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Sich irgendwie durchschlagen – Rentenversicherungspflicht für Freiberufler – Selbständige

Liebe Miri,

immer mehr Menschen versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen, möglichst abseits von Hartz 4.

Das versteht jeder, der auch nur annähernd begreift, was die Abhängigkeit von diesen Ämtern (Jobcenter, Sozialamt, Grundsicherungsamt) bedeutet.

Für die Unabhängigkeit von diesen Ämtern nehmen Menschen dann auch Honorare in Kauf, die nicht annähernd geeignet sind, auch nur zur einfachen Reproduktion der Arbeitskraft beizutragen…

Honorare, von denen man keine Versicherungsbeiträge bezahlen kann und die eine wirkliche gesellschaftliche Teilhabe unmöglich machen…

Es ist verständlich, dass Menschen für solche Honorare arbeiten.

Aber: Es ist unsolidarisch!

Denn es bringt diejenigen, die versicherungspflichtig sind (und es ist gut so, dass sie es sind!) langfristig um Aufträge und ihr Einkommen. Es vernichtet deren Existenz. Und lässt sie dort landen, wo der andere schon steht.

Sie lassen uns konkurrieren – um jedes Stückchen Brot!

Dein fiktiver Selbständiger /Freiberufler, der mit seiner Kunst weniger als 325 € verdient und dann noch kellnert und vielleicht Hunde ausführt und in der Arztpraxis sauber macht und Werbeprospekte austrägt und Kosmetikprodukte promotet und außerdem Tupperwaren an Mann oder Frau zu bringen versucht – der ist in Wirklichkeit weder Freiberufler noch Selbständiger. Der ist ein ungesicherter abhängig Beschäftigter.

Du schreibst, wer als Single mit einem Einkommen von 1000 € zum Jobcenter geht, wird abgewiesen. Stimmt. Aber dein fiktiver Mustermann hat doch gar kein Einkommen von 1000 €, das sind doch nur seine Einnahmen! Von diesen Einnahmen gehen doch alle Ausgaben ab – und schon darf dein Mustermann doch zum Amt pilgern.

Die Argumentation, eine Rentenversicherungspflicht würde Existenzgründungen verhindern, ist scheinheilig – denn erstens würde es (sogar nach den Plänen der Ministerin) für die ersten Jahre Ausnahmeregelungen geben und vor allem ist es eben keine EXISTENZ, wenn das Einkommen nicht dafür reicht, für Alter und Krankheit vorzusorgen.

Das ist ja einer der Tricks der Kapitalisten dieser angeblich sozialen Gesellschaft, alle Risiken auf den Arbeitnehmer abzuwälzen: Man macht ihn zum (Schein-)Selbständigen und faselt von Freiheit, wo es nur darum geht, die Arbeitgeberanteile zu sparen, und jegliches Arbeitnehmerrecht – von A wie Arbeitsschutz bis Z wie Zusatzurlaub auszuklammern.

Ein Zitat aus der Petition über die wir hier reden: „Grundsätzlich stellt ein staatlicher Zwang zum Abschließen einer Versicherung einen erheblichen Eingriff in die persönliche Lebensgestaltung und wirtschaftliche Freiheit der Bürger dar. Wer sich selbstständig macht, entscheidet sich häufig bewusst dafür, in besonderem Maße Eigenverantwortung zu übernehmen und eben nicht staatlich bevormundet zu werden. Neben einer Rentenversicherung gibt es zahlreiche weitere Möglichkeiten der Alterssicherung, sei es das Eigenheim, Wertpapiere, Ersparnisse oder auch das eigene Unternehmen. Diese können im Übrigen durchaus eine effizientere Vorsorge darstellen als die staatliche Rentenversicherung.“

Liebe Miri, das zeigt doch eindeutig, um wen es den Petitionseinreichern eigentlich geht.

Diejenigen, von denen du redest, sind doch nicht gegen die Pläne, weil sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, sondern weil sie vermuten, sie könnten sich die eigene Absicherung nicht leisten. Die haben weder Wertpapiere noch Ersparnisse – und ihre Unternehmen sind in der Regel nichts wert, weil ohne sie selbst als einziges Betriebskapital das Unternehmen einfach nur ein schwarzes Loch ohne Zukunft wäre.

Die Eigenverantwortung ist im Übrigen auch für die Freiheitsverfechter, die „ in besonderem Maße Eigenverantwortung übernehmen und nicht staatlich bevormundet“ werden wollen, spätestens dann vorbei, wenn es zur Vorsorge nicht gelangt hat (oder die Aktien gefallen sind) und Mann oder Frau z.B. erwerbsunfähig oder alt und arbeitsunfähig wird. Dann greift – und das ist auch in Ordnung so – das soziale Netz, das wenigstens das Überleben sichert .

„Und da Frau von der Leyen Journalisten gegenüber geäußert hat, dass man in ihrem Ministerium nicht genau wisse, wie es um die Altersvorsorge Selbstständiger tatsächlich bestellt ist, und deshalb eine Machbarkeitsstudie bei McKinsey in Auftrag gegeben sei, halte ich es für legitim, wenn Selbstständige McKinsey etwas „helfen“ und Frau von der Leyen sagen, wie es um ihre finanzielle Situation bestellt ist.“ (Zitat aus deinem/Miris Kommentar)

Liebe Miri, dagegen ist überhaupt nichts zu sagen – aber wie helfen die Selbständigen denn dem Institut (McKinsey) bei der Feststellung der sozialen Lage von Selbständigen? Durch Unterzeichnen einer Petition, die beklagt, dass die „junge Generation noch stärker belastet würde, die ohnehin schon in besonderem Maße die Folgen der demographischen Entwicklung und der Staatsverschuldung zu tragen hat und zu tragen haben wird.“ ?

Nehmen wir einmal an, die ganzen Freiberufler und Selbständigen, die in so prekären Verhältnissen arbeiten und leben, müssten tatsächlich nach Inkrafttreten eines Gesetzes (das wir alle noch nicht kennen), ergänzendes Hartz 4 beantragen. Dann würde der Staat diesen Freiberuflern und Selbständigen ja die Beiträge zur Rentenversicherung finanzieren. Wäre doch prima. Ich gehe allerdings jede Wette ein, dass sie sich das so nicht denken :-).

Du vermutest, ein großer Teil der Betroffenen würde dann zusätzlich zum mageren Hartz4-Satz „schwarz“ hinzuverdienen. Ganz davon abgesehen, dass das so einfach nicht ist, würde es ja die miserablen Stundenlöhnehonorare im Gesamtdurchschnitt (Grundsicherungsbetrag plus Erlös aus Schwarzarbeit durch Arbeitsstunden) mindestens etwas aufbessern.

Ich habe in den Kommentaren zur Petition gelesen und es ist ziemlich gruselig, was da Menschen erzählen – eine hochqualifizierte Übersetzerin (deren Kinder erwachsen sind) und die sich für jetzt für 10 € BRUTTO verdingt, beklagt, dass sie davon die Rentenbeiträge nicht zahlen könnte. Stimmt! Aber das Problem liegt doch nicht bei der Verpflichtung zur Zahlung von solidarischen Vorsorgebeiträgen – sondern bei ihrem Stundenhonorar von 10 € brutto.

Es wird festgestellt, dass dem freiberuflichen Volkshochschullehrer ein Honorar von 18 € geboten wird (von dem er alle seine Ausgaben tragen soll), der angestellten Lehrerin aber ein Stundenlohn von über 50 € zusteht. Die Kritik richtet sich aber nicht gegen die 18 € – sondern gegen die eventuelle Pflicht, davon Rentenversicherungsbeiträge zahlen zu müssen und die damit verbundene Einschränkung der bürgerlichen Freiheit.

Der Petitionstext richtet sich eben nicht gegen einen ungerechten pauschalen Beitrag zu Rentenversicherung und fordert eine einkommensabhängige Regelung, sondern er lehnt die Pläne einer Rentenversicherungspflicht für Selbständige per se ab. Die Rentenversicherungspflicht für Selbständige würde aber ganz sicher eben auch ein Stück weg führen von den jetzt möglichen Dumpinghonoraren.

Immerhin stieß ich dann doch auf einen Beitrag, der in seiner Quintessenz die Unterschiede in der Anschauung sichtbar macht. (Wer ihn sich wirklich antun will: http://www.globosphaere.de/2012/05/18/liberale-eigentumsrechte-und-das-problem-der-rentenversicherung/#more-131)

Zitat:

Der Liberalismus sucht nicht nach einem Prinzip, auf dem ein gerechter gesellschaftlicher Endzustand basieren soll, sondern betrachtet das Zustandekommen eines gegebenen Zustandes: Wurden im Entstehensprozeß niemandes Rechte verletzt, ist der erreichte Zustand automatisch gerecht (Besitzgerechtigkeit (liberal) vs. Verteilungsgerechtigkeit (sozialistisch)).

 

Auch da bleibe ich Sozialistin – und als solche Verfechterin der Verteilungsgerechtigkeit. Wobei diese Liberalen den Diebstahl, die Aneignung von Mehrwert ja eben nicht als eine Rechtsverletzung begreifen, obwohl er ein Verbrechen ist. Für diese Leute sind die Milliarden der Milliardäre ehrlich verdient. Auch das unterscheidet uns, diese sogenannten Liberalen und uns Sozialisten.


Kommentar 6 – vom aufschreiber – Antwort auf Miri Kommentar 5 :-)

Liebe Miri,

„nein, wir sind nicht beim „400-Euro-Jobber, der mit seiner Kunst weniger als 325 Euro monatlich dazu verdient und deshalb bei der KSK nicht versichert ist“

Dieses von Dir nun als unzutreffend klassifizierte Beispiel stammt – siehe Zitat – von Dir selbst.

„Ich habe bei Zukunftsbau Künstler kennengelernt, die dort Kreativkurse geben, um sich über Wasser halten zu können, was aber nicht bedeutet, dass ihre Kunst wertlos oder eben nur Hobby ist.“

Bezieht sich auch auf die Absätze davor: Ein Künstler, der freiberuflich Kreativkurse gibt, ist entweder als Pädagoge oder in der KSK heute längst pflichtversichert.

„Was, wenn kein Argument, ist denn der Hinweis auf unsolidarische Bezahlung? Es wird solidarisches Beitragsverhalten von unsolidarisch Entlohnten erwartet. (Ich meine nicht den „Zahnarzt“.) Das ist ein Widerspruch in sich.“

Warum, bitte, sollte ein Kapitalist mit einem seiner Lohnsklaven solidarisch sein? Oder der von der herrschenden Klasse abhängige Staat?

„Es nur logisch, dass es einen Aufschrei derer gibt, die sich zu mehr Sozialabgaben außerstande sehen. Ursula spricht schlicht von Selbstständigen und nicht von Selbstständigen mit einem monatlichen Einkommen ab…“

Das ist doch irreal und das weiß auch Ursula von der Leyen, die ich politisch nun wirklich nicht sehr schätze. Kein Mensch will ernsthaft dem 1000-Euro-Umsatz-Macher (dass Du hier immer den Umsatz mit dem tatsächlichen Netto-Einkommen quasi gleich setzt, ist übrigens ein wenig unseriös) 400 Euro Rentenversicherungsbeitrag abnehmen.

Tatsächlich ist der „Aufschrei“, auf den leider viele Klein- und Fast-nichts-Verdiener hereinfallen, eine von der FDP nahestehenden Unternehmensberatern u. ä. lanciert, um gut verdienende Freiberufler vor der Solidargemeinschaft zu schützen.

„Und die Diskussion, ob man von 1000,00 leben kann oder nicht und ob man ein WG-Zimmer für 250,00 warm kriegt oder nicht, führt am Kern der Sache vorbei. Das ist auch regional unterschiedlich. Eine Mutter von zwei Kindern, die ich bis vor kurzem gelegentlich betreut habe, mietet gerade ein Haus mit 6 Zimmern und Garten für 500,00 (kalt), allerdings ist das in Torgelow.“

Nein, das geht nicht an der Sache vorbei. Was Du in diesem Absatz schreibst, ist ein Plädoyer für die Gentrifizierung: Arme raus aus den Städten und ab aufs Land.


Kommentare: 5 von Miri – bezieht sich auf 4 vom aufschreiber…

Lieber Aufschreiber, nein, wir sind nicht beim „400-Euro-Jobber, der mit seiner Kunst weniger als 325 Euro monatlich dazu verdient und deshalb bei der KSK nicht versichert ist“, sondern bei einem, der auf Honorarbasis kunstfremd arbeitet, das ist ein gewaltiger Unterschied.

Ja, ein Künstler kann auch mal vorübergehend unter dem Einkommenslimit bleiben, ohne aus der KSK herauszufallen, aber viele können absehen, dass sie das längerfristig sein werden und beantragen die Mitgliedschaft nicht. Manche sehen sich auch zu keiner Einkommensprognose imstande.

Ob die Kunst Beruf oder nur Hobby ist, lässt sich nicht ausschließlich über mit ihr erzieltes Einkommen festlegen, denn das hängt nicht ausschließlich von den künstlerischen Fähigkeiten des Künstlers ab, sondern ganz entscheidend auch von der Kaufkraft derer, die sich für seine Kunst interessieren.

Ich habe bei Zukunftsbau Künstler kennengelernt, die dort Kreativkurse geben, um sich über Wasser halten zu können, was aber nicht bedeutet, dass ihre Kunst wertlos oder eben nur Hobby ist.

Was, wenn kein Argument, ist denn der Hinweis auf unsolidarische Bezahlung? Es wird solidarisches Beitragsverhalten von unsolidarisch Entlohnten erwartet. (Ich meine nicht den „Zahnarzt“.) Das ist ein Widerspruch in sich.

Und da sind wir m.E. am entscheidenden Punkt: Wir diskutieren hier nämlich gar nicht wirklich über die notwendige von allen beitragsfinanzierte Altersabsicherung für alle, sondern über ein Arm-reich-Gefälle, das in Ursula von der Leyens Eckpunktepapier nicht berücksichtigt oder zumindest nicht transparent wird.

Jemand, der der Solidargemeinschaft JETZT nicht „auf der Tasche liegen“ will und sich irgendwie durchwurschtelt, wird aufgefordert, auch hinsichtlich Altersvorsorge solidarisch zu handeln. Das setzte aber Arbeitsentgelte voraus, die mehr als ein sorgenfreies JETZT ermöglichen.

Es nur logisch, dass es einen Aufschrei derer gibt, die sich zu mehr Sozialabgaben außerstande sehen. Ursula spricht schlicht von Selbstständigen und nicht von Selbstständigen mit einem monatlichen Einkommen ab…

Und die Diskussion, ob man von 1000,00 leben kann oder nicht und ob man ein WG-Zimmer für 250,00 warm kriegt oder nicht, führt am Kern der Sache vorbei. Das ist auch regional unterschiedlich. Eine Mutter von zwei Kindern, die ich bis vor kurzem gelegentlich betreut habe, mietet gerade ein Haus mit 6 Zimmern und Garten für 500,00 (kalt), allerdings ist das in Torgelow.


Kommentare: 3 – von Miriam

Wen konkret, also welche Berufsgruppen, meine ich mit dem von mir erfundenen freiberuflichen Nichtkünstler? Außer den viel diskutierten „Zahnärzten“ und „Physiotherapeuten“, von denen nicht alle wirklich reich sind, meine ich vor allem freiberuflich tätige Menschen unterschiedlichster Berufe bzw. Ausbildungen mit Aufträgen bzw. Aushilfstätigkeiten in verschiedenen Bereichen, für die sie Honorare erhalten, also keine 400,00 €-Jobber, denn die bleiben beitragsbefreit, es sei denn es kommt weiteres Einkommen hinzu. Das können z.B. Künstler sein, die mit ihrer Kunst weniger als 325,00 € im Monat verdienen und daher von der Künstlersozialkasse nicht als Künstler akzeptiert werden und nebenbei berufsfremd kellnern oder vergleichbare Hilfsarbeiten verrichten. Ich meine Menschen, die auf Honorarbasis vom Existenzminimum oder auch etwas weniger leben, aber nicht zum Jobcenter gehen (wollen). Die müssten sich, wenn sie rentenversicherungspflichtig würden, beim Jobcenter melden und es ist gut vorstellbar, dass sie ihren vorherigen Erwerbstätigkeiten weiterhin nachgingen, dann allerdings „schwarz“.
Es geht keineswegs allen, die die Petition gegen das Eckpunktepapier von Frau von der Leyen unterschreiben, darum, ein gerechtes Rentensystem, in dem alle in EINE Kasse einzahlen, zu verhindern. Wenngleich es die natürlich auch gibt, da habt ihr vollkommen Recht. Aber an dieser Ungerechtigkeit will Frau von der Leyen gar nichts ändern, die privaten Versicherer tastet sie nicht an. Wer ausreichend private Vorsorge nachweisen kann, muss auch ab 2013 nicht in die gesetzliche Versicherung einzahlen, sofern seine Absicherung die Kriterien, nach denen Rente definiert ist, erfüllt. In der Tat muss dann der „Zahnarzt“, der bis jetzt nur Aktien und Fondanteile gekauft hat, um mit den Gewinnen sein Leben im Alter zu finanzieren, anfangen, in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen. Wenn er ausreichend riestert oder rürupt, muss er das nicht.
Problematisch sind die Vorschläge aus dem Arbeitsministerium für die, die keinen Rentenversicherungsschutz haben. Das sind nicht zwingend die Superreichen, sondern die working poor.
Dass mein fiktiver freiberuflicher Nichtkünstler ohnehin schon Kunde beim Jobcenter ist, stimmt m.E. Nicht, denn es bleibt ihm zwar nach Abzug aller Fixkosten tatsächlich etwas weniger als der Regelsatz, aber ich haber etliches rausgerechnet, was nach SGB II vom Regelsatz zu bezahlen wäre: Energie (abzüglich Heizenergie), Gesundheitskosten, Fahrgeld… Wer mit einem Einkommen von 1000,00 € zum Jobcenter geht, wird abgewiesen, es sei denn, er/ sie hat 1 Kind/ Kinder. Mein fiktiver freiberuflicher Nichtkünstler ist Single.

Und für ca. 250,00 € warm wohnen übrigens – auch in Berlin – alle, die aus Kostengründen auf eine eigene Wohnung verzichten und stattdessen ein WG-Zimmer bewohnen, und darüber hinaus noch vereinzelte „Glückspilze“ wie Gaja oder ich mit kleinen Wohnungen, die noch nicht saniert sind und sich in schlechter Wohnlage befinden.

In gewisser Weise ist die Diskussion hier aber schwierig, und zwar insofern, als wir hier über ein Eckpunktepapier herziehen, das inkonkret ist und großen Interpretationsspielraum lässt. Was beispielsweise sind „pragmatische“ Übergangsregelungen für die 30 bis 50jährigen? Viele derer, bei denen das Papier Angst schürt, sind zwischen 30 und 50, also nicht die Hauptzielgruppe, aber auch nicht völlig aus dem Gefecht. Und da Frau von der Leyen Journalisten gegenüber geäußert hat, dass man in ihrem Ministerium nicht genau wisse, wie es um die Altersvorsorge Selbstständiger tatsächlich bestellt ist, und deshalb eine Machbarkeitsstudie bei McKinsey in Auftrag gegeben sei, halte ich es für legitim, wenn Selbstständige McKinsey etwas „helfen“ und Frau von der Leyen sagen, wie es um ihre finanzielle Situation bestellt ist. Die Dame ist ahnungslos. Sie schließt von sich auf alle anderen. Sie hat keine finanziellen Probleme.

Gegen Solidarität habe ich nichts, aber auch wirklich gar nichts einzuwenden!

Und dass wir uns in einer sozialen Schieflage befinden, die sich nicht zuletzt in Löhnen ausdrückt, mit denen ein menschenwürdiges Leben und gesellschaftliche Teilhabe nicht für alle möglich sind, habe ich mit meinen Worten nicht bestritten, sonst stünde am Ende nicht: So lange es Menschen gibt, die unsolidarisch bezahlt werden, gibt es auch unsolidarisches Beitragsverhalten.


Auch Freiberufler sind nicht frei! Sie nennen auch uns Humankapital!

Liebe Maja,

es gibt nicht nur die unsolidarischen Stinkreichen, es gibt auch ein Heer von Freiberuflern, die für Stinkreiche auf Honorarbasis arbeiten und sich in Monaten, in denen sie 1000,00 € auf ihrer Einnahmenseite verbuchen, glücklich schätzen. (Nicht alle Freiberufler sind als Künstler in der Künstlersozialkasse versichert. Es gibt auch Nichtkünstler.)

Eine fiktive Rechnung:

1000,00 € Einnahmen stehen gegenüber

– 250,00 € Warmmiete
– 50,00 € Energie
– 30,00 € Flatrate Internet/ Telefon
– 200,00 € gesetzliche KV (http://www.cecu.de/krankenversicherung-freiberufler.html)
– 20,00 € sonstige Gesundheitskosten (Quartals- u. Rezeptgebühren, Zuzahlungen)
– 75,00 € Mobilität (Auto oder Monatskarte ÖPNV)
– 18,00 € GEZ
– 15,00 € Hausrat-, Haftpflichtversicherung

Dem freiberuflichen Nichtkünstler bleiben nach Abzug dieser 658,00 € von seinem Honorar für Essen, Kleidung, Kultur und Bildung 342,00 €.

Es sei denn, er zahlt mit 196,00 € auch noch die 19,6 % Rentenversicherungsbeitrag. Dann blieben ihm 146,00 €. Mit diesem Einkommen ginge er dann zum Jobcenter und ließe aufstocken. Er könnte aber auch beschließen, nicht mehr zu arbeiten und als Arbeitsloser ausschließlich von ALG II zu leben bzw. dieses mit etwas Schwarzarbeit aufzubessern.

Deshalb verbreite auch ich den Aufruf, die Petition zu unterschreiben, im Internet.

Dieser Aufruf wird sicherlich auch, aber keineswegs nur, von Aktionären unterstützt.

So lange es Menschen gibt, die unsolidarisch bezahlt werden, gibt es auch unsolidarisches Beitragsverhalten.

Miri

Liebe Miri,

ich hoffe du nimmst mir nicht übel, dass ich deinen Kommentar hier als Zitat poste, aber sonst würde unsere Diskussion vermutlich kein Mensch lesen.

Deine Argumentation ist meines Erachtens falsch, weil schon ihre Eckannahmen nicht stimmen. Bei Freiberuflern, die nur 1000 € pro Monat auf der Einnahmenseite zu stehen haben, muss man natürlich fragen, wie viele Stunden sie arbeiten, um auf diese Summe zu kommen und welche Art von Arbeit das ist.

Arbeitet dein Beispielfreiberufler nur 10 Stunden und bekommt dafür die 1000 € – oder arbeitet er dafür 200 Stunden?

Du kannst es da schon wenden, wie du willst – es ist in jedem Fall etwas schief. Entweder hat er zu wenig Arbeit/Aufträge oder er wird zu schlecht bezahlt. Honorare von 10 € pro Stunde für Freiberufler sind nicht in Ordnung! Und wenn man davon ausgeht, dass die Auftraggeber nicht bereit sind, mehr zu bezahlen, dann liegt genau da die Schweinerei. Der Auftraggeber darf niemanden finden, der zu solchen Hungerhonoraren arbeitet! Es gehört auch zur Solidarität zu sagen: Das mache ich nicht, das ist zu schlecht bezahlt. Ansonsten drehen wir die Spirale immer weiter nach unten!

Liebe Miri, deinem freiberuflichen Nichtkünstler verbleiben nach deiner Rechnung für Essen, Kleidung, Kultur und Bildung 342,00 €. Davon kann man auf Dauer nicht menschenwürdig leben.

Folgt man deiner Argumentation, müsste man deinem Freuberufler also auch die gesetzliche Krankenversicherung erlassen, die ihn 196 € kostet. Dann hätte er schon 538 € – WOW!

Allerdings wäre dann eine Blinddarmentzündung oder ein gebrochener Arm ein Problem, denn für die entsprechende Behandlung wäre sein Monatsbudjet garantiert nicht ausreichend. Es sei denn, der Arzt wäre ein Freiberufler, der für 7 € in der Stunde arbeitet und keinerlei Betriebskosten  (Praxismiete, Angestellte etc.) hat.

Liebe Miri, ich würde gern wissen, aus welchen Berufsgruppen das von dir genannte Heer von Freiberuflern besteht, das man wegen geringer Einkünfte vor einer Rentenversicherungspflicht „bewahren“ muss. Lehrer, Dozenten, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und selbständige Handwerker sind auch jetzt schon rentenversicherungspflichtig.

Auch deine Argumentation, der arme Freiberufler müsse dann zum Jobcenter und aufstocken, kritisiert am falschen Ende. Dass die abhängig vollzeitarbeitende Friseurin aufstocken muss, ist doch genauso ein Skandal. Soll die jetzt auch nicht mehr rentenversichert werden, weil dann ihr und dem Arbeitgeber mehr „Netto vom Brutto“ bleibt?

Dein armer Freiberufler muss übrigens auch ohne Rentenversicherungspflicht aufstocken gehen, falls er ein Kind hat oder statt der 1000 € nur 700 einnimmt.

Ich bin gespannt, was du dazu sagst.

Ich habe es gerade noch mal gehört und denke es passt, der Text ist absolut aktuell: