Archiv für die Kategorie ‘Stichpunkte’

Notiz: Sprachlos atme ich die Nachrichten ein

Sprachlos wach atme ich die Nachrichten ein,

dass die Stimme wiederkehrt, ist zu erwarten,

doch was habe ich schon zu sagen – so oder so,

bessere Nachrichten bleiben krude Utopie,

wer denn, wann endlich und mit wem?

Guck Dir an das bunt gemischte Gesocks.

Europa schläft traumlos in der Hängematte,

es weihnachtet und Stille scheint Pflicht,

störend die Schreie aus dem Mittelmeer,

wir sehen nicht die vielen Lager überall,

unsere hilflose, selbstverordnete Blindheit,

ist Verzweiflung, weder Ignoranz noch Gleichgültigkeit.

Du ersäufst nicht im Reichtum und ich auch nicht,

aber wir ertrinken nicht, auch nicht in Angst – oder nur selten.

Ratlosigkeit als Daseinsweise lehrt mich die Zeit,

einzige hilfreiche Methode der mächtige Zweifel,

schüchterner Lichtblick das gute Gespräch.

Einreisestop für Terroristen, alle ausweisen,

aber wie erkennt man die und wer will sie haben?

Der Mond grüßt mich lächelnd aus den Wolken:

Kommt Zeit, kommt Rat.

Wer’s glaubt…

 


Er-kältung

Wusste ich doch, dass ein Mann dahinter steckt…


Wir haben die Kraniche fliegen sehen

Die lockenden Tromptenrufe hörten wir schon mittags. Aber kein einziger Kranich zeigte sich.

Dann, in der späten Dämmerung, eine Tasse dunkle Schokolade in der Hand, sahen wir sie fliegen, die Vögel des Glücks. Was für ein Moment. Die Erinnerung bleibt.

Nähe verschwindet nicht mit dem Tod.

Aber wir hatten doch Pläne!

Manche Worte versteht man erst, wenn man sie so dringend braucht: untröstlich.

Nie wieder wird mich eine parfümierte Ziege aus Moskau erreichen.

Sie hat ihre Familie so sehr geliebt, es war schön, sie erzählen zu hören, vom Sohn, den Enkeln, den Brüdern und anderen Menschen, die ihr nah waren – immer voller Liebe, Achtung und Zuneigung.


Das Leben ist eine Collage

Mitten in der Nacht, also kurz vor Sieben, erreicht mich eine Nachricht über WhatsAPP:

Ja, bin ich. Guten Morgen. 

Das ist eine Antwort auf meine am Abend gestellte Frage: Bist Du da?

Der Vorteil so eines kleinen Messenger-Programms liegt auf meiner noch müden Hand: Man kann jederzeit antworten, muss aber nicht.

Mein Beschluss aufzustehen, ist der Notwendigkeit des Broterwerbs untergeordnet und kein Ergebnis purer Lust: Draußen ist es kalt und ungemütlich und drinnen gäbe es ein warmes Bett und die Möglichkeit, Hörbuch hörend dahinzudämmern und vielleicht sogar noch einmal einzuschlafen. Aber nichts da, aufstehen und rausgucken, auch, weil die Freundin behauptet hat, es sei weiß draußen, glitzernd. Da glitzert nichts, es ist ohnhin dunkel. Die Lichter der Alten Mälzerei unterbrechen das Schwarzgrau zwar wohltuend, aber zum Spaziergang lädt da nichts ein.

Es fährt ein Lastwagen vorbei, an dessen Seitenwand Möbel aufgezeichnet sind und darüber steht: Das Leben ist eine Collage

Stimmt, denke ich, schon ein einziger Tag ist eine.

Also dieser zum Beispiel.

Meines Tagescollage setzt sich fort mit der E-Mail einer Anwältin fort, die Unterlagen zugesendet haben möchte, damit jemand, dem ich im Krieg mit Ämtern und Versicherungen ein wenig zu helfen versuche, zu seinem Recht kommt. Ob man per Gericht zu seinem Recht kommt, ist von so vielen Faktoren abhängig, dass es am Ende beinahe auf eine Lotterie herausläuft. Je größer der Gegner, desto kleiner die Gewinnchance. Herr Meyer gegen die Rentenversicherung, Herr Meyer gegen das Land Berlin, Herr Meyer gegen den Versicherungsriesen XYZ.  Gewiss ist nur, dass wer Recht hat, noch lange nicht Recht bekommen muss. Und überhaupt: Bis so ein Verfahren an dem Punkt ist, an dem Herr Meyer klagen kann, haben die meisten Menschen schon aufgegeben. Denn auch eine Rechtsschutzversicherung übernimmt in der Regel die Kosten erst ab dem Klageverfahren – im Widerspruchsverfahren ist der der Widersprechende – bei der Steuer der Einsprechende – auf seine eigene Kraft angewiesen – oder er hat das nötige Geld, um die Arbeit zu delegieren. Oder Freunde oder Verwandte, die den Kampf  für ihn führen. Aber selbst dann muss der Betroffene den damit verbundenen Ärger und Frust aushalten können. Es gibt im Internet ein Forum, das heißt „Krank ohne Rente“. Wer wissen will, wie ungerecht und für die Betroffenen lebensgefährdend es in Deutschland zugeht, der sollte dort einmal lesen.

1. Arbeit / 2. Arbeit  / 3. Arbeit

 Ich muss eine Anstrengung unternehmen. Es geht darum, etwas zu tun, das mir sehr schwer fällt. Was ich tun muss, tut weder weh, noch würde mir das Nicht(s)tun erhebliche Nachteile bringen. Es ist nur eben schwierig. Und es kostet Zeit. Aber ich erwarte ja von anderen auch, dass sie sich anstrengen. Den Maßstab, mit dem ich das Verhalten anderer Menschen messe, gilt zu allererst für mich selber. Punkt: Ich werde mich anstrengen. (Notiz – Maßstäbe sind verschieden, Lerntypen sind verschieden, Menschen gleichen sich, sind aber vor allem immer jeder ein Anderer.)

4. Arbeit /5. Arbeit /6. Arbeit.

Mir begegnet Eugen Gomringer. Ein Dichter, dessen Namen ich bisher nicht kannte.

Er begenet mir in Form eines Gedichts. Das Gedicht besteht aus vier Worten.

Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
 Übersetzt, erfahre ich, heißt das:  Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
Und jetzt bitte ich jeden Leser (der das Gedicht nicht kennt), sich eine Meinung zu bilden.
Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
 
Mir gefällt das!
 
Eine andere Übersetzung übersetzt so:

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Es erinnert mich an Brechts  „Der Rauch“.

Berthold Brecht

DER RAUCH

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See.

Für mich macht der Bewunderer die Szene schön.

Für andere offensichtlich nicht. Das Gedicht wohnt an einer Hauswand und soll da weg. Es sei frauenfeindlich, heißt es. Klick

Und dann stoße ich noch auf einen Artikel in der Berliner Zeitung, den ich sehr empfehle – Es ist etwas faul im Staate D., das ist mein Kommentar dazu.

Wer nicht miteinander redet, wird irgendwann aufeinander schießen.

Diskussionskultur an Unis: Die neue Intoleranz

Arbeit 7 /Arbeit 8 / Arbeit 9

Im Bad geht das Radio an, ich hänge die Wäsche auf. Ferdinand soll geschossen werden. Wer ist Ferdinand? Ferdinand ist ein weißer Elch in Schweden, der kürzlich unangenehm aufgefallen ist, weil er eine Frau mit zwei Hunden erschreckt hat. Letztlich ist nichts passiert, aber Ferdinand ist zum Abschuss freigegeben. Im Internet formiert sich die Rettungsgemeinde, natürlich gibt es bereits eine Online-Petition.

Rettet Ferdinand, schließlich ist der auch für den Tourismus wichtig!

Es klingelt. Die beiden Paketboten, die mir ein Amazonpaket bringen, sprechen kein Deutsch. Auf meine Frage, ob sie mich von unten gehört haben, antwortet der eine: Ich wünsche Sie ein sonniges Leben. Da kann ich mich nur bedanken.

S. ruft an, hat einen Telefonmarathon hinter sich, wollte einen Termin für uns vereinbaren – sinnlos, es gibt gar keinen wirklichen Ansprechpartner in dieser Behörde. Warteschleifenmarathon beim Versuch, in der empfohlenen Ersatzbehörde einen Termin zu machen. Es gibt eine Online-Variante zur Terminvereinbarung. Ich übernehme das, sage ich. Da weiß ich noch nicht, worauf ich mich einlasse.

Termine

Termine

Es gibt bis Februar keinen einzigen Termin. Nach Februar gibt es auch keine Termine, weil der Terminkalender nicht weiter geht. Anschließend sitze ich wie ein Kaninchen vor der Schlange und zappe zwischen Terminvereinbarungsorten hin und her. Ich habe Glück, ich erwische einen Termin am 8 Februar 2018, den jemand anderes abgesagt hat.

Arbeit 10 /Arbeit 11/ Arbeit 12

Meine Gäste bringen Milchreis mit. Z. hat eine neue Zahnspange und kann schlecht kauen. Der Kakao kocht über. Ich bin schuld. Z. behauptet, sie sei schuld, stimmt aber nicht. Z. hat versucht, den Topf auf neben die Flamme zu ziehen und gemeinsam haben wir den Kakao in der Küche verteilt, weil ich auch meine Hand am Topf hatte. J. eilt herbei und im Sprachgewirr komme an den Rand meiner Belastbarkeit, aber es ist trotzdem lustig. Kann also auch Spaß machen, wenn man die Küche mit Kakao vollgießt :-). Das ist trotzdem keine Handlungsempfehlung.

Wir trinken die Reste und reden über Feste, besonders über Weihnachten. Baum, Kerzen, schön…

Im Profil von I. aus Syrien: „Ich weiß nicht, wer unser Land verkauft hat, aber ich weiß, wer den Preis dafür zahlt“

Arbeit…

Clara ist krank. Die anderen Ratten kümmern sich um sie, aber ich fürchte, ich werde Clara bald verlieren. Doch heute frisst sie Milchreis und guckt krank, aber glücklich.

Der Tag ist beinahe zur Ende. Einige Collageteile habe ich hier nicht erwähnt.

Zum Schluss:

Über den Verbleib des Gedichts an der Hauswand wird jetzt abgestimmt. Schlimmer gehts nimmer, das ist meine Meinung dazu. Demokratie ist merkwürdig. KLICK

Ferdinand ist geschützt – er darf nicht mehr geschossen werden – KLICK

 

 

 


Überfüllter Kühlschrank

Mein Kopf gleicht einem überfüllten Kühlschrank. Er ist ein Vielvölkerstaat auf engstem Raum und platzt aus allen Nähten.

Wie auch immer ich die Dinge packe – erstens kann ich sie nicht alle essen und zweitens wird immer etwas „falsch“ stehen. Fleisch gehört nicht ins Gemüsefach!

Was ich an diesem Wochenende lese und höre, kann ich im Kopf kaum aushalten. Und doch sind wir machtlos. Und da wo wir ein wenig Macht ausüben könnten, tun wir es nicht.

„Zuwanderung aus Afrika – Dilemma für Europa? Politiker glauben, dass sich in Afrika die nächste große Wanderungswelle Richtung Europäische Union formiert.“

Zuhören:

https://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/zwoelfzweiundzwanzig/201711/168362.html

Alternativer Link: http://rbbmediapmdp-a.akamaihd.net/content/0237aa76-f886-4982-9384-bdee17d38d85_d6b27adc-f746-4f9b-9407-2a67a77f8221.mp3

Ja, Diktatoren sind die Türsteher Europas.


Seelenheiler

Wie heilt man die Seele? Je älter ich werde, desto eher verstehe ich das Handauflegen. Nicht, dass ich mich darauf verstünde – nur in seltenen Fällen – aber ich begreife die Wirkung, die liegt ja auf der Hand.  Manchmal reicht es auch, einfach die Hand zu reichen. Eine Handreichung – handeln.


Gesicht in der Tasche

Stolz präsentiert  die Linde vor meinem Fenster

ihre grünen Blätter:

Wir halten stand, trotzig.

Jawohl, ja wir wollen

den Winter erleben lebendig,

mit allen Fasern fühlen,

lassen sie mich wissen.

Im Frühling berichten den Nachkommen,

so denken sich das die Optimisten,

und sie werden doch schneller zu Laub

als sie jetzt hoffen,

ich kenne ihre Zukunft.

Eine Elster beäugt

die zartblaue Meise nebenan,

die träumt vielleicht von Freundschaft.

Vergebliche Liebesmüh!

Das Gesicht in der Tasche,

stürme ich also durch den Tag.

Augen zu und durch,

befehle ich mir

und lache zwischendrin

über einen Brief.

Das Leben ist ein hartes Training,

und wenn Du unbedingt jetzt

so zwischendurch und sofort

die Sinnfrage beantworten musst,

dann träum Dich in ein Sommersonnenblumenfeld

und setz den grünen Hut auf,

sage ich mir.

Bin schnell inmitten der gelben Blumen,

aber wo ist der Hut?


Leben im Schatten der Zukunft

Wir spüren die Brüderlichkeit der Nächte,

ehrgeizig leuchtet der Mond

und gewiss geht die Sonne auf.

Der Weltuntergang ist aufgeschoben,

weissagte auch P.W.,

gefährlich nah scheint mir das Ende

noch immer.

Aber der Morgen bricht durch

und unsere Kinder sind doch auch noch da!


Abschied

Mich erreicht

jetzt schon ein letzter leichter Sommergruß.

Noch sind die Blätter grün,

doch die ersten segeln schon im zarten Wind

unaufhaltsam ihrem Ende zu.

Mühsam bahnt sich ein Abendsonnenstrahl den Weg

und besucht mich.

Es wird schon so früh dunkel.

Gerade eben, denke ich, war doch noch Frühling.

Was bleibt vom Sommer?

Ein zartes Rotkehlchen auf dem Zaun –

zum Beispiel.

Doch ich weiß schon jetzt:

Es wird kälter in Deutschland,

schon am Sonntagabend.

Rotkehlchen

Rotkehlchen

 


Das Glück der Anderen

Heute habe ich ein sehr glückliches junges Mädchen fotografiert. Das Foto gibt es hier nicht, das ist privat. Aber die glücklichen, schönen Augen der jungen Frau sind so wunderbar, dass jeder, der in diese Augen blickt, ein wenig von ihrem Glück geschenkt bekommt. Das Glück der Anderen kann glücklich machen.