Archiv für die Kategorie ‘NOTIZEN AUS DEM OFF’

Am Tag der Störche

Am Tag der Störche,

– es sind mindestens viele –

versammeln sich die schönsten Stare

auf der hohe Birke im Dorf

und tanzen auf biegsamen Zweigen

singend im zarten Wind.

Eifrig schicken sie ihre Tondusche

 nach unten zu mir,

laut und stark und hell.

Viel später in Berlin

der Ruf der Mauersegler.

Ich atme auf,

sie sind noch da.

Wir sind zu Hause

und es ist Sommer.

Alles gut.

Stare auf der Birke


Man muss sich wehren

Stichpunkte:

Komfortzone .Schwer zu erfassen, woher solche Begriffe kommen, wengleich man,  ach nein, nicht man (!), nicht irgendwer – sogar ich doch weiß, die kommen aus dem Englischen. Aber woher kommen sie dort? Was dahinter steckt, das interessiert mich. Fragte gestern herum. Komfortzone. Keine Antworten, nur Achselzucken und schneller Übergang in die Small-Talk-Zone. Im Netz finden sich diverse Texte zur Komfortzone – im Wesentlichen mit einem Tenor:  Es sei wichtig, die Komfortzone zu verlassen, damit man sich entwickleln könne. Stimmt nicht unbedingt. Der kleine Mensch entwickelt sich bis zur Geburt in einer absoluten Komfortzone.

In der DDR gab es Komfortwohnungen. Als Jugendliche wohnte ich zeitweise in einer, auf die meine Mutter sehr stolz war. Als sei es irgendwie ein Verdienst, eine Wohnung mit einer inneliegenden Toilette und einer Badewanne zu haben. Die Wärme kam aus der Ferne. Auch im Winter hatten wir alle Fentser gekippt, sonst wäre es nicht auszuhalten gewesen.  Der Duft von gebratener Braunkohle hing über der Stadt. Die meine Mutter umgebende Wohnungs-Komfortzone habe ich gerade noch rechtzeitig verlassen.  Ich wehrte mich gegen das Genausowerden und entschied mich für das andere Leben. Auch war ich kein Unkraut wie meine Mutter meinte, sondern eine Wildpflanze. Gegen Unkrautex bin ich resistent.

Frau K. (weit in den 90igern), die heute ich wegen der Übergabe von Katzenfutter anrief, hat einen vollen Terminkalender. Man muss sich vielleicht gegen das Alter wehren, indem man aufhört, es wahrzunehmen als eine Begrenzung der eigenen Möglichkeiten.

Es lohnt sich weiterzudenken. Verweigerung von Gedankenarbeit ist kontraproduktiv für das Überleben. Da zählt keine Entschuldigung.

Ein Schmetterling, den ich gestern fotografieren wollte, wurde auf meiner Schulter entdeckt, auf der er sich zeitweise niedergelassen hatte.

Ein Plastikfisch umschließt eine Tüte mit einem Salatrest. Die blaue Hanna blüht. Wirkliche Nähe verschwindet mit dem Tod nicht. Die fremden Gedanken haben sich eingegraben und fanden eine Heimstadt. Menschliche Überlebensstrategie. Auch eine Art Wiedergeburt.  Wir lasen: „Eine taktische Frage“ – Rosa Luxemburg. (Bei Interesse: KLICK)

Mein Kopf fotografiert Worte. Festhalten: Gewöhnliche Gewohnheiten. Fuhr gestern mit der Kollegin durch gewerbliche Gegenden.

Schlimmer als Gedankenarmut kann fehlende Selbstreflexion sein. Als gestern jemand Freundlichkeit als Zeitverschwendung und Formalie abtat, da brach es mir fast das Herz – völlig unnötig. Hätte es gleich ablegen sollen unter dem Label Unsymphat. Ich erinnerte mich in dem Zusamenhang an Horst E. Richter.  Fand sein Buch auch gleich im Regal:

„Die natürliche Bedingung für die Wechselbeziehung zwischen Hilfe und sozialer Hilfe ist die alles menschliche Leben verbindende Anlage zur Sympathie. Das ist nicht nur die Fähigkeit sich wechselseitig einzufühlen. Sondern auch die spontane Bereitschaft, eher der als Notwendigkeit erlebbare Hang zu einem spontanen Mitfühlen. Der Einzelne findet sich, wenn er sich nicht gewaltsam egozentrisch selbst isoliert, ursprünglich und spontan in die Gemeinschaft eingebunden.

Unter den Zwängen des Machtprinzips und des egozentrischen Rivalisierens wird die als Sympathie ursprünglich und natürlicherweise gegebene emotionale Beziehung unter allen Einzelwesen kaum mehr wahrgenommen.“ (Das Urphänomen Sympathie als Disposition für Solidarität und Gerechtigkeit – 16. Kapitel in Der Gotteskomplex)

Brombeeren locken in S., reif oder noch nicht reif, das ist die Frage. Noch nicht reif, verspreche ich mir hoffnungsfroh.

 


Gestern: Abendspaziergang mit K.

Ich war unterwegs zu den Pferden. Das weiße Pferd – ich finde, das klingt schöner, als „der Schimmel“ – kommt immer sofort. Der kräftige Braune läuft gewöhnlich hinterher. Auf dem Weg kam mir eine Frau auf einem Fahrrad entgegen, wir begrüßten uns, wie es hier üblich ist. Etwa eine halbe Stunde später überholte sie mich, hielt an und fragte: Haben Sie es noch weit?

Ich gehe nur spazieren…

Ich könnte Sie ein Stück mitnehmen, sagte sie. 

Wir lächelten angesicht des Fahrrads beide. Die Frau, die ich hier K. nenne, war mindestens so neugierig wie ich.

Wohnen Sie hier? Oder nur zu Besuch?  In W., in Z. oder in S.?

Wenn Sie Zeit haben, dann zeige ich Ihnen etwas ganz Einmaliges – die Sonnenbank, den schönsten Ort, um den Sonnenuntergang zu genießen.

Den schönsten Ort der Welt, das sagte sie nicht´, meinte es aber.

Wir redeten über die Sibylle (Modezeitschrift), das Fotogeschäft am Alex, in dem alte Kameras kaufen konnte, Aurora Lacasa, alte und neue´Zeiten, Filme, Kinder und Enkel, das Fotografieren – K ist Fotografin – über die Welt, nur über Gott haben wir nicht gesprochen. 

Jetzt weiß ich, dass man aus den Beeren der Eberesche eine schmackhafte Marmelade machen kann und kann immer wieder die Sonnenbank besuchen, den schönsten Ort der Welt, um den Sonnenuntergang zu genießen. Jedenfalls hier.

(Internetwüste – deshalb mit Verspätung online)

 


Tagwerk und Abendspaziergang

Zwischen den E-Mails, wartet eine Socke im WhatsApp-Chat. Das Telefon klingelt derweil entschlossen und ruft seine Geschwister zur Hilfe. I let you know – oder auch nicht. Ein Behördengang beflügelt die Fantasie. Gern würde ich diese Gesellschaft ermorden. Der Discounter lockt mit Werbeangebot. Lieblingsgetränk für die Hälfte. Keine Zeit für Gedichte. Wir essen kurz gebratenes Kurzgebratenes, Minutensteak, widersinnig, weil wirklich kein Steak. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Immer diese Täuschungen. Kurzer gedanklicher Ausflug, DDR – Schweinesteak mit Letscho. Kein Kirschjahr dies Jahr, sagt die alte Frau, die, die alle Katzen kennt. Zu kalt im Mai und zu nass. Ja, es regnet, im Allgäu und in Nürnberg und was weiß ich wo. Regen, den ich nicht persönlich kenne, macht mich nicht nass.  Mitunter erreicht mich auch heute eine Nachricht von Belang. Arte Thementag – Erdogan anders als in „Reis“.  Das schalte ich ein und sehe es, bis ich nicht mehr kann. Meine Gefährten mit den langen Schwänzen freuen sich über Käse, finden den prompt milden Gouda rattenscharf. Als alle Nachbarn ihre Pakete abgeholt haben, mache ich mich auf den Weg. Stehe vor dem Teeladen um halb Elf, da ruft E. an. Er macht nicht was er soll, sagt sie. Es ist alles wie immer, denke ich. Es sind Striche in einer Datei, die da nicht sein sollen. Vor mir im Schaufenster eine Gans, ein Schild, das vom Schnabel hängt: Esst Gemüse. Den Witz begreife ich erst jetzt. Ich erzähle E. von der Gans und erkläre ihr, wie sie mir die Datei schicken soll. Ich rufe dich morgen früh an. Wann, fragt E. Zwischen Neun und Zehn, sage ich. Halbzehn, legt sie fest. Bei Edeka am Bahnhof ist noch offen, kurz vor Elf. Ich kaufe aus purer Lust am spätabendlichen Einkauf ein Stück Melone und zwei Handvoll Kirschen. Die Einladung von J. zum Konzert morgen kommt zu spät. Ja, leider bin ich einfach unverbesserlich, WhatsAppt sie mir noch. Sind wir alle, denke ich. Meistens jedenfalls.

Esst Gemüse

Esst Gemüse

Bunt

Bunt


Der Mann mit dem grünen Hut

Es war einmal ein Mann, der liebte es, einen grünen Hut zu tragen. Zuerst trug er den Hut nur am Sonntag, wenn er spazieren ging. Später begann er den Hut auch sonnabends zu tragen. Beim Einkaufen ebenso wie beim wöchentlichen Schnitzel mit Bier in seiner Stammgastätte. Er fühlte sich einfach wohler mit dem grünen Hut. Der Mann hatte keine Frau und keine Kinder, er hatte nur den grünen Hut. Man kannte den Mann im Örtchen seit seiner Kindheit und mit dem einen oder anderen Nachbarn plauderte er auch mal, aber nahe stand ihm niemand. Seine Eltern, die früher auch im Ort gewohnt hatten, waren der Arbeit wegen weggezogen und Geschwister hatte der Mann auch keine, ebenso keine Tanten oder sonstige Verwandte. Der Mann war mittelgroß, hatte kurzes hellbraunes Haar und graugrüne oder graublaue Augen, das war niemals so genau auszumachen. Er arbeitete von zu Hause aus, verabredete telefonisch Kundengespräche für den Vertreter eines mittelständigen Unternehmens, das Insolvenzware an Schnäppchenmärkte vertrieb.

Der grüne Hut war nichts Besonderes. Wenn man davon absieht, dass er grün war, genauer: das Grün war ein helles Froschgrün, das man gern auch als giftgrün bezeichnet. Und es war ein Filzhut guter Qualität, sauber angefertigt nach uraltem Prozedere von einem Hutmacher,  von denen es heutzutage nur noch wenige gibt. Geformt wie ein Allerweltshut mit mittelhoher Krempe und einem unauffälligen Hutband, hätte wohl niemand den Hut beachtet, wäre nicht eben dieses markante Grün gewesen. Und der Mann, der ihn trug.

Der Mann, der es liebte, einen grünen Hut zu tragen, hatte aber nur diesen einen. Einen grünen Hut. Er hatte überhaupt nur einen Hut. Keine Mützen, keine Kappen – nur eben den grünen Hut. Der Zufall hatte ihm den grünen Hut beschert, er stammt aus einer Insolvenz und ließ sich nicht veräußern und als freundliche Geste machte der Vertreter daraus ein Geschenk für den Mann, der für ihn die Termine vereinbarte.

Zuerst lag der Hut eine Weile auf der Kommode im Flur und er wollte so gar nicht zum anderen Interieur passen. Das folgte keinem Geschmack, sondern stammte aus der elterlichen Wohnung und der einzige Vorzug, den es bot: Es hatte den Mann nichts gekostet. Alles, was er erübrigen konnte, sparte der Mann jeweils bis kurz vor Weihnachten, dann überwies er es an eine Institution, von der er wusste, dass sie es brauchen könnte. Mal erhielt ein Kinderheim seine Spende, ein anderes Mal ein Obdachlosenheim, er war in einer gewissen Weise sorgfältig mit der Auswahl, er prüfte lange, ob der Empfänger seriös arbeitete, aber ebenso willkürlich verteilte er seine Spende in dem Bewusstsein, dass Not sich von Not nicht unterscheidet und von außen die Dringlichkeit kaum zu beurteilen sei. Er erzählte niemandem von seiner Großzügigkeit und war nicht einmal besonders stolz darauf, er meinte nur, er müsse abgeben von dem, was ihm übrig blieb.

Eines Tages hatte der Mann, dessen Blick regelmäßig auf den Hut auf der Kommode fiel, bevor er das Haus verließ, den Hut gegriffen und sich auf den Kopf gesetzt. Schließlich machte es keinen Sinn, den Hut einfach herumliegen zu lassen und außerdem sei es unhöflich, ein Geschenk derart zu missachten. Der Mann hatte seine Erscheinung nicht durch einen Blick in den Spiegel kontrolliert,  denn auch Eitelkeit war ihm fremd. Auf der Treppe begegnete er einer Nachbarin, die freundlich lächelte. Der Mann war ein sehr höflicher Mann, und so zog er den Hut vor ihr, lächelte ebenfalls und grüßte freundlich. Die Nachbarin lächelte noch mehr und grüßte ebenso freundlich zurück.

Der Mann betrat die Straße und immer, wenn er jemandem begegnete, dann zog er den Hut vor ihm und grüßte freundlich. Und die Menschen, die er grüßte, lächelten und grüßten zurück. Das gefiel ihm und er fing an, das Tragen des Hutes zu genießen. Der Hut macht die Welt schöner und freundlicher, dachte der Mann. Die Menschen, denen der Mann mit dem grünen Hut begegnete, lächelten und dachten: Da ist der Mann mit dem grünen Hut, der immer so freunlich ist und vor allen den Hut zieht. Und sie lächelten.

 


Wiederbegegnung mit einer alten Trauer – Ist so einfach abgesprungen

E. schreibt ihre alten Texte ab und gewinnt dabei – neue Sichweisen oder Einsichten. Guck doch mal, dachte ich mir – was noch übrig ist vom Eigenen und fand so manche alte Zeile. Und bin traurig.

Ist so einfach abgesprungen (1995)

 

Ist so einfach abgesprungen,

hat nicht mehr gefragt,

vorher noch ein Lied gesungen,

hat man uns gesagt.

 

Warum hat er das gemacht?

Wir mochten ihn doch leiden,

hat er nicht daran gedacht?

So sollte man nicht scheiden.

 

Niemand einen Brief geschrieben,

wollte keinen von uns sehen.

Immer hat er übertrieben,

keiner konnte ihn verstehen.

 

Ist so einfach abgesprungen,

hat nicht mehr gefragt.

Vorher noch ein Lied gesungen.

Nichtmal Tschüß gesagt.

 


Auf Rosen gebettet

Ik bin nich uff Rosen jebettet.  War ik nie. Meen Vada,  det  war ena von die, die man als Kind nie kennenlernt. Hat jleich die Kurve gekratzt. Kann ik verstehen. Ik hätte och mit meina Mutta nich zusammenleben wolln. Aber det sucht man sich ja als Kind nicht aus.

Sie ist nich fleißig gewesen, außa beim Männer kennenlern.

Clärchens Ballhaus inne Auguststraße, det war so ihr Revier. So lange et jing und et jing lang. Man hab ik Leute kennenjelernt. Manchmal hat se ja och die Freundinnen mit nach Hause jebracht.

Ik bin och nicht fleißig jewesen. Inne Schule nich. Apfel fällt nicht weit vom Stamm, wa. Naja,  wat solls. Et ist wie et is. Kann man nüscht machen.

Hab ik denn also nach de Schule och nüscht jelernt. Hatte ik irgendwie nicht so den Drall nach. Und denn kam so eene Jelejenheit und die hab ik erjriffen und een Klo jepachtet. War inne Jaststätte mit Musik und Tanz, und da hatte ik richtich Glück und och immer Unterhaltung und Kultur.  Blau, blau , blau blüht der Enzian und so. Ik mag aba lieba Rosen. Kultur, sowat braucht een Mensch ja och. Wenichstens periefeer.  Hat ma ernährt det Klo. Ja, et war harte Arbeit und det Jeld war imma knapp, aba mir hat et jereicht..

Manchmal hab ik meine Arbeit sojar jeliebt. War imma wat los. Eenmal hat eene sojar ihr Kind bei mir uffm Klo jekricht.  Und wejen Liebeskummer hab ik so ville jetröstet, det ik mir mit den Bildern die janze Wohnung tapezieren könnte. Konnte immer sagen, ik habe ne Scheiß-Arbeit und et hat jestimmt. Haha.

Nu reicht et nicht mehr. Det Jeld. Det Klo hab ik uffjeben müssn, Lokal ham se abjerissen. Mit die Rente, kann ik nicht leben. Det is eijentlich so wenich, det ik zum Sozamt jehn könnte für Grundsicherung.  Aba da darf man keen Vermöjen mehr ham.

Naja und ik hab´Vermöjen. Kenn Mann, keene Kinda, aber een Jarten, meene Datsche.  Da habe ik allet ringesteckt.  meene janze Liebe. Meene Rosen sin richtich berühmt jeworn.  Da hab ik sojar Auszeichnungen für jekriecht und die Kolonie och. Der Jarten is mir lieb und teua. 23000 Euronen hat der Jutachter gesacht, könnt ik dafür nehm. Und denn müsste ik die 23000 ufffressen und denn könnt ik zum Sozialamt jehn. Will ik nich. Für wat denn? Wat soll  dit  denn vor een Leben sein ohne Jarten? Bissel halt ik noch durch.. Ich brauch ja nicht ville. Und denn, denn mach ik eben Schluss. Im Herbst.  Janz spät. Meene Rosen blühn lange. Und denn solln se mir uff die Rosen betten.

 


Hetereotopie

Hetereotopie

In nachdenklichen Räumen versteckt sich graue Polemik unterm Bett,

während das Ensemble unserer Sorgen singend über den profanen Asphalt hüpft.

Die hartnäckigen Bewohner stabiler Orte huldigen der unglaubwürdigen Ferne,

aber die Zeit ist höchst ungerecht verteilt, das ist die Crux der horizontalen Welt.

Mond im Wasser


Einwurf zur Aktenlage – der „Fall“ Andrej Holm

Der „Fall“ Holm ist ein hervorragendes Beispiel für die nichtgewollte und längst gescheiterte sogenannte Aufarbeitung.

Der „Fall“ lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Holms politische Vorhaben missfallen einer Gruppe von Leuten, die nicht wollen, dass ihrem Streben nach Gewinnmaximierung Einhalt geboten wird. Der bereits als Linksextremist gebrandmarkte Holm ist gefährlich und wurde – so weit wie möglich – aus dem Weg geräumt. Seine Geschichte mit der Stasi passte perfekt. Da halfen natürlich auch wichtige  gutgemeinte und gut erklärende Solidaritätsbekundungen nichts. Siehe z.B. hier: Haus der Demokratie – Offener Brief

Als es begann, kannte ich das Ende. Möglichst weitgehende Vernichtung der beruflichen Existenz. Es funktioniert immer wieder auf gleiche Weise. Nach der Fragestellung „Einmal Stasi, immer Stasi“ wird die Frage nach einem langwierigen Scheinprozess systemimmanent beantwortet: Einmal Stasi, immer Stasi!

Schuld an der Antwort ist der IM, der Hauptamtliche Mitarbeiter, der Täter – hätte er doch zur rechten Zeit aufgeklärt, um Entschuldigung gebeten, sich rechtens geschämt, sich vollständig erinnert, sich nicht herausgeredet, nichts verschwiegen, seine Taten öffentlich gemacht (überall und lückenlos), die Fragen vollständig beantwortet, sich nicht um den Posten, die Stellung beworben – und so weiter und so fort.

Auf die Idee, dass das gar nicht geht, kommt die hysterisierte Meute dann nicht. Erinnerungslücken sind nicht zugelassen. Entschuldigungen reichen nicht aus. Die Scham ist keinesfalls öffentlich genug. Es gibt immer jemand, der vergessen wurde, bei der Information über die Vergangenheit – und sei es der Bäcker an der Ecke.

Er sei Teil eines Repressionsapparats gewesen, schreibt der 46-Jährige an die HU. „Diese historische Schuld nehme ich auf mich und bitte insbesondere diejenigen, denen in der DDR Leid zugeführt wurde, um Verzeihung.“ (Holm entschuldigt sich bei Stasi-Opfern – Spiegel-Online).

Entschuldigen sich nun auch die Macher von Hartz4 bei den Opfern des heutigen Repressionsapparates? Holm hätte seine Entschuldigungen formulieren können, wie er wollte – er hatte keine faire Chance. Keinen Prozess, keinen Verteidiger. Der Rechtsstaat mit den üblichen Gesetzen gilt nicht für ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie sind schon mal per se schuldig, das rechtfertigt öffentliche Ächtung auf Dauer.

Beweismittel und Zeugen der Anklage sind die Akten, die das Ministerium für Staatssicherheit angelegt hat. Die Beurteilungen des „Bewerbers“ durch Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit sind plötzlich Maßstab, nach denen die heutige Gesellschaft entscheiden soll. Die Überprüfung des Wahrheitsgehalts obliegt einer Behörde, deren Legitimation sich genau aus diesem zu Unrecht erworbenen Wissen herleitet. Sie hehlt mit den Akten. Hehlerei – „Mit dem Begriff der Hehlerei stehen Handlungen in Verbindung, die eine einmal begründete rechtswidrige Besitzlage an einer Sache, etwa durch Diebstahl, aufrechterhalten und verstärken.“ (Wikipedia)

Die wissenschaftliche Bearbeitung erfolgt zumeist fern ab von den Tätern, die auch wenig Interesse daran haben können, sich irgendwie zu beteiligen, denn wenn es ernst wird, sind sie die Dummen. Auch dafür ist der „Fall“ Holm ein gutes Beispiel. Es ist ja keineswegs so, dass er seine Beziehung zum MfS verschwiegen hat.  Er hat dazu verschiedenen Medien Rede und Antwort gestanden. Die hätten – wenn sie es denn gewollt hätten – früher Einblick nehmen können. Ebenso der Arbeitgeber – die Humboldt-Universität. Sogenannte Ehrenräte verdienen ihren Namen nicht.

Die im Internet über Andrej Holm verfügbare Stasi-Akte macht vor allem deutlich, dass der Einfluss, der jetzt von außen auf sein Leben, seine Biografie, genommen wurde, durch nichts darin gerechtfertigt ist. Da hat sich jemand vor weit mehr als zwei Jahrzehnten als Kind und Jugendlicher zu einer Berufslaufbahn verpflichtet, die der Geschichte der politischen Biografie seiner Familie geschuldet war. Ihm zu unterstellen, er hätte damit bewusst Menschen schaden wollen, ist durch nichts gerechtfertigt – auch nicht durch die Tatsache, dass andere (auch in seinem Alter) längst wussten oder ahnten, wie die Unterdrückungsmechanismen der Stasi funktionierten.

Auch ablesen kann man an der veröffentlichten Akte, wie sorglos die Behörde mit den Daten umgeht, mit denen sie umgeht. Noch einmal: Diese Daten wurden zu einem großen Teil zu Unrecht gesammelt. Wen geht es etwas an, ob Andrej Holm sein Abitur mit der Note „gut“ oder „sehr gut“ oder „mangelhaft“ abgelegt hat? Hat das Relevanz? Nein, hat es nicht. Deshalb schwärzt die Behörde das Prädikat. Das sieht dann so aus:

Holm - Abiturnote

Gut – Sehr gut – Befriedigend – Mangelhaft?

Ein schwarzer Balken auf drei Buchstaben. Nun kann der Interessent ja mal raten, ob unter dem Balken über den Buchstaben ein „sehr gut“ oder „gut“ oder sonst etwas etwas gestanden hat.

Na, nicht geraten? Aber das ist auch egal, die Information findet sich an anderer Stelle prominent.

Seite 6 ungeschwärzt - Abitur Holm

Aber man sage nicht, die Behörde lerne nicht dazu – im Netz findet sich auch die geschwärzte Variante.

Nochmal: Hat das Abiturergebnis von Andrej Holm von vor 28 Jahren irgendeine Bedeutung für die jetzige Einschätzung durch eine geneigte (oder weniger geneigte) Öffentlichkeit? Es hat keinerlei Bedeutung, mit welcher Note Andrej Holm vor 28 Jahren das Abitur ablegte. Aber es geht auch niemanden etwas an!

Vermutlich wird sich der kluge Andrej Holm aus der Situation herauswuseln und in irgendeiner Nische ankommen. Die MieterInnen in Berlin in brauchen ihn.

Leider wurde ich auch, was das Verhalten der Berliner LINKEN betrifft, in all meinen Erwartungen bestätigt. Dieser Tage fand ich auf der Webseite des Berliner Bundestagsabgeordneten der Linken Stefan Liebich unter dem Menüpunkt Themen – er hat immerhin 4 explizit genannte (Außenpolitik, DIE LINKE, Aufarbeitung der DDR-Geschichte und Meine Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus 1995-2009) eine Erklärung für den „Fehler“ der LINKEN.

Der Berliner Linken-Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich sieht die Verantwortung für die ernsthaften Dissonanzen im Fall Holm sowohl bei der SPD als auch bei der eigenen Partei, weniger bei den Grünen. „Wir haben uns alle nicht mit Ruhm bekleckert“, sagt er. „Unser Fehler war, dass wir uns nicht ausreichend mit der Aktenlage befasst haben.“

Aus: „Rot-Rot-Grün torpediert Rot-Rot-Grün“, Tagesspiegel, 16. Januar 2017

Aha, hätte die Berliner LINKE sich ausreichend mit der Aktenlage beschäftigt, dann hätte sie den ausgewiesenen Wissenschaftler Andrej Holm vermutlich gleich gar nicht erst als Staatssekretär in Betracht gezogen. Einmal Stasi immer Stasi, so handhabt das auch die LINKE – meistens jedenfalls.

Stefan Liebich,  hält seine eigene Stasigeschichte für so wesentlich, dass sie sogar in seinem Lebenslauf beschrieben wird:

„Als mich im Alter von 13 Jahren das Ministerium für Staatssicherheit fragte, ob ich bereit wäre, später dort hauptamtlich zu arbeiten, sagte ich nicht nein. Gut, dass alles anders kam.“ (Lebenslauf auf der Webseite)

Aha, Herr Liebich hatte also Glück. Die Gnade der späten Geburt hat ihn rechtzeitig umarmt. Sonst wäre er vielleicht nicht Bundestagsabgeordnerter sondern Hartz-4-Empfänger mit Stasi-Vergangenheit.

In einem Artikel des Tagesspiegels steigert Liebich seine Kritik an der eigenen Haltung als Kind drastisch: „Ich war damals sehr stolz. Das klingt schlimm. Und das ist es auch“.

Das klingt nicht schlimm und ist es auch nicht. Nach dieser Abrechnung mit sich selbst, darf Stefan Liebich als geläutert gelten. Und natürlich wird in diesem Land eine solche Haltung goutiert. Anerkennend stellt der Tagesspiegel fest:

„Inzwischen gehört er sogar zum vom Bundestag bestellten wissenschaftlichen Beratungsgremium der Stasiunterlagenbehörde.“ ( „Der Fall Holm, die Linke und die Stasi“, Tagesspiegel, 01. Januar 2017)

 Großartig! Obwohl er als 13-jähriger stolz darauf war,  dass er vom Ministerium für Staatssicherheit gefragt worden zu sein, ob er sich vorstellen könne, dort später zu arbeiten, ist der reuige Sünder im Schoß der kapitalistischen Gesellschaft angekommen und darf mitmachen. Als Mitglied eines wissenschaftlichen Beratergremiums der Stasiunterlagenbehörde zum Beispiel. Bravo! Stefan Liebich ist angekommen.

Doch zurück zur Aktenlage. Welche Akten hätte Herr Liebich denn besser kennen wollen? Die, die Stasi über Andrej Holm angelegt hat? Vor mehr als 28 Jahren? Siehe oben! Auch für den Abgeordneten der LINKEN ist plötzlich ist das Unrechtsministerium Zeuge und seine Belege sind Beweismittel. Die LINKE in Berlin ist letztlich eingeknickt wie immer – die eigene Macht war wichtiger. Und ging es dabei wirklich um die Menschen?

Vielleicht kann die LINKE ja nach 4 Jahren stolz auf 18 gebaute Sozialwohnungen sein, als sie das letzte Mal 8 Jahre mitregierte, brachte sie es auf 35 gebaute Sozialwohnungen. Rosa Luxemburg ist immer noch aktuell – die Frage, ob man den Sozialismus in kleinen Dosen in die kapitalistische Gesellschft einschmuggeln kann, stellt sich immer wieder. (Eine taktische Frage – Rosa Luxemburg 1899 – Klick)

Der „Fall Holm“ hätte eine Chance sein können, aber die Chance ist erneut vertan. Vielleicht auch, weil die Berufsaufarbeiter kein Interesse daran haben, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt.  Die ganze Wahrheit ist nämlich anders, komplizierter.

Wirkliche Aufarbeitung, kritsche Erinnerung, bräuchte neue Rahmenbedingungen. Diskussionen auf Augenhöhe zum Beispiel und ohne „Täter“, deren berufliche und sonstige Zukunft von ihren Antworten abhängt. Ohne Urteile, die schon feststehen.  Die Kategorie „moralisch schuldig“ bleibt fragwürdig und ist immer dem Zeitgeist unterworfen. Wenn sie beliebig aus der Tasche gezogen werden kann, macht sie die Angeklagten, die ohne Verteidigung und Prozess bleiben, zu Opfern.

Wer auf die Vergangenheit blickt und blind für die Gegenwart ist, sieht gar nichts.


Neulich im Einkaufszentrum

Die Plätze auf den Bänken im Einkaufzentrum sind begehrt. Packstation, Telefonzelle, Café, Treffpunkt, Frauenruheraum, Warteinsel. Es gibt kaum einen besseren Ort, um Menschen zuzuhören.

Sie:  Ich muss dazu ein paar Tage ins Krankenhaus

Er: Muss das sein?

Sie: Ja, sagt der Arzt

Er: Na dann

Sie: Nur ein paar Tage. Ohne OP könnte eine Lähmung eintreten. (Pause) Sagt der Arzt.

Er: Dann fahr ich so lange zu meiner Mutter, die freut sich.

Sie: Ja, mach das. Das ist eine wirklich gute Idee. Dann muss ich mir keine Sorgen um Dich machen.