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Abendspaziergang mit P. – ausgefallen

Der Abendspaziergang – lang geplant – musste ausfallen. Zwar hätten wir uns gegenseitig nicht anstecken können, aber mit Fieber gehört man ins Bett. Jedefrau und Jedermann.

Telefonieren ging auch nicht, ich bin ziemlich stimmlos.

Deshalb poste ich hier nur das geplante Thema: Integration.

Einen Dialog dazu müsst ihr euch ausdenken.

 


Das Leben ist eine Collage

Mitten in der Nacht, also kurz vor Sieben, erreicht mich eine Nachricht über WhatsAPP:

Ja, bin ich. Guten Morgen. 

Das ist eine Antwort auf meine am Abend gestellte Frage: Bist Du da?

Der Vorteil so eines kleinen Messenger-Programms liegt auf meiner noch müden Hand: Man kann jederzeit antworten, muss aber nicht.

Mein Beschluss aufzustehen, ist der Notwendigkeit des Broterwerbs untergeordnet und kein Ergebnis purer Lust: Draußen ist es kalt und ungemütlich und drinnen gäbe es ein warmes Bett und die Möglichkeit, Hörbuch hörend dahinzudämmern und vielleicht sogar noch einmal einzuschlafen. Aber nichts da, aufstehen und rausgucken, auch, weil die Freundin behauptet hat, es sei weiß draußen, glitzernd. Da glitzert nichts, es ist ohnhin dunkel. Die Lichter der Alten Mälzerei unterbrechen das Schwarzgrau zwar wohltuend, aber zum Spaziergang lädt da nichts ein.

Es fährt ein Lastwagen vorbei, an dessen Seitenwand Möbel aufgezeichnet sind und darüber steht: Das Leben ist eine Collage

Stimmt, denke ich, schon ein einziger Tag ist eine.

Also dieser zum Beispiel.

Meines Tagescollage setzt sich fort mit der E-Mail einer Anwältin fort, die Unterlagen zugesendet haben möchte, damit jemand, dem ich im Krieg mit Ämtern und Versicherungen ein wenig zu helfen versuche, zu seinem Recht kommt. Ob man per Gericht zu seinem Recht kommt, ist von so vielen Faktoren abhängig, dass es am Ende beinahe auf eine Lotterie herausläuft. Je größer der Gegner, desto kleiner die Gewinnchance. Herr Meyer gegen die Rentenversicherung, Herr Meyer gegen das Land Berlin, Herr Meyer gegen den Versicherungsriesen XYZ.  Gewiss ist nur, dass wer Recht hat, noch lange nicht Recht bekommen muss. Und überhaupt: Bis so ein Verfahren an dem Punkt ist, an dem Herr Meyer klagen kann, haben die meisten Menschen schon aufgegeben. Denn auch eine Rechtsschutzversicherung übernimmt in der Regel die Kosten erst ab dem Klageverfahren – im Widerspruchsverfahren ist der der Widersprechende – bei der Steuer der Einsprechende – auf seine eigene Kraft angewiesen – oder er hat das nötige Geld, um die Arbeit zu delegieren. Oder Freunde oder Verwandte, die den Kampf  für ihn führen. Aber selbst dann muss der Betroffene den damit verbundenen Ärger und Frust aushalten können. Es gibt im Internet ein Forum, das heißt „Krank ohne Rente“. Wer wissen will, wie ungerecht und für die Betroffenen lebensgefährdend es in Deutschland zugeht, der sollte dort einmal lesen.

1. Arbeit / 2. Arbeit  / 3. Arbeit

 Ich muss eine Anstrengung unternehmen. Es geht darum, etwas zu tun, das mir sehr schwer fällt. Was ich tun muss, tut weder weh, noch würde mir das Nicht(s)tun erhebliche Nachteile bringen. Es ist nur eben schwierig. Und es kostet Zeit. Aber ich erwarte ja von anderen auch, dass sie sich anstrengen. Den Maßstab, mit dem ich das Verhalten anderer Menschen messe, gilt zu allererst für mich selber. Punkt: Ich werde mich anstrengen. (Notiz – Maßstäbe sind verschieden, Lerntypen sind verschieden, Menschen gleichen sich, sind aber vor allem immer jeder ein Anderer.)

4. Arbeit /5. Arbeit /6. Arbeit.

Mir begegnet Eugen Gomringer. Ein Dichter, dessen Namen ich bisher nicht kannte.

Er begenet mir in Form eines Gedichts. Das Gedicht besteht aus vier Worten.

Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
 Übersetzt, erfahre ich, heißt das:  Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
Und jetzt bitte ich jeden Leser (der das Gedicht nicht kennt), sich eine Meinung zu bilden.
Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
 
Mir gefällt das!
 
Eine andere Übersetzung übersetzt so:

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Es erinnert mich an Brechts  „Der Rauch“.

Berthold Brecht

DER RAUCH

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See.

Für mich macht der Bewunderer die Szene schön.

Für andere offensichtlich nicht. Das Gedicht wohnt an einer Hauswand und soll da weg. Es sei frauenfeindlich, heißt es. Klick

Und dann stoße ich noch auf einen Artikel in der Berliner Zeitung, den ich sehr empfehle – Es ist etwas faul im Staate D., das ist mein Kommentar dazu.

Wer nicht miteinander redet, wird irgendwann aufeinander schießen.

Diskussionskultur an Unis: Die neue Intoleranz

Arbeit 7 /Arbeit 8 / Arbeit 9

Im Bad geht das Radio an, ich hänge die Wäsche auf. Ferdinand soll geschossen werden. Wer ist Ferdinand? Ferdinand ist ein weißer Elch in Schweden, der kürzlich unangenehm aufgefallen ist, weil er eine Frau mit zwei Hunden erschreckt hat. Letztlich ist nichts passiert, aber Ferdinand ist zum Abschuss freigegeben. Im Internet formiert sich die Rettungsgemeinde, natürlich gibt es bereits eine Online-Petition.

Rettet Ferdinand, schließlich ist der auch für den Tourismus wichtig!

Es klingelt. Die beiden Paketboten, die mir ein Amazonpaket bringen, sprechen kein Deutsch. Auf meine Frage, ob sie mich von unten gehört haben, antwortet der eine: Ich wünsche Sie ein sonniges Leben. Da kann ich mich nur bedanken.

S. ruft an, hat einen Telefonmarathon hinter sich, wollte einen Termin für uns vereinbaren – sinnlos, es gibt gar keinen wirklichen Ansprechpartner in dieser Behörde. Warteschleifenmarathon beim Versuch, in der empfohlenen Ersatzbehörde einen Termin zu machen. Es gibt eine Online-Variante zur Terminvereinbarung. Ich übernehme das, sage ich. Da weiß ich noch nicht, worauf ich mich einlasse.

Termine

Termine

Es gibt bis Februar keinen einzigen Termin. Nach Februar gibt es auch keine Termine, weil der Terminkalender nicht weiter geht. Anschließend sitze ich wie ein Kaninchen vor der Schlange und zappe zwischen Terminvereinbarungsorten hin und her. Ich habe Glück, ich erwische einen Termin am 8 Februar 2018, den jemand anderes abgesagt hat.

Arbeit 10 /Arbeit 11/ Arbeit 12

Meine Gäste bringen Milchreis mit. Z. hat eine neue Zahnspange und kann schlecht kauen. Der Kakao kocht über. Ich bin schuld. Z. behauptet, sie sei schuld, stimmt aber nicht. Z. hat versucht, den Topf auf neben die Flamme zu ziehen und gemeinsam haben wir den Kakao in der Küche verteilt, weil ich auch meine Hand am Topf hatte. J. eilt herbei und im Sprachgewirr komme an den Rand meiner Belastbarkeit, aber es ist trotzdem lustig. Kann also auch Spaß machen, wenn man die Küche mit Kakao vollgießt :-). Das ist trotzdem keine Handlungsempfehlung.

Wir trinken die Reste und reden über Feste, besonders über Weihnachten. Baum, Kerzen, schön…

Im Profil von I. aus Syrien: „Ich weiß nicht, wer unser Land verkauft hat, aber ich weiß, wer den Preis dafür zahlt“

Arbeit…

Clara ist krank. Die anderen Ratten kümmern sich um sie, aber ich fürchte, ich werde Clara bald verlieren. Doch heute frisst sie Milchreis und guckt krank, aber glücklich.

Der Tag ist beinahe zur Ende. Einige Collageteile habe ich hier nicht erwähnt.

Zum Schluss:

Über den Verbleib des Gedichts an der Hauswand wird jetzt abgestimmt. Schlimmer gehts nimmer, das ist meine Meinung dazu. Demokratie ist merkwürdig. KLICK

Ferdinand ist geschützt – er darf nicht mehr geschossen werden – KLICK

 

 

 


Schade eigentlich – DiEM25

Schade eigentlich. Ich hätte gern mein Verhältnis zur Demokratie aufgebessert. Das ist ohnhin gestört, weil ich es problematisch finde, dass ich damit rechnen muss, eventuell eine Regierung zu erwischen, die keinerlei Rücksichten auf Minderheiten nimmt. Armes Österreich. Doch: Die Mehrheit hat es so gewollt.

Basisdemokratie für Europa – gegen die Wirtschaftsbosse – für die Menschen. Wäre toll.

Seit etwa einem halben Jahr bin ich Mitglied bei DiEM25 und damit total überfordert. Der lobenswerte Versuch, eine Alternative zur Ausbeuter-EU zu sein, läuft bei mir ins Leere. Ich verstehe DiEM25 schlichtweg nicht.

Ich habe mich im letzten halben Jahr mehrfach durch ellenlange Papiere gelesen, aber mich nicht wiedergefunden, wenngleich ich manchmal zustimmend nicken konnte.

Und dann erhielt ich heute die Erinnerung an eine Abstimmung, an der ich nicht gleich bei der ersten Einladung teilgenommen hatte. Also folgte ich dem Link um der Basisdemokratie eine Chance zu geben.

Der ersten heutigen Abstimmung konnte ich  inhaltlich noch folgen, weil sie in meiner Muttersprache vorlag, aber die zweite bot mir 5 Alternativen, die alle in englischer Sprache begründet wurden. Und das nicht etwa schriftlich, so dass ich mir mühevoll die Texte hätte übersetzen können, sondern mundsprachlich per YouTube-Video. Oh man – oder oh Männer – was denkt ihr euch dabei? Das soll basisdemokratisch sein? Und es geht doch um was! Soll DiEM25 in Hinblick auf die Europawahlen als Partei auftreten oder nicht, und wenn ja in welcher Form. Wie soll ich da abstimmen, wenn ich kaum etwas verstehe?

Ein ehemaliges Mitglied bei DiEM25 schrieb mir, bei den regionalen Treffen seien immer andere Leute erschienen. Wie kann man in solchen Konstellationen zusammen arbeiten? Alles, was ich online an Teilnahme versucht habe, ging ebenso schief – also einfach nur Zahlmitglied sein? Ist es da nicht aussichtsreicher, dem Bettler an der nächsten Ecke eine Mahlzeit zu spendieren?

Achtung, jetzt folgen vier Videos – ich erwarte nicht, dass ihr euch die anseht – sie dienen lediglich der Illustration – und falls sie euch tatsächlich interessieren auch zur Information.

Das YouTube Video mit Yiannis haben sich bisher noch nicht einmal 800 Menschen angesehen.

Die Begründung eines anderen Vorschlags fand noch weniger Zuschauer.

Und noch einer:

Und weiter:

 

 

 


Augen zu und durch?

Die Armut hat die Stadt in Besitz genommen. Sie zeigt sich an jeder Ecke.

Und nun? Weggucken?

Armut-Berlin

Armut-Berlin


Abschiebezentren mit Stacheldraht

Schuh

Schuh

Ich bin mal wieder ratlos. Sie werden es wirklich tun. Es gibt sie ja schon, diese Abschiebezentren – Klick. Da wohnen sogar Schaukelpferde hinter dem Stacheldraht.

Özdemir wird Außenminister und trinkt mit Erdogan Tee? Linder bekommt das Wirtschaftsministerium und Merkel lächelt. Um das Umweltministerium wird noch gestritten. Ich dachte, die AFD sei drittstärkste Partei geworden, aber das stimmt nicht. Die AFD hat die Wahl gewonnen.

Und noch eine Hörempfehlung:

27 Jahre Deutsche Einheit – wie einig sind die Deutschen?


Aus dem Zoo in den Kindergarten?

Anlass des Beitrags – Maischberger – heute:

„Die Wahl hat die Deutschen daran erinnert, wie geteilt ihr Land noch immer ist“, analysiert die „Neue Zürcher Zeitung“. Über 25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind in Ostdeutschland der linke und der rechte Rand des Parteienspektrums, also Linke und AfD, mit fast 40 Prozent annähernd so stark wie die sogenannte Mitte. „

Der Osten ist wieder in Mode. Wir Ostler sind wieder eine Betrachtung wert. Das verdanken wir der AFD. Allein das ist schon zum Heulen.

Damals in der DDR:

Westler besuchten uns wie Tiere im Zoo, mal schauen, wie die so leben in ihrem Käfig. Und was die so fressen und womit sie spielen. Und dann bringen wir ihnen noch was zum Naschen mit, natürlich Bananen, ein wenig Schokolade (Sarotti)  und etwas Schönes zum Anziehen, eine Strumpfhose (noName) und vielleicht noch Kaffee (Jacobs Krönung). Und von dem Eintrittsgeld kaufen wir uns ein paar Bücher (vielleicht sogar Marx), ein paar Kerzen und Briefpapier – oh, das ist aber billig. Die lächelten über die stolzen Besitzer einer Neubauwohnung in Halle-Neustadt.

Und heute:

Wir müssen die Menschen an der Hand nehmen. Wir müssen ihnen das besser erklären. Sie haben unsere Demokratie nicht verstanden, das nicht gelernt, die Europa-Idee nicht verstanden. Die wissen nicht, wie man sich auseinandersetzt. Die haben das Diskutieren nicht gelernt. Die haben ja immer nur gemacht, was ihnen gesagt wurde, deshalb fehlt ihnen die Eigeninitiative. Die kommen mit so viel Freiheit nicht klar. Die sind undankbar. Die wählen falsch, weil sie…

Wir – Ossis -nein: Ostler – haben nicht im Zoo gelebt und sind jetzt nicht in den Kindergarten umgezogen.

Alle die denken, man müsse den Ostdeutschen nur die Welt und die Demokratrie erklären und dann würden sie nicht mehr „falsch“ wählen, haben nichts verstanden. Den Osten und den Westen nicht und die Welt schon gar nicht!

LUSTIG: Fakt – 2011 – und nichts hat sich geändert!

Oder nach 22 Jahren – der Wiso-Scheck

 


Einheitsbrei?

Deutliche Grenze an der Wollankstraße, dort, wo früher der Westen begann, beginnt jetzt die Armut. Die Mauer ist noch immer sichtbar, auch, wenn sie dort nicht mehr steht. Von japanischen Kirschbäumen ist ihr leerer Platz gesäumt, aber das ist nur ein Täuschungsmanöver der Besserdenkenden. Schnell noch einen Happen kann der Obdachlose essen bei den Franziskanern im Osten, Wohltätigkeit, die wohltut, in all der gesamtdeutschen Kälte, bevor er in den Westen abwandert. Dort, im Wedding, fällt er nicht so auf wie in Pankow.  Diese Grenze verläuft nicht mehr horizontal. Sie verläuft zwischen Oben und Unten.

Hunger, erinnert euch, war ausgestorben in der DDR. Dafür hatte die Gängelei Hochkonjunktur und der Mangel war systemimmanent. Mein Loglied für das untergegangene Land sing ich der Hoffnung, die wir dort hatten. Eine bessere, gerechtere und friedliche Welt. Auch heute noch scheint mir, die Welt war selbst im kalten Krieg friedlicher als heute.

Löhne, Renten, Wahlergebnisse, seht euch um; die deutsche Einheit ist eine Fiktion, so als verstünden sich Pinguin und Eisbär miteinander, wenn sie im gleichen Zoo untergebracht sind.

Die Grenzen ziehen sich durchs Land – überall, zwischen Altdeutschen und Neudeutschen oder Nichtdeutschen und Balddeutschen und zwischen Thüringern und Schwaben, mitten im Prenzlauer Berg.

Warum sollte ich dieser Demokratie ein Loblied singen? Sie wirft weltweit mit Waffen um sich und zaudert nicht, dem Arbeitsunwilligen das Notwendigste zu entziehen. Und bist du nicht willig, dann brauch ich Gewalt. Ist das richtig? Dann müsste man auch die Prügelstrafe wieder einführen. Keine Antworten nur Fragen. Und keine Zeit zum Weiterdenken.

Ich wünsch mir: Ein wenig Hoffnung. Wenigstens das.


Deutscher Herbst

Die grünen und die gelben Blätter,

sie werden langsam braun.

Und nicht nur die!

Schon wieder so ein dreckiger Herbst.

Die Hoffnung flieht uns,

wie der nasse Sommer,

der Mut wandert aus,

Trübsal zieht lächelnd ein.

Wir werden immer stiller,

weil wir nichts zu sagen haben.

Uneins im Großen wie im Kleinen,

das sind wir,

haben uns verraten und wurden verkauft.

Zukunft sagen und Weihnachten denken,

ein Debakel,

eine intellektuelle Bankrotterklärung.

Und dann auch noch selbst schuld.

Wer, wenn nicht wir?

Und es ist so bitter und so kalt,

weltweit übrigens.

Das denk ich,

und weine still.

Ja, ja, ich weiß das:

Tränen ändern nichts.

 

Und wie früher,

damals als Mädchen einsam,

wohlerzogen und kniebestrumpft,

auf dem Weg nach Hause,

weit durch den dunklen Wald,

such ich mir ein Lied

und singe laut gegen die Angst.

Und plötzlich hör ich eine fremde Stimme

und die singt mit.


Die zwei Leben der Klawitters – Neues von den Klawitters: Leben 2 (mit Grundsicherung im Alter – auch Hartz 4 genannt)

Die Klawitters haben es gemacht, wie vom SPD-Mann vorgeschlagen. Sie haben ihr Geld ausgegeben – für eine neue Waschmaschine, einen neuen Geschirrspüler und sind sie noch eine Woche an die Ostsee gefahren und hatten ein paar schöne Tage am Meer. Den Rest ihrer Ersparnisse haben sie in der Haushalt fließen lassen, bis nur noch das da war, was ein Grundsicherungsempfänger auf der sogenannten hohen Kante haben darf.

Ein wenig mehr als 2000 € waren das vor 4 Jahren. Allerdings wurde da auch das alte Auto eingerechnet, das sie noch hatten. Wert: 2500. So hatten sie dann knappe 3000 € auf dem Konto und ein altes Auto. Den Garten, also den kleinen Bungalow, der auf dem Pachtgarten in der Kleingartenkolonie  haben sie verkauft, das ist ihnen sehr schwergefallen, aber es ging ja nicht anders. Und als auch dieses Geld ausgegeben war, da haben die Klawitters Grundsicherung beantragt.

Die Frau vom Amt hat war sehr freundlich, aber hat doch gesagt, dass die Miete der Klawitters zu hoch ist und sie sich eine andere Wohnung suchen müssen.

Sie sind dann an den Rand gezogen. Vor allem an den Rand der Gesellschaft.  Für Kino, Theater, Konzert ist kein Geld mehr  da. So ein Grundsicherungsempfänger bekommt 409 €, zwei Grundsicherungsempfänger aber nicht das Doppelte, sondern jeder nur 90 %.

2 Personen 736 €. Das hört sich doch gar nicht schlecht an? Doch, denn davon muss alles bezahlt werden. Wie das aussieht, das kann man sich angucken – allerdings haben Klawitters jeweils nur 90 % davon zur Verfügung: KLICK. Immerhin stehen beiden jeweils mehr als 1,50 € für Bildung zur Verfügung. Dieses Geld müssen sie aber bei der Gesundheitspflege drauflegen. Frau Klawitter hat trockene Augen, das kostet sie mehr als 25 € im Monat. Die nötigen Medikamente sind nämlich rezeptfrei. Ebenso das ASS 100, das sie auf Empfehlung ihres Arztes zur Vorbeugung gegen einen Herzinfarkt nimmt. Sie müssen überhaupt überall drauflegen, außer beim Essen – davon ziehen sie ab.

Und dann haben sie eine Pechsträhne, nach nur 3 Jahren geht die neue Waschmaschine kaputt,  die Garantie ist vorbei, geschätzte Reparaturkosten 250 €. Da kaufen sie eine neue, für 300 €. Wenig später erwischt es den Fernseher – ein neuer wird gekauft. 240 €. Die nächste Katastrophe sind die Füße von Herrn Klawitter, es sammelt sich regelmäßig Wasser in seinen Beinen, die alten Schuhe passen nicht mehr. Ein halbes Jahr später kann Frau Klawitter kaum noch die Zeitung lesen, ihre Sehkraft hat dramatisch abgenommen. Kostenpunkt der neuen Gleitsichtbrille, so sparsam wie möglich kalkuliert: 800 €. Frau Klawitter verzichtet und nimmt die kostenlose Kassenexemplare, eine zum Lesen, die andere für alles Andere, bald hat sie dicke rote Streifen auf der Nase, denn die Gläser sind schwer.Außerdem guckt sie nur noch ungern in den Spiegel. Für den Friseur langt es auch nicht mehr.  Sie pflegt sich so gut sie kann, aber alles kostet Geld, eine Hautcreme, die sie verträgt, schlägt monatlich mit 10 € „hart ins Kontor“ und ein Haarfärbemittel, das ihre Kopfhaut nicht reizt, gibt es im freien Verkauf gar nicht. Grau ist die Frabe meiner Zukunft, sagt Frau Klawitter und versucht, es mit Fassung zu tragen. Aber sie fühlt sich nicht wohl und geht seltener als früher aus dem Haus.

Als das Auto zum TÜV muss und eine Rechnung von 1000 ins Haus steht, verkaufen sie es für 100 €. Vorbei ist es mit den Ausflügen an den Werbelinsee, mit öffentlichen Verkehrsmitteln schafft es Herr Klawitter nicht mehr.

Die Kinder schenken den Klawitters 500 € für einen kleinen Urlaub und machen einen großen Fehler: Sie überweisen das Geld auf das Konto des Ehepaars.

Bei der nächsten Vorlage von Kontoauszügen beim Amt entdeckt es die Bearbeiterin und teilt mit, dass es sich um einen Geldzufluss handelt, den sie natürlich verrrechnen muss. Im kommenden Monat erhalten die Klawitters 500 € weniger. Ihren Kindern erzählen sie das nicht.

Manchmal denken beide an Suizid, verwerfen den Gedanken aber immer wieder wegen der Kinder.

Sie gehen nicht zur Tafel und holen sich dort preiswerte Lebensmittel. Von Zeit zu Zeit sammelt Frau Klawitter Flaschen, aber ihr Mann weiß das nicht. Immerhin sind sie von den GEZ-Gebühren befreit und können eine preiswerte Fahrkarte kaufen.

Arbeiten würde sich für die Klawitters nicht lohnen, denn bei der Grundsicherung im Alter gibt es keinerlei wirkliche Freibeträge.

Aber es gibt auch noch Wunder. Im Juli 2016. Plötzlich erhalten die Klawitters keine Grundsicherung im Alter mehr.  Durch die Rentenerhöhungen hat sich ergeben, dass sie aus der Grundsicherung „herausfallen“. Ihr eigenes Einkommen „reicht“ jetzt, zwar hätten sie einen geringen Anspruch auf Wohngeld – 29 € – aber dafür müssten sie wieder ein Tante vom Amt auf alles gucken lassen und das wollen sie nicht. Sie haben jetzt ungefähr so wenig wioe vorher, denn sie sind nicht mehr von der GEZ befreit und auch sonst fallen einige „Vergünstigungen“ weg. Aber wenigstens sind sie die Bevormunder vom Amt los. Arm bleiben sie trotzdem.

Heute gehen die Klawitters wählen.  Die Partei, in der sie mal Mitglied waren, wählen sie nicht mehr. Und sie wählen nicht die AFD. Sie gehören nicht zu den Menschen, die die Schuld bei noch Schwächeren suchen. Klawitters geben beide Stimmen der Linken, obwohl sie auch bei denen nicht mit allem einverstanden sind.

****

Uns geht es doch allen gut? Ja, Armut ist realtiv. Aber angesichts der Milliarden-Gewinne der Konzerne könnte – nein, es müsste den Armen besser gehen. Für ein bedingungsloses Grundeinkommen einzutreten, das wird immer wichtiger. Denn die Zahl derjenigen, die die unbedingte Solidarität der Gesellschaft brauchen, wird immer größer, Die Bezieher von Grundsicherungsleistungen im Alter, bei Krankheit und Behinderung und die Bezihttps://de.statista.com/statistik/daten/studie/242062/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-und-sozialgeld/her von Sozialgeld sind diejenigen – aus dem noch viel größeren Kreis der Hartz-4-Empfänger – die am wehrlosesten sind: Kinder, Kranke, Behinderte und Alte.

Hartz-4- betroffen sind davon insgsamt in Deutschland zur Zeit 4.4 Millionen Menschen – und nochmal: Diese Zahl ist nicht durch Flüchtlinge entstanden, sie blieb über die Jahre relativ konstant. Der Anstieg von Grundsicherungsleistungen liegt (vermutlich) am Anstieg der Altersarmut.

Tabelle: Bezieher von Grundsicherungsleistungen

2005  630.295 
2006  681.991 
2007  732.602 
2008  767.682 
2009  763.864 
2010  796.646 
2011  844.030 
2012  899.846 
2013  962.187 
2014  1.002.547 
2015  1.038.008 
2016  1.026.000 

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