Archiv für Juli 2018

Danke Pia, danke Nachbarn

Heute wollte ich wieder in das Einkaufszentrum – gestern kam ich nämlich zu spät. Auf dem Weg begegnete mir Pias Zettel. Sie bittet alle Nachbarn, die kleinen Straßenbäume zu gießen.

An der schönen, grünen, alten Pumpe ist jetzt täglich Betrieb. Die Nachbarn versorgen die Bäume mit Wasser. Sie schleppen die Eimer trotz der Hitze.

Pias Bitte

Pias Bitte


Eigentlich wollte ich nur schnell etwas besorgen

Eigentlich wollte ich nur schnell etwas besorgen und dann noch ein Stück spazieren gehen.

Für meine Besorgung musste ich in das hiesige Einkaufscenter. Ich wusste, dass es knapp werden würde – der Laden schließt um 20:00 Uhr und ich konnte erst 15 Minuten vorher das Haus verlassen. Deshalb hatte ich – ganz entgegen meiner Gewohnheit – keine Kamera mit. L.(5 Jahre, sie lernt seit 1,5 Jahren deutsch) teilt meine Kameras ein: Die kleine Kamera, die mittlere Kamera und die große Kamera. Sie fehlten alle. Aber ich hatte das Handy dabei.

Auf dem Weg will ich an A. ein paar Bilder schicken – zum Deutschlernen. WhatsApp sei Dank, ist das einfach.

Ich schicke ein Bild von einem kaputten Luftballon, einer kaputten Schaufensterpuppe – es geht um das Wort „kaputt“ dann halte ich suchend das Handy in die Höhe, drehe mich, an mir vorbei geht eine junge Frau und als sie vorbei ist, dreht sie sich um – ich habe immer noch das Handy oben… Die Frau kommt (stürzt?) auf mich zu.

Haben Sie mich fotografiert?

Nein, antworte ich wahrheitsgemäß.  Wie kommen Sie darauf? Ich lerne mit jemanden Deutsch und habe ein Motiv gesucht. Ich zeige ihr mein Handy, der Dialog mit A. ist offen.

Sie ist ganz offenbar wütend.

Ich will freundlich sein. Ich stelle die blödeste Frage der Welt: Woher kommen Sie denn? Ich frage das, weil sie ein Kopftuch trägt, von dem ich denke, dass es wie bei den syrischen muslimischen Frauen gebunden ist. Aber es bleibt trotzdem eine dumme Frage. Und ich kriege – das habe ich verdient – mein Fett weg: Ich bin hier geboren. Sie spricht ohne Akzent.

Wir verstehen uns trotzdem nicht. Sie hält mich für eine böse Rassistin, die auf der Straße Frauen mit Kopftuch fotografiert, zu welchem Zweck auch immer. Und sie glaubt, dass ich wenn ich sie denn fotografiert hätte, sie nur wegen des Kopftuchs fotografiert hätte.

Ich frage sie, wieso sie mich denn verdächtigt. Dass sie mich verdächtigt, daran besteht kein Zweifel. Ich erkläre ihr noch einmal, dass ich ja nur mit jemandem Deutsch lerne und deshalb nach einem Motiv gesucht habe.Ich habe sie nicht fotografiert, wie sie ja an meinen Fotos sehen kann. Sie wirft mir mangelnde Emphatie vor. Mehrfach. Ich befinde mich schnell im Verteidigungsmodus. Meine Freundlichkeit, mit der ich versuche, sie davon zu überzeugen, dass ich weder ihr noch anderen Menschen gegenüber feindlich gesinnt sei, trifft auf taube Ohren. Sie ist der Meinung, ich müsste verstehen, dass ich in Verdacht gerade, wenn ich mich so benehme. Sie redet vom Recht am eigenen Bild und ist irgendwie immernoch aufgebracht, obwohl ihr ja nun inzwischen klar sein müsste, dass ich mich nicht mit „feindlicher Absicht“ durch den Straßenraum bewegt habe. Ich bin der Meinung – das sage ich ihr – sie hätte – wenn überhaupt – mich anders ansprechen müssen. Sie meint – ich würde sie ja gar nicht kennen und wüsste gar nicht, ob sie hysterisch oder zickig oder sonstwas sei… Wie denn anders? Guten Tag und Entschuldigung haben Sie… Das findet Sie nicht angemessen. Was sie denn gemacht hätte, wenn ich einfach weitergegangen wäre? Dann wäre sie mir hinter hergelaufen und hätte die Polizei gerufen. Häh, die Polizei? Sie denkt, die hätten dann mein Handy kontrolliert. Ich denke das nicht – und widerspreche. Das dürfen die ja so einfach gar nicht, Sie meint, aber dann hätte ich wenigstens Stress gehabt.

Die Genugtuung, jemand anderem dann „wenigstens“ Stress bereitet zu haben, verstehe ich nicht.

In ihrer Sprache, in ihrem Gebaren, ihren Anwürfen steckt meines Erachtens eine Verachtung, die ich auch nicht verstehe. Sie habe mich ja nicht geduzt und auch nicht beschimpft, meint sie. Ich fühle mich aber angefeindet – so sehr, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.

Sie wäre schon so oft fotografiert worden, auch von Männern, und ich wisse ja, wie das sei mit den sozialen Medien. Ich wisse ja nicht, was sie schon alles erlebt habe. Und außerdem gäbe es ja nur ihr Gesicht, was da denn dran wäre. Alles bis auf das Gesicht ist tatsächlich verhüllt und das bei dieser Hitze. Das Gesicht, sei doch oft das interessanteste Motiv für Fotos, sage ich und erkläre ihr, dass ich sonst immer eine „richtige“ Kamera dabei habe. Und dass man natürlich auch auf der Straße fotografieren darf. Ja, aber mich nicht, sagt sie. Ich wiederhole, dass ich sie nicht fotografiert habe.

Ich weiß nicht, was sie erlebt hat. Aber ich fühle mich trotzdem sehr unwohl bei dem Gedanken, dass ich zukünftig aufpassen muss, dass nicht zufällig eine Frau mit einem Kopftuch in meine Nähe kommt, wenn ich fotografiere.

Ich werde jede Frau verteidigen, die wegen ihres Kopftuches beleidigt oder angegriffen wird, jeden Menschen, der wegen seines Aussehens, seiner Religion oder seiner Kleidung diskriminiert wird.

Aber: Ich gebe es zu, ich bin inzwischen genervt von mittelalterlichen Ansichten.

Ich erlebe die Veränderung von Frauen, wenn sie ihr Kopftuch anlegen. Sie verändern ihr Wesen – sie verhüllen sich, sie schirmen sich ab. Sie sollen ihre Blicke senken. Die Männer sollen ebenfalls ihre Blicke senken. Nur keinen Kontakt zum anderen Geschlecht. Das ist unanständig. Man lächelt fremde Menschen auch nicht an. Bereits Kinder werden von Eltern und Geschwistern gelobt, wenn sie im Ramadan fasten und dabei auch auf das Trinken verzichten. Dass sie damit ihre Gesundheit gefährden, das scheint keine Rolle zu spielen, es wird geleugnet. In vielen Schulen wird „Rücksicht“ genommen, Klassenfahrten werden verlegt,  sogar Prüfungen. Kinder, die sehr müde sind, schlafen während der Schulstunden ein – kein Wunder, wenn sie erst am Abend um halb Zehn essen und trinken dürfen und dann nachts um halb Zwei zum Frühstück geweckt werden. Junge Mädchen dürfen nicht ins Schwimmbad gehen – oder lehnen das schon von selbst ab – bekommen schon Bauchschmerzen bei dem Gedanken, so viele Halbnackte sehen zu müssen.

Rücksicht, das darf nicht der Blick nach hinten sein. Sonst werden wir uns irgendwann umgucken.


Libelle – hellblau

Libelle

Libelle, hellblau auf Grün

 


Storch in Dissen

Storch in Dissen

Storch in Dissen


Und alle blickten in eine Richtung…

Millionen Handyhände reckten sich dem Himmel entgegen. Berlin wolkig, was für ein Ärger. Handy zum Fotografieren des Himmelskörpers ungeeignet. Det passt ja wieda, meckerte ein alter Berliner auf der Brücke am Stadtrand. Jemand anderes antwortete: Da passt janüscht.

„Ich hatte noch nie so viele schwarze Rechtecke in meiner Galerie“, schrieb mir M. und ich musste lachen. Es heißt ja auch: Mondfinsterns.

Fotos? Egal: Hauptsache, man hat ihn gesehen. Er war schön.

Mond

Mond


Keine Zeit!

Hast Du Zeit?

Wieso antwortest Du nicht?


Was nicht geht, geht nicht!

G. sagt immer: Was nicht geht, geht nicht.

Er hat recht.

Es ist völlig unmöglich sich um den Verstand zu bringen, wenn man (gerade) gar keinen hat.

A. hat sich verliebt…


Schwarzseher

K. fragt mich, was ich gern mal fotografieren würde.

Die Zukunft, sage ich. In diesem Moment finde ich meine Antwort noch originell.

Kannst Du haben, sagt K., lass einfach den Objektivdeckel drauf und drück ab.


Der Fensterputzer

Der Fensterputzer am Einkaufzentrum kann etwas, was ich nicht kann. Ich bleibe stehen und sehe ihm zu. Er guckt zu mir rüber.

Ich habe immer Schlieren, sage ich.

Er lächelt.

Für einen Zehner lasse ich Sie üben, sagt er.

Nöööö danke, sagte ich, habe Tom Sayer gelesen.

Er: Ich auch.

Und dann fügt er hinzu:

Viele Steine,
müde Beine,
Aussicht keine,
Heinrich Heine.


Anpassung

Anpassung

Anpassung