Archiv für die Kategorie ‘NOTIZEN AUS DEM OFF’

Zeit, alle Zeit der Welt

Heute wiederentdeckt: Mir kann gar keine Zeit fehlen.

Zeit ist immer da.

Und das ist gut so.

Denn wenn es nötig ist, habe ich alle Zeit der Welt.

Danke R. für die Erinnerung daran und unser gutes Gespräch.

Die Zeit, die ich mit Z. in Prozent- und Zinsrechnung gesteckt habe,

hat sie heute zurückbekommen.

Eine 1 in Mathe.


Wider die Angst

Du bist, wer Du bist.

Der karge Boden

unter Deinen nackten Füßen,

er gehört Dir doch,

eigentlich.

Die alte Amsel

singt in der Stadt lauter.

Nimm dir ein Beispiel,

sie ist weise.

Strippenzieher,

die vielleicht – oder sogar bestimmt

wieder, wieder und wieder

mit Dreck werfen werden,

blende den Gedanken an sie aus.

Tu, was Du tun musst.

Denk nicht an sie.

Sonst haben sie gewonnen,

Dich eingesperrt

in Dir.

 


Belle vue

Schöne Aussicht, schöner Blick…

Schöne Aussicht - Bellevue

Bellevue – Schöne Aussicht

 

Langes Gespräch mit A. – kurzes Fazit: Das Leben bleibt kompliziert. Aber wie schön: Wir können noch staunen, übereinander und überhaupt.

 


Mehr Meer bitte

Das Meer ist so schön. Das finden auch K. und D., die mich begleiten. Am Meer kann man schnell entschleunigen – man muss nur hingucken und zuhören. Deshalb hätte ich ein wenig Meer gern in Berlin… Ein halbes Meer würde reichen. Aber in Berlin wird schon der Sand knapp. Beton, Beton und nochmals Beton. Kein Meer, kein halbes. Deshalb gibt es auch keine halbe Seepromenade. Die findet man in Warnemünde.

Halbe Seepromenade

Halbe Seepromenade


P. ist tot

Du bist viel zu früh gestorben.

Ich habe es am Telefon gehört.

Verstanden habe ich es nicht.

Wie könnte ich?

Dein Sohn ist doch noch so klein.

Der Himmel weint.

Die Nacht schweigt unendlich schwarz.

Und doch:

Weil euer Kind lebt,

lebst auch Du.


Ruhelos

Ruhelos wiegt sich die kahle Linde

im kalten Wind,

als verzehre sie sich nach der fernen Sonne,

zitternde Beschwerde:

Wärme muss immer nah sein.

Mein Blick umarmt den Baum.


Frommer Wunsch

Gläubige aller Religionen vereinigt euch und bringt eure Götter um.


Gemächlich

Gemächlich läuft die Hoffnung

den Bach hinauf und bis fast in den See,

ungünstig nur die Winde,

versprühen das Nass auf trockenen Sand.

Es versickert lautlos.

Feuchter Sand ein letztes Zeichen.

Wir haben keine Zeit,

jetzt ist jetzt und die Zukunft ungewiss,

sicherheitshalber binde ich die Schnürsenkel zur Schleife.

Nur nicht stolpern,

wer fällt, hat verloren.

Gemächlich laufe ich

der Hoffnung hinterher.

 


Scheiß Leben

Z. steht nach der Schule vor der Tür und sagt als erstes: Scheiß Leben.

Was?

Ich habe heute in der Schule geweint.

Ich blicke sie fragend an.

Die Kinder in Syrien, sagt Z., sie haben keine Schuld. Und jetzt sind sie tot. Sie haben gar nichts gemacht.


Das ist das Schlimmste

Das ist das Schlimmste,

dass es schon fast radikal normal ist,

dass wir nicht erschüttert aufmerken,

sondern Getöse fromm hinnehmen

und regelmäßig schamhaft schweigen.

Es fehlt uns an der Zeit, das muss gesagt werden.

Alltäglicher Widerstand passt kaum in den Alltag.

Ach, was vor Jahren noch undenkbar schien,

wird jetzt laut skandiert,

massenhaft massenwirksam.

Und wir wachen nicht auf:

Wir haben uns schon,

schon wieder,

schon wieder haben wir uns

an die Schreihälse gewöhnt.