Archiv für die Kategorie ‘NOTIZEN AUS DEM OFF’

Wolkenheimat

In Wirklichkeit ist nichts dauerhaft weich. Die Zustände gehen planlos in einander über. Wie man sich bettet, so liegt man noch lange nicht. Überall Grautöne statt Alltagsbunt, und die Rädelsführer sind noch immer an der Macht. Und das macht was. Sie zerstören die zerstörte Welt. Gegenwehr ist klebrig, aber weitgehend erfolglos. Die Zukunft hängt am gerissenene Faden. Wachsam sind nur die Erdmännchen im Zoo. Selbst das Wolkenkuckucksheim stirbt aus, mit dem Kuckuck. Und Hegel, von Schopenhauer Dummkopf genannt, sitzt neben Marx ganz oben weit im Nirgendwo – verzweifelt.


Hinterher

Luise träumt. Sie parkt ihre Flügel auf dem Rücken, wischt sich den trockenen Sand von den Füßen und geht ins Bad, um die Gießkanne zu füllen. Direkt über dem Waschbecken hängt ein altbackener Kosmetikschrank, im Spiegel erkennt sie ihr Gesicht und findet es zu schmal, atmet tief ein und macht kindische Pausbäckchen. Was für ein schöner Tag! Mit der gefüllten Gießkanne betritt Luise den Balkon der Beletage und da sieht sie es: Die Erde brennt. Alle Erdteile und auch die Meere. In der Brust spürt sie einen scharfen Schmerz. Sie hat gedacht… Ja, was hat sie eigentlich gedacht, sie versucht sich zu erinnern, an eine bessere Welt, aber die Erinnerung ist vergraben unter Katastrophenmeldungen. Sie steigt mit der blechernen Gießkanne in der Hand auf die Balkonbrüstung und sieht auf die brennende Erde hinunter. Sie breitet die knisternden Flügel aus und weiß es doch: Mit einer Gießkanne voller Wasser können die Weltenbrände nicht gelöscht werden.

Hinterher, murmelt sie im Schlaf, ist man immer schlauer. Und sie sieht sich stürzen.


Zeitenwende

Zeitenwende

Gewöhnliche Abläufe sind längst ins Stocken geraten. Die Völker wandern nicht mehr von unten nach oben. Während den Armen das Wasser bis zum Hals steht, trocknen die Flußbetten aus. Der tote Fisch stinkt vom Kopfe her. Entspannungsübungen misslingen. Die Zukunft schimmert braun und die Angst überwuchert selbst den bodenständigen Löwenzahn. Geduld – beweinter Mangel.

Der sanfte Wind besänftigt nicht mehr.


Andere Ermutigung

Für T.

Andere Ermutigung

 

Der ungeteilte Himmel brach auf,

und es war also kein Regen, der die Erde nass machte,

das Versprechen starb unter dem Holunderbusch

und doch – hör zu!

Überall singen die Vögel laut:

Wir brauchen Dich.


Guten-Morgen-Gruppe

Lieber Manfred,

ich weiß ja nicht, ob Du dort, wo Du jetzt bist, im Internet lesen kannst. Aber falls es funktioniert: Deine Guten-Morgen-Gruppe gibt es noch.

Und das ist auch gut so!

Grüße aus Pankow

Maja


Vergeblich geguckt!

Frau kann den Überblick nicht behalten, wenn sie ganz unten steht…


Frieden

Jede will Frieden. Aber jede will ihn anders.


Abgeschrieben

Doppeldeutig grinst mir ABGESCHRIEBEN entgegen.

Gestern im Restaurant des Hotels ADLON/ Kempinski brachte die rührige Serviererin den Zettel für die Kontaktdaten. Kugelschreiber beiligend.

Um den QR-Code für die App musste ich bitten.


Wir haben versagt

Wir haben es gewusst. Oder hätten es wissen können. Womit wollen wir uns herausreden?

Es war eindeutig. Wir wurden gewarnt. Die Zündschnur brannte schon.

Verantwortung kann man nicht delegieren, auch wenn das immer behauptet wird.

Jetzt ist es bereits 5 nach 12.

Was werden wir den Nachkommen der Toten sagen?

Dass wir keine Zeit hatten? Dass die Politik Fehler gemacht hat? Dass wir nichts tun konnten, alles getan haben?

Wir werden – ich ahne es – einmal mehr schweigen.

 


Späte Einsicht

Alter Traum, neu geträumt:

Wieder fremdbestimmt durch den Wald gejagt,

höre die Hunde bellen,

warte auf den Schuß und bin prall entschlossen,

lecke die frischen Wunden nicht,

wer braucht schon eine Zukunft voller Narben.

Die dürftige Theorie,

die Demokratie sei irgendein Ausweg,

rettet keinesfalls irgendwas,

nicht einmal die blasse Hoffnung.

Lachsalven erschüttern die kranke Welt.

Faschisten marschieren wieder überall,

unmaskiert.

Widerstand ist nötigste Alltagspflicht,

aber deutlich spüre ich,

die letzte Kraft schwinden.

Der letzte Tee war zu bitter.

Vertrauen war wieder ein Fehler.