.


Zwischen den Hundertwassern

An meiner Wand,

zwischen zwei Hundertwassern aufgehängt,

lächelt seltsam

die Unbekannte aus der Seine,

trotz alledem.

Vergeblich meine unsinnige Hoffnung,

es sei vielleicht der Staub der Jahre,

auf ihrer Nasenspitze,

der sie kitzelnd weckt.

Sie treibt sich herum,

so tot lebendig,

bei Rilke und Goll,

Frisch und Aragon,

und nicht nur bei denen,

rastlos,

immer anders,

nie gewiss.

Ach ja, gewiss ist nur der Tod.