Archiv für die Kategorie ‘NOTIZEN AUS DEM OFF’

Ein schwarzer Vogel hat gesungen

Blackbird - women in brown - Amsel

Blackbird – women in brown

 


Unser Friede

Es ist Frieden,

sagen wir,

Gott sei Dank,

der erfundene Allmächtige fällt uns eher ein

als die Rote Armee.

Frieden,

wenigstens hier.

Aber das ist nicht genug.

Geteilter Friede,

ist gar kein Friede.

Wir verteidigen unseren teilweisen Frieden

allenthalben kräftig

an immer mehr Orten dieser Welt,

stolz füttern wir Kriege mit unseren Waffen.

Deutsche Gewehre sprechen eine deutliche Sprache.

Wiedererkennbar.

Die Toten aus dem Mittelmeer

sind uns nicht Drohung genug,

den zeitweilig Geretteten bieten wir

vorläufigen Schutz.

Der Kapitalismus ist niemals friedlich.

Unser Friede eine fromme Lüge.

 


Es ist vorbei – Traktor Kienitz ist tot

Es ist vorbei. Nur die Feuerwehr hat noch junge Leute. Zu wenige, aber einige immerhin.

Es gibt keine Fußballmannschaft mehr.

Ein Großvater trainiert mit seinem Enkel. Es steht 400 zu Null, sagt der Enkel.

Früher spielte ich bei den alten Herren, sagt der Großvater.

Sie haben die Anlage für sich.

Noch wird der Rasen auf dem Platz gemäht, noch gibt es Hoffnung auf eine andere Zukunft.

In Golzow spielen polnische Jungs für das deutsche Dorf. Alle kommen aus Polen. Deutsche Jungs sind keine mehr da.

Die Straßen heißen noch wie früher, nach Ernst Thälmann und anderen Helden unserer Kindheit.

Die Gärten sind aufgeräumt, die meisten Häuser zerfallen nicht.

Der Mohn blüht, aber die blühenden Landschaften sind anderswo.

im Dorf, erzählt einer, haben sie die ehemalige Schule zum Gemeindezentrum ausgebaut. „Da gibt es jetzt einen Seniorenraum. Die Alten sollen für die Benutzung zum Kaffetrinken 20 € bezahlen. Meine Mutter sagt, sie hat früher die Steine für die Schule vom Dreck abgeklopft zum Wiederaufbau der Schule. Erst hatten sie Schule, und dann haben sie Steine geklopft. Dass sie jetzt dafür bezahlen soll, das sieht sie nicht ein.

Über Politik wird nicht geredet beim Kegeln. Auch später beim Essen nicht.


Überlebensstrategie

Frau K. füttert eine Katze. Frau K. ist sehr alt, die Katze ist nicht ganz so alt, wenngleich auch nicht mehr jung und irgendwie halten die beiden einander am Leben. Vielleicht könnte die Katze – die möglicherweise ein Kater ist – ohne die tägliche Futtergabe sich irgendwie durchschlagen, aber es wäre schwierig.

In Pankow fressen die Füchse und die Waschbären und die Raben den Katzen alles weg.

Aber die Katze in der Maximilianstraße hat ja Frau K., die dafür sorgt, dass der Napf gefüllt wird. Frau K. wird bald ihren 100. Geburtstag feiern, doch es vergeht kein Tag, an dem sie nicht mindestens einmal den Weg von der Schönholzer Str. bis zur zu fütternden Katze zurücklegt.  Heute sitzt sie zum Ausruhen einen Moment auf dem Mäuerchen, das unseren Vorgarten vom Bürgersteig abgrenzt. Wir reden über Katzen und Ratten und über die jungen Meisen auf meinem Balkon.  Plötzlich springt die kleine, alte und zarte Frau auf, als sei sie von mindestens einer Tarantel gestochen worden und ruft empört: Lassen Sie das! Außer Atem sinkt sie ebenso schnell zurück. Ihre Aufregung bleibt ungehört, sie gilt einer jungen Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebend telefoniert und ihre Umwelt kaum wahrnimmt.

Haben Sie das gesehen, fragt Frau K. mich aufgeregt, die Mutter hat dem Kind auf die Hände geschlagen. Ich habe es nicht gesehen. Aber ich glaube es ihr unbesehen.

Wissen Sie, sagt sie, ich habe mich immer eingemischt. Das ist gesund. Wer sich nicht einmischt, der wird davon krank. Man muss auch mit dem leben können, was man unwidersprochen geschehen lässt.


Im Falle eines Falles…

Im Falle eines Falles,

kann man immer noch,

in die Falle fallen.

Vorrausgesetzt,

es lauern keine

keine Fallstricke,

sondern eine Hängematte.


Warten auf Witze – Elke Erb zum Geburtstag

Neulich versprach mir Elke, mir Witze zu schicken, die sie so über die Jahre gesammelt und zusammengestellt hat –  seither warte ich voller Spannung.

Jetzt habe ich mir überlegt, dass ich ihr hier mal eben schnell zum Geburtstag gratuliere, voller Eigennutz!

Liebe Elke – alles Gute zum 81. Geburtstag und behalte die klare Sicht und den Wortwitz und schick mal was.

Bis gleich, nachher oder etwas später.

Elke Erb in Wuischke

Elke Erb in Wuischke

Und für euch Leser hier ein Zitat. „Wegen der Vielfalt der Beziehungen hat das Schreiben einen unbewußten Gang.“ (Elke Erb – Kastanienallee)


Dealer und Kunde


Erhard Scherner – 90. Geburtstag

Bei Wikipedia sucht man einen Eintrag zum Germanisten, Lyriker und Autor Dr. Erhard Scherner vergeblich. (Das müssen wir ändern!)

Überhaupt sind die Einträge zu ihm im Netz eher spärlich. Kommunisten sind nicht gerade in Mode. Man findet den einen und den anderen Leserbrief von ihm und sein Buch „Der chinesische Papagei“ kann man beim Eulenspiegelverlag kaufen.  Der Verlagstext macht neugierig.

„Grün ist der Papagei. Mit rotem Schnabel. Und verschwiegen. Das macht ihn annehmbar für Chinesen wie für Deutsche. Aber kann er Lebensretter werden? Er kann. Rattert im Oktober 1958 westwärts mit der transsibirischen Eisenbahn, denn Papa­­gei­en lieben keine Höhen­flüge. In der DDR erhält Kons­tantin Mugele, der seine Jahre im Reich der Mitte abgedient hat, in Berlin eine leitende Tätigkeit, ohne dass er leiten soll. An der Seite Bernhard Zieglers – der Leser mag hinter dem Pseudonym Alfred Kurella vermuten – lernt er, wie man eine Kröte nicht schluckt.
Erhard Scherners Alter ego erzählt gleichermaßen vergnüglich und informativ über ein interessantes Kapitel deutscher Vergangenheit. “ (KLICK)

Wer weiter sucht, wird erfahren, dass Erhard Scherner (Autor) und seine Frau Helga Scherner (Übersetzerin)  sich seit 1956 mit den Gedichten Du Fu’s –beschäftigten.

„1956 begannen wir, Gedichte von Du Fu zu übertragen, ein Frühlingsgedicht, ein Klagelied, wie es uns in die Hände kam. Später suchten wir gezielt, besonders nach Gedichten über die Natur, über das Leben des Volkes und den Frieden. So näherten wir uns einem Großen, der die Weltpoesie bereichert hat.“

Anblick eines Fruehlings: Gedichte

Er war Neulehrer, NDL-Redakteur, Zirkelleite, Begleiter junger Autoren, Kulturfunktionär, betreute den literarischen Nachlass Alfred Kurellas und ist Vater, Großvater, Urgroßvater…

 

Heute schrieb er mir als Erwiderung auf meinen Glückwunsch: Noch stehn wir bei denen, die diese Welt für veränderbar halten.

Danke auch dafür.

Erhard Scherner

Erhard Scherner bei einer Lesung 2018 in Blossin

 

Lesehinweise:

»Junger Etrusker erteilt Unterricht«. Eine Erinnerung an Alfred Kurella

Utopie Kreativ Nr. 201-202, Juli/August 2007 – KLICK

Die Fronten gingen durcheinander … Ein Interview zu den Auskünften Ludwig Kroeber-Keneths aus Kronberg über seine und Alfred Kurellas Reise 1919 nach Sowjetrußland

Utopie Kreativ Nr. 213-214, Juli/August 2008 – KLICK


Ende ohne Spurt

Der Aufbruch ist schon geplant.

Gelassenheit eingepackt.

Dank dem freundlichen Gefährt

der Kälte die Stirn bieten.

Wohlbehalten ankommen,

ohne Risse im Gepäcknetz,

bald wieder eingewoben,

am seidenen Faden turnen,

das Meer bleibt im Kopf.


Ich bin ein oller Feigling

Es ist einfach so. Irgendwann wird man alt. Manches wird dann besser, vieles nicht. Den Mut sollte Frau trotzdem nicht verlieren. Manchmal braucht sie ihn doppelt. manchmal hat sie auch keinen. Manchmal ist sie einfach nur feige. Ein oller Feigling. Obwohl der Feigling perse männlich ist, aber das Leben ist grundsätzlich widersprüchlich. Da beißt die Ratte keinen Faden ab.

Durch die Stadt fahre ich neuerdings öfter mal mit den Öffentlichen. Training. Für Angsthasen und olle Feiglinge. Das Auto bleibt stehen. Parkplatzbesetzer.  Ich singe mich leise innerlich mutig, aber die beißende Angst will nicht vergehen. U-Bahn und Bus sind einfacher als die S-Bahn. Das Einsteigen ist die Hürde, nicht die Fahrt. S-Bahn-Bahnsteige machen mir große Angst. Natürlich merkt man mir das nicht an. Ich bin d-d-r-deutsch sozialisiert und verberge Gefühle in der Öffentlichkeit. Gefühle gehören ins Tagebuch, in die Kirche, in das Gedicht oder zur Liebe. Notfalls kann man die Gefühle auch bei einer Gepäckaufbewahrung abgeben. Einfach kräftig in einen Koffer pusten, den verschließen und abgeben. Möglichst nicht wieder abholen. Gefühle können sich zwar ändern, aber man weiß vorher nicht was aus ihnen wird.

Ich war 3 Jahre alt, als mich eine Hausangestellte meiner Eltern vom Bahnsteig stieß – auf die Gleise einer U-Bahnstation. Ich erinnere mich kaum daran, aber die Angst ist geblieben. Die junge Frau vom Lande, eine Pfarrerstochter, litt an einer Psychose, sie hörte Stimmen, sie hat es nicht böse gemeint. Sie war ein guter, sanfter Mensch und erzählte mir oft vom Jesuskind. Mechthild hatte eine schöne Stimme und immer warme Hände.

Meine Erinnerung an das Ereignis auf dem U-Bahnhof brach jahrelang nur in Albträumen auf: Ich stehe auf einem Bahnsteig, der sich nach beiden Seiten absenkt, immer stärker, ich falle und rolle dem Abgrund entgegen, ich halte mich an den Füßen einer Bank  fest, aber die rutscht mit – das geht endlos – bis ich aufwache.

Ich fahre nicht mit der Deutschen Bahn, wenn ich nicht unbedingt muss. Ich muss nicht. Die unbesiegte Angst ist kein freundlicher Begleiter. Sie beschwert das Leben. Man geht ja nicht mit Hausschuhen auf die Straße. Auch nicht barfuß, jedenfalls nicht freiwillig.

Ich verzeihe mir. Ich bin ein Feigling. Manchmal ein oller Feigling. Damit man mutig sein kann, muss man sich manchmal auch die Feigheit verzeihen, oder?