Mauerpark – Nichts bleibt wie es ist…

Mauerpark. So viele Erinnerungen.

1990. Die Aussicht auf unentdecktes Land.

Orkan 2002  – es fegte uns fast weg. Damals mit G.. – das Gefühl, der Mensch könnte vielleicht doch fliegen. So und überhaupt. Aufbruch in eine neue alte Zeit. Focusiert.

Sonnenwende – Hexentanzplatz. Wir kamen gar nicht bis zum Mauerpark. Standen eingekesselt von der Polizei in der Oderberger. Unvergessbar.

Jahre später mit S. und ihren Freunden. Drachen steigen lassen.  Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit. Vielleicht war nicht ausreichend, was ich versuchte. Mangelhaft, mit Mängeln be… – besser: verhaftet. Vermutlich war es doch zu spät.

Mit Z.(aus Syrien) am Feuer vor 2 Jahren, sie war sehr traurig, als wir durch die Oderberger gingen. „Außer Dir habe ich keine einzige Freundin hier“. Ich tröstete mit Worten, dem Hnweis auf eine andere Zukunft – ich war da sicher – und einem Eis.

Als ich sie gestern (vor dem Eisladen) daran erinnerte, dass wir hier schon einmal gewesen seien, sagte sie: „Weißt Du, man vergisst die Straßen, in denen man traurig war.“

Schade, dass sie sich irrt. Wir liefen gestern wieder durch die Oderberger – übrigens mit einer ihrer vielen Freundinnen.

…sprüht auch, sage ich dem Sprayer, sagt er: „Kenne ich. Gibt ja wenig Frauen die sprühen.“ Er nennt mir den passenden Instagramm Account. Ja, er kennt sie. Berlin ist ein Dorf! Besonders am Mauerpark.

Mit den Gästen aus dem Umkreis von Bremerhaven blicken wir auf den bebauungsfreien Streifen – Mauervergangenheit. Schließlich landen wir in der gegenwärtigen Vergangenheit. DDR-Zeug liegt im Trend. Im Schaufenster der VEB-Ladens in der Oderberger entdecke ich zwei Sitzeier in Orange – meine waren rot. Die Welt verändert sich.

Auf dem Hirschhof in der Oderberger ist es immer noch schön. Er ist offen und zugänglich. Wie oft waren wir früher hier! Zum Theater kein Durchgang und auch keiner zur Kastanienalle, schade. Aber Klettersteine und Schaukeln gibt es – und ein Gemeinschaftshaus.

Wir folgen den Spuren des Hirsches und landen beim Inder, hungrig und fröhlich – man muss sich nicht lange kennen, um sich miteinander wohl zu fühlen. Kommt bald mal wieder – ihr da aus Niedersachsen. Wir passen zusammen :-).

Wir sitzen zu lange für die Schulkinder. Als wir zum Auto laufen, glüht die Sonne rot über’m Mauerpark. Wie ein Versprechen.

Klettern

Klettern


Gegen das Verblassen

Farbwuchtige Fotos,

Sonnenuntergang, Wellenmeer, Möwe im Flug –

wiegen mich in Sicherheit.

Das Meer wartet, bis ich Zeit habe.

Sehnsucht schmerzt am Abend,

wenn die Flut der E-Mails nachlässt.

Ich träume mir das Meer in die Küche,

in das Rauschen des Geschirrspülers,

gegen das Verblassen der Erinnerung.


Berlin-Alexanderplatz

Berlin-Alexanderplatz

Berlin-Alexanderplatz


Berlin

Berlin

Berlin


… šukran oder: Das Lächeln der Anderen

Von Freunden, denen ich geholfen hatte, bekam ich einen Briefumschlag. Eigentlich hatte den Freunden mein Drucker geholfen, denn es ging nur ums Ausdrucken eines Textes und einiger E-Mails und beim Ausdrucken ist der menschliche Einsatz relativ gering.  Sie wollten sich aber unbedingt bedanken und brachten mir nicht nur Brombeer-Gelee, sondern auch einen Umschlag. Weil sie annahmen, dass ich auf gar keinen Fall irgendwelches Geld von ihnen genommen hätte, überließen sie mir den Umschlag mit dem Hinweis, der Inhalt sei für Geflüchtete.

Den Umschlag habe ich gestern drei Mädchen gegeben.  Den Freundinnen Z. (aus Syrien/Damaskus) und A. (Kurdin aus Syrien/Aleppo) und S. aus Essen, die in Berlin zu Besuch bei einer Freundin ist. S. kannte die beiden syrischen Mädchen nicht.  Sie sahen sich gestern auf dem Alexanderplatz um kurz nach 15:00 Uhr zum ersten Mal. Unser Auftrag an die 3 Mädchen lautete: Geht zusammen shoppen. Im Umschlag waren 50 €.

Nach einer Stunde kam ein Anruf: Wir sind noch nicht fertig.

Das war eine gute Nachricht. Denn es bedeutete, es wurde miteinander geredet.

Später sahen wir, was sie gekauft hatten:

A. ein Oberteil und Turnschuhe, Fingernägel

Z: eine Handtasche, Fingernägel

S: eine leichte Bluse, Kopfhörer, Fingernägel

12 € waren übrig, die wurden im Café (hoch über der Stadt) dann in Kuchen und Saft verwandelt.

Vielleicht bleiben die Mädchen in Verbindung, vielleicht auch nicht. Nummern haben sie getauscht und Z. und A. haben gefragt, wann S. wieder nach Berlin kommt.

Vor allem aber hatten sie miteinander eine schöne Zeit, daran werden sie sich erinnern. Und die beiden Mädchen aus Syrien haben das eine oder andere von S. erfahren. Zum Beispiel, dass S. in der Schule von der 5. bis zur 9. Klasse Politikunterricht hatte. Und Deutsch gelernt wurde auch noch, ganz nebenbei. Praktischen Politikunterricht gab es an der Weltzeituhr. Da standen nämlich die OMAS GEGEN RECHTS.

Es regnete in Strömen und mit Z. und A. musste ich länger im Kaufhaus bleiben als geplant.

Und natürlich bleiben die Mädchen bei den Tischen mit den Kosmetika stehen.  DIOR. Mehr geht ja fast nicht. Ein bissel mehr gibt es an diesem Tag noch. DIOR Haut nah.

An einem der Schminktische steht eine schöne Frau mit besonders schönen schwarzen Haaren.  Sie ist Make up Artist und schminkt die beiden Mädchen ein ganz klein wenig, typgerecht und vorsichtig. Sie versorgt sie nebenbei auch und mit vielen guten Ratschlägen. Solchen, die nichts kosten. Die sind unbezahlbar.

„Viel Wasser trinken!“

Sonst sprechen wir beim Schminken noch über die Türkei, Syrien, das Deutschlernen, die Integration, über die Schwierigkeit Deutsch zu lernen, wenn man Vater ist – irgendwie scheint das einen Zusammenhang zu haben – über Adoption, die Berufsausbildung zum Make up Artist, Glitzer und Lippen, bei denen der gleiche Lippenstift anders aussieht. Gesprochen wird deutsch, türkisch und arabisch.

Die schöne Frau, die die beiden Mädchen schminkt heißt Sukran – übersetzt heißt das DANKE.

Das schönste Danke ist immer das Lächeln der Anderen.


Lob des Bedenkenträgers

Bedenkenswert: Die Zweifel in den Gedanken sind leichter zu ertragen, als bedenkenloses Denken. Bedenkenträger sind Zweifler. Zweifeln ist eine positiv produktive Tätigkeit. Zukunftsorientiert. Veränderungswillig.


Zeitspenden und der Turm der blauen Pferde

Der Gegenwert meiner gespendeten Zeit türmt sich auf dem Küchentisch, lächelt mir blühend entgegen, füllt den Kühlschrank und springt ins Auge.

Der Turm der blauen Pferde (Franz Marc), lerne ich, ist seit 1945 verschollen. Der letzte Besitzer sei Hermann Göring gewesen, der das Gemälde nach seiner Entfernung aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 in München für seine Kunstsammlung vereinnahmt hatte. E. schenkte mir eine kleine Reproduktion in blauem Rahmen. Jedes Mal, wenn ich die schönen blauen Pferde ansehe, werde ich auch daran denken, dass der Faschismus Kunst gestohlen und Bücher verbrannt hat.

Der Turm der blauen Pferde

Der Turm der blauen Pferde


Zusammenhalt

Wäscheklammern

Wäscheklammern


Vorschläge sind eine akute Gefahr

Tagebuchnotizen.

Macht man Vorschläge, läuft man Gefahr, von den eigenen Vorschlägen erschlagen zu werden.

Es gehört sich aber, sich zu widersetzen. Das ist eine tägliche Pflichtveranstaltung für das lebendige Denkorgan.

Gewohnheiten stehlen Zeit, die ich nicht habe. Doppelt kompliziert. C. behauptete, der Tag habe 24 Stunden und dann auch noch die Nacht. Tatsächlich aber folgt den 24 Stunden nur die oft erlebte Ernüchterung, dass ein Datumswechsel stattgefunden hat. Die Zeit heilt keine Wunden, sie schlägt 13 und mehr.

Die Fresse zu halten, ist oft gesünder für den Nachtschlaf. Insofern rufe ich mir zu: Halt doch wenigstens manchmal die Fresse, Alte! Und wieder widerspreche ich. Bin zum Lachen bereit. Fehlanzeige – flimmert über den Bildschirm. Unverdautes verursacht Morgenverstimmung.

Bewaldete Wolken, träum ich, wären ein Schmuck für das offene Land.


Unterwegs

Blick zurück,

doch ohne Zorn.

Jene seltsame Zeit,

deren Narben schmerzen,

nistet tief im Herzen.

Das Ende ist weit,

auf nach vorn:

ins Glück.