Archiv für die Kategorie ‘NOTIZEN AUS DEM OFF’

Scheiß Leben

Z. steht nach der Schule vor der Tür und sagt als erstes: Scheiß Leben.

Was?

Ich habe heute in der Schule geweint.

Ich blicke sie fragend an.

Die Kinder in Syrien, sagt Z., sie haben keine Schuld. Und jetzt sind sie tot. Sie haben gar nichts gemacht.


Das ist das Schlimmste

Das ist das Schlimmste,

dass es schon fast radikal normal ist,

dass wir nicht erschüttert aufmerken,

sondern Getöse fromm hinnehmen

und regelmäßig schamhaft schweigen.

Es fehlt uns an der Zeit, das muss gesagt werden.

Alltäglicher Widerstand passt kaum in den Alltag.

Ach, was vor Jahren noch undenkbar schien,

wird jetzt laut skandiert,

massenhaft massenwirksam.

Und wir wachen nicht auf:

Wir haben uns schon,

schon wieder,

schon wieder haben wir uns

an die Schreihälse gewöhnt.

 


Alltag

Der Tag beginnt mit WhatsApp. Irgendwann gegen 4:00 Uhr erreicht mich eine Nachricht. Ich bin wach und die Gegenstelle auch, also kommunizieren wir. Das hilft zwar nicht beim Wiedereinschlafen, ist aber lustig. Bernd das Brot und Ratten spielen mit.

Endlich schlafe ich doch noch einmal ein und träume einen Satz von Novalis: Erinnerung ist Gegenwart. Habe ich vermutlich kürzlich gelesen. Im Traum legen sich Bilder übereinander, irgendwie schief.

Passend dazu kontaktiert mich zwischen einem halben Dutzend Telefonate ein Verflossener: Alte Liebe rostet zwar, aber es gibt Rostentferner. Lass uns mal treffen. Meint er. Ich bin zwar neugierig, aber ich habe keine Zeit, sage ich.

C. steht auf der Straße mit 3 Stehlampen und braucht einen Transporter. Ich kann nicht helfen, bin ortsgebunden am Schreibtisch. Immerhin habe ich ein Faxgerät, das braucht C. auch.

Mein Optiker kommt persönlich vorbei, um die Form der Brillengläser anzuschauen – was für ein Service!

Ich verteile ein wenig Deutschunterricht per Smartphone und ärgere mich über veraltete Sätze aus dem Facebook-Universum, mit denen Araber die deutsche Sprache lernen (sollen). „Ich muss jetzt auflegen“. Den Hörer auf die Gabel?

Bei E. richte ich eine Datei per Teamviewer. Als wir fertig sind, sagt E.: „Ich sterbe“. Warum auch immer. E., sage ich, das geht jetzt nicht. Wir haben jetzt keine Zeit zum Sterben. E. lacht. Stimmt, sagt sie.

Eine Behörde, bei der ich mir vor vielen Monaten einen Termin geholt habe, erinnert mich an diesen Termin, der in einigen Tagen stattfinden wird. Noch könne ich absagen, schreiben sie mir. Das könnte denen so passen.

Jemand hat Blumen vor die Tür gelegt und den Müll mitgenommen. 

Am Abend mache ich weit das Fenster auf und sehe den fliegenden Lichtern zu.

Ich muss keine Angst haben, hier fällt heute keine Bombe.


Zukunftsgedanken

Das Schönste an der Zukunft ist, dass man sie noch nicht kennt.

Das Beängstigendste an der Zukunft ist, dass sie vorstellbar ist.


Lernmodus

Seit Monaten bin ich im Lernmodus. Ich lehre und lerne dabei. Sehr praktisch!

Ich fürchte, Lehrer sind trotzdem nicht zu beneiden.

Ich lasse euch mal teilhaben. Ich sagte heute zu Z.: In vierzehn Tagen kannst du das aus dem Effeff.

Z. ist klug und fragte: Was ist Effeff?

Falls ihr es auch nicht (mehr) wisst, Geolino erklärt das super: Effeff

Außerdem weiß ich seit heute, dass in Deutschland noch kein einziges Grauhörnchen gesichtet wurde, dass Bulgur und Buchweizengrütze arabische und osteuropäische Geschwister sind, dass arabische Backware manchmal lange abkühlen muss, ehe sie transportiert werden kann und dass ein ständig klingelndes Telefon stört, wenn man Besuch hat  – äh nein, das weiß ich nicht erst seit heute, das wusste ich schon lange.


Nachdenkliche Feststellung

Anmut verleiht Flügel.


Das unbeachtete Glück

Ein gutes Brot,

dazu frische Milch und Käse,

das warme Bett

und ein liebevolles „Gute Nacht!“

Es ist Frieden.

Hier jedenfalls.

Noch.


Sonnenuntergang ohne Sonnenuntergang

Eines Tages im Spätherbst…

Der kleine Prinz hat mich gelehrt, dass Sonnenuntergänge die beste Medizin gegen Traurigkeit sind. Was aber, wenn es gar keinen Sonnenuntergang gibt, seit vielen Tagen nur das große Grau sichtbar ist, das vor allem gräulich ist? Ratlos starrte ich aus dem Fenster ins dunkelgraue Nichts. Plötzlich hörte ich eine Stimme, es war die des kleinen Prinzen: Oh je, Du bist aber vergesslich.

Das ist das Alter, antwortete ich. Und fragte dann gleich: Was habe ich denn vergessen?

Du hast die Sonnenuntergänge vergessen, die, die Du so schön fandest, dass Du vor Freude geweint hast.

Nein, ich habe sie nicht vergessen. Aber jetzt ist es doch nur grau überall.

Alles, woran Du Dich erinnerst, hast Du immer bei Dir, sagte der kleine Prinz.


Notizen in mehreren Akten – Nichts ist sicher – 3. Akt

Die Tatsache, dass nichts sicher ist, bestimmt das Bewusstsein vieler Menschen. Unsicherheit und Angst sind oft das Ergebnis.

Und die Unsicherheit und Angst sind so dominierend im Leben großer Teile der Bevölkerung, dass sie viele Entscheidungen vor allem unter dem Einfluss dieser Gefühle treffen.

In diesem Deutschland, in dem die Tatsache, dass es sich um eine Klassengesellschaft handelt, gern unter den Teppich gekehrt wird, als seien die Klassen verschwunden, ist die Angst „abzurutschen“ in Armut – in „prekäre Verhältnisse“ – groß. Das Reproduzieren dieser Ängste gehört zum System.

Diedier Eribon beschreibt sehr treffend: Das, was immer gern als Prekariat bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Arbeiterklasse.

Der Lesende

Der Lesende

Die Angst vor totaler Armut und totalem Verlust der Kontrolle über das eigene Leben, die ist oft so groß, dass sie die Menschen beinahe vollständig lähmt, sie zu willfährigen, aber auch verzweifelt wütenden Untertanen des Systems macht – dem sie sich dann allerhöchstens am Stammtisch, mit gebrülltem Hass oder durch eine Wahlentscheidung entgegenstellen.

Nichts ist sicher: Nicht der Arbeitsplatz, nicht das Einkommen, nicht die Wohnung. Nicht die Beziehung, nicht einmal auf das Wetter ist wirklich Verlass. Jahrhundert-Sturm, Jahrhundert-Dürre, Jahrhundert-Überschwemmung.

Die meisten Menschen wünschen sich aber Geborgenheit und Sicherheit, selbst diejenigen die abenteuerlustig und verwegen durch die Welt ziehen. Aber Sicherheit gibt es nicht. Wir leben tatsächlich in unsicheren Zeiten.
Risiken werden von vielen vermieden, wenn sie vermeidbar sind oder vermeidbar scheinen. Versicherungen profitieren vom Sicherheitsbedürfnis und von Menschen, die das Kleingedruckte nicht lesen. Nichts ist sicher und gegen die meisten Risiken kann man sich nicht vesichern. (Heute gehört: Berufsunfähigkeitsversicherungen lehnen die Leistung in 60% der Fälle ab und nur 5 % der Betroffenene klagen!)

Kinder sind ein Armutsrisiko, aber auch die nicht planbaren Lebensereignisse: das Krankwerden, die Behinderung oder der Zerfall der Familie, Stürme des Lebens ebenso wie die der Natur.

Ein weiteres großes Armutsrisiko ist mangelnde Bildung, aber Bildung ist teuer. Wer heutzutage in eine Prekariatsfamilie hineingeboren wird, hat beinahe keine Chance auf irgendeinen Aufstieg. Wenn schon im Kindergarten die Kurse Geld kosten und die Eltern andere Prioritäten setzen (oder setzen müssen) ist der Weg zum „Klassenerhalt“ vorgezeichnet.

Mit sinkendem Einkommen, schwindet aber auch die Sicherheit, wächst die Unzufriedenheit – vor allem in Ländern, in denen „Geld die Welt regiert“.

Eine EU, deren neoliberales Konzept die Nationalstaaten zwingt, „Arbeitsmarktreformen“ durchzuführen, die die Unsicherheit und Angst verstärken, so eine EU muss den ohnehin Gebeutelten als Feind erscheinen.

Auch insofern war der BREXIT ebenso vorhersehbar wie das Erstarken solcher Parteien wie der AFD.

Weder Pulse of Europe noch DiEM25 sind für die Masse der unterdrückten und prekarisierten Menschen ein Halt, eine Alternative.

Zusätzliche Komponente bei den Ostdeutschen – das traumatische Erlebnis, dass selbst sicher Geglaubtes quasi von heute auf morgen verschwunden sein kann. Die Erzählungen über Bombenalarm und Krieg, die Erlebnisse im Faschismus wurden von der ersten Nachkriegsgeneration als persönliche Mahnmale wie Muttermilch eingesogen und blieben auf Dauer verinnerlicht.

Ebenso hat die Generation der ersten Nachwendekinder der Ostler die DDR – deren Angebote an soziale Sicherheit – und den Zusammenbruch des Staates im Kopf sowie die versuchte völlige Auslöschung einer positiven Erinnerung an die DDR durch das heutige System. Jene mehr, die „zu Hause“ geblieben sind, als diejenigen, die sich auf in den Westen – für ein besseres Leben – machten.

Die Gesellschaft als Ganzes in den Blick nehmen, wie es der Soziologe Didier Eribon für die Linken in Frankreich fordert, ist auch in Deutschland notwendig.

Die Partei die LINKE hat vergessen, sich rechtzeitig ehrlich zu machen – das ist im Westen nicht so problematisch, im Osten unverzeihlich.

Fortsetzung folgt.


Tränen – und: Was nichts kostet, ist auch nichts wert? Danke an Wilhelm Jansen in Geilenkirchen

Ich habe geweint. Wegen einer Webseite, die es nun nicht mehr gibt. Das hört sich kurios an, besonders, wenn ich auch mitteilen muss, dass ich den Ersteller der verschwundenen Webseite überhaupt nicht kenne. Immerhin habe ich aber einen Service, den er angeboten hat, mehrere Jahre genutzt und konnte damit anderen Menschen eine Freude machen.

Dafür möchte ich mich hier bedanken.

Ich möchte euch bitten zu lesen, mit welchen Worten sich jemand vom Verschenken von kostenlosen Informationen und Wissen verabschiedet (bitte auch nach unten scrollen dort) – KLICK

Genutzt habe ich den Service der Webseite für einen Weihnachtskalender, dessen Türchen man selbst befüllen kann und den ich im vergangenen Jahr mit Gedichten gefüllt habe. Im Jahr davor gab es allerlei Backrezepte, ebenfalls ein paar Gedichte und manche Weihnachtsbastelei. Das Eingangsbild hatte ich leicht angepasst, aber im Wesentlichen die Arbeit genutzt, die ein anderer in Programmierung und Layout hineingesteckt hat: Wilhelm Jansen. Danke!

In diesem Jahr wollte ich dem Kalender ein anderes Outfit geben – eines, was auf der Homepage von Wilhelm Jansen ebenfalls angeboten wurde. Eines, dass die Unterschiede zeigt – zwischen Armen und Reichen in einer Stadt.  Kein Weihnachtsbild wie die anderen. Obwohl es viele Monate her ist, dass ich es gesehen habe, erinnere ich mich daran.

Ich hatte mich dazu entschlossen, dieses Bild und den dazugehörigen Weihnachtskalender in diesem Jahr zu verwenden, obwohl es sich bei der Hompepage, für die ich das mache, um eine kleine Firmenhomepage handelt – bei der ich nicht das letzte Wort habe, aber ich denke, auch der Eigentümer wäre einverstanden gewesen.

Nun kann ich dieses Kalender-Outfit nicht mehr herunterladen, das ist traurig, aber kein Grund für Tränen.

Geweint habe ich, weil sich jemand von so vielen Projekten verabschiedet, in die er unendlich viele Stunden gesteckt hat – und ich ahne nur, wieviel Lebenszeit in diesen Webseiten steckte. Die waren einfach so da, und wir konnten sie nutzen und für nichts musste man bezahlen.

Wer mal schauen will, was Wilhelm Jansen (auch ein Nagetierfreund offenbar) zu den Rennmäusen zusammengetragen hat – der guckt mal hier: Rennmäuse

Der große Irrtum, etwas, für das man nichts bezahlen muss, sei auch nichts wert – hält sich verbreitet und verursacht bei mir Magenschmerzen. Die Träumer, Macher, Idealisten, die Geber und Verschenker, das sind die, deren Arbeit immer das Doppelte wert ist.

Vielen Dank – Wilhelm Jansen!