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Jürgen Kasek: Ich klage an.

Jürgen Kasek

Ich klage an.

Dieser Text ist nicht versöhnlich. Dieser Text ist nicht differenziert. Dieser Text ist eine Anklage.
Es ist ein Versuch zu verstehen.

Ich bin in Sachsen geboren. In dem Bundesland, das seit Jahren bundesweit für Kopfschütteln sorgt.

Als ich 18 wurde schenkte mir meine Freundin ein faustgroßes durchgestrichenes Hakenkreuz. Seitdem ich es trug, gelte ich als links. Ich gelte als links für ein Symbol, dass die Geschichte des Grundgesetzes widerspiegelt. Und immer wenn ich Ärger mit Nazis hatte, musste ich mich dafür rechtfertigen, schließlich hätte ich doch provoziert.

1998 fand in Wurzen eine „linke“ Demonstration gegen Rassismus statt. Sie wurde angegriffen. Das hätte der Punkt sein können, offen darüber zu sprechen, dass wir in Sachsen ein Problem mit Rassismus haben. Es war eine „linke“ Demo. Kein Grund sich damit auseinanderzusetzen.

Als zur Jahrtausendwende die „Skinheads Sächsische Schweiz“ eine ganze Region terrorisierten und bei deren Verbot Polizeibeamte aus anderen Bundesländern eingesetzt wurden, weil es Kontakte heimischer Behörden in die Szene gab, hätte das ein Punkt sein müssen offen darüber zu reden. Aber die Gruppe galt als aufgelöst. Kein Grund mehr für eine Aufarbeitung.
2004 fand eine linke Demo in Pirna statt. Sie lief nur wenige Meter. In der Stadt standen Hooligans von „White Wendy“, der Nachfolgeorganisation. Nichts hatte sich geändert.

Wenn irgendwo in Sachsen ein nichtrechter Jugendlicher Opfer rechter Gewalt wurde, hieß es nur allzuoft es sei eine Auseinandersetzung unter Jugendlichen gewesen. Oft genug wurde ein politischer Hintergrund ignoriert, selbst wenn die Täter bekannte Neonazis waren. Jede einzelne Tat, jeder einzelne Tote in Sachsen aufgrund rechter Gewalt hätte ein Punkt sein müssen, offen über Rassismus zu reden. Die Täter wurden verurteilt, manchmal. Das Kapitel geschlossen.

2007 eskalierte das Stadtfest in Mügeln. Ein rechter Mob verfolgte Inder in eine Pizzeria und griff diese an. Es hätte ein Punkt sein können offen über Rassismus zu reden. Aber je länger diskutiert wurde, umso mehr verlagerte sich die Diskussion. Aus den Opfern wurden Täter. Die Inder sollen „deutsche Frauen“ belästigt haben. Der Angriff wurde so zur Notwehr umgedeutet. Und diejenigen, die auf den rassistischen Hintergrund hinwiesen als „Nestbeschmutzer“ gegeißelt.

2009 überfielen 50 Neonazis das Spiel des Roten Stern Leipzig in Brandis. Das Spiel wurde abgebrochen, mehrere Personen wurden verletzt, zwei von Ihnen schwer. Bundesweit war der Fall in den Schlagzeilen. Dieser Fall hätte ein Wendepunkt sein können. Stattdessen wird dem Stern, der dezidiert antirassistisch arbeitet, vorgeworfen den Fußball zu politisieren. Während in der Bundesliga jedes antirassistische Transparent gefeiert wird, muss der Stern sich rechtfertigen, wenn er auswärts ein Banner aufhängt mit „Nazis Raus“.

2011 enttarnte sich der NSU. Beate Zschäpe sprengte das Haus der Zelle in die Luft. Es hätte ein Wendepunkt sein müssen. Im sächsischen Landtag dankte ein Politiker dem Verfassungsschutz, dass dieser immer frühzeitig gewarnt hätte. Der Eindruck, dass der Staat wirklich versucht alle Hintergründe aufzuklären, um auch zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, stellte sich auch bei der Verurteilung nicht ein. Einer der Helfer des vermeintlichen Trios bekam 2 Jahre Haft. Nach dem Prozess ist er wieder frei und lebt in Zwickau, hegt Kontakt zur neonazistischen Kaderpartei der „3.Weg“. Nichts hat sich geändert.

Als Pegida 2014 auftauchte hätte das ein Punkt sein können offen über den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft zu sprechen. Offensichtlich wurde, dass Vorurteile, bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein wuchern. Es wurde nicht über Rassismus gesprochen sondern darüber, dass man die „Sorgen und Nöte“ dieser Mensch ernst nehmen muss. Aus „Rassismus“ wurde damit die „berechtigte Angst vor Überfremdung“.

Als sich 2015 in Freital eine rechte Terrorzelle bildete, waren Anschläge auf „linke Poltiker*innen“, für einige „dumme jungen Streiche“ und für die lokalen Behörden kein Terror sondern einfache Straftaten.

Als 2016 junge Geflüchtete durch Bautzen gejagt wurden, wurde über deren Schuld gesprochen. Und diejenigen die darauf hinwiesen, dass wir ein Problem mit Rassismus haben und bis heute darauf hinweisen, gelten Teilen der Gesellschaft nach wie vor als „Nestbeschmutzer“, die das Image stören.

Wer offen darüber spricht, dass wir in Sachsen ein Problem mit Rassismus und anderen Form der Menschenfeindlichkeit haben, macht sich schnell des Sachsen- Bashing schuldig.

2018 eskalierte die Situation in Chemnitz. Menschen wurden durch die Stadt gejagt. 6000 Menschen demonstrierten gegen Ausländer. Darunter Neonazis, Hooligans, Reichsbürger, Identitäre. Es hätte der Punkt sein müssen offen darüber zu sprechen, dass es keine Trennlinie mehr zwischen gewaltbereiten Neonazis und Bürgern gibt. Es gab eine Debatte darüber ob die Bilder aus Chemnitz eine „Menschenjagd“ waren oder doch nur ein „Nacheileverfahren“. Und die Bilder eines dezidiert antifaschistischen Twitter Accounts wurden bezweifelt, weil er „antifaschistisch“ ist.
„Wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren.“

2019 erscheint der neue Verfassungsschutzbericht in Sachsen. PEGIDA und AfD sind nicht extrem. Aber „Antifaschismus“ gilt in Sachsen jetzt ganz offiziell als „linksextrem“.

Das alles sind keine Einzelfälle. Es sind Fallbeispiele und jeder meiner Freund*innen in Sachsen kann diese Liste mit eigenen Erfahrungen ergänzen.

Die AfD ist jetzt ganz offiziell in Sachsen stärkste Partei. Eine Partei, die offensiv mit Verfassungsfeinden zusammenarbeitet, Teile des Grundgesetzes abschaffen will und offen davon spricht „das System abzuwickeln“.

Das sie es in Leipzig nicht ist, hängt auch damit zusammen, dass es in Leipzig einen Konsens gibt von der Mitte der Gesellschaft aus, der deutlich eine Grenze zieht und Rassismus zurückweist.

Unsere Demokratie ist nicht grenzenlos. Sie hat einen Rahmen, der durch unsere Geschichte und die Grundrechte bestimmt wird. Es ist an uns, immer wieder daran zu erinnern und darauf hinzuweisen, dass es eben nicht alles was gesagt werden kann auch demokratisch ist.

1932 hat es auch in Sachsen angefangen. Ich will nicht, dass es wieder dazu kommt. Aber die Zeit wird langsam knapp. Irgendwann muss sich jeder Mensch entscheiden auf welcher Seite mensch steht.

Ich klage an.

(Mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Kasek )


Ich liebe solche Sachsen


Kein Testament

Liebe Menschen,

ich bin eine Ratte und mein Name ist Rosa. Jedenfalls haben mich die Menschen so genannt. Menschen hinterlassen ihren Nachkommen den Besitz, den sie im Lauf ihres Lebens angesammelt haben.

Ich habe nichts, was ich vererben könnte.

Alles, was ich benutzt habe, habe ich mit anderen geteilt. Wenn ich nicht mehr da bin, werden es Paula und Luise nutzen und später vielleicht andere Ratten, die ich nicht kenne. Die Häuser zum Beispiel und die braune Hängematte, in der ich so gern geschaukelt habe, bevor ich krank wurde. Am Anfang des Jahres hatte ich einen Schlaganfall und seitdem konnte ich nicht mehr alles, aber ich will leben, denn das Leben ist schön. Besonders, wenn man kuscheln kann und es Kirschjoghurt und Kartoffelbrei gibt. Oder auf einer Wiese mit gelben Blumen. Ich mag Hotels und Hotelduschen und bin gern gereist. Ich habe Wiesen, Berge, Flüsse und Seen gesehen, und das ist für eine kleine Haustierratte ziemlich ungewöhnlich. Die Welt ist so schön!

Der Rattenmann, mit dem ich Kinder hatte, Knut, ist schon vor mir über die Regenbogenbrücke gegangen. Ich weiß nicht, ob es das Paradies, in dem sich alle Tiere verrtragen, und wir uns alle wiedersehen, wirklich gibt. Deshalb finde ich es wichtiger, dass das Leben auf der Erde gut ist. Jetzt werde ich immer schwächer, aber es geht mir gut, weil ich ein gutes Zuhause habe und geliebt und gestreichelt werde. Das ist das Wichtigste!

Ehrlich gesagt, ich verstehe euren Hass auf uns Ratten nicht. Meine wilden Brüder mögen zwar nicht euren Schönheitsidealen entsprechen, aber vieles, was ihr über sie sagt, ist einfach nicht wahr. Um nur ein Beispiel zu nennen — nicht sie und ihre Flöhe waren die Hauptschuldigen am „Schwarzen Tod“, sondern Menschenflöhe und Läuse. Ihr lügt aber auch noch und behauptet, wir Ratten würden uns nicht putzen, dabei sind wir geradezu putzsüchtig. Ihr regt euch über unseren nackten Schwanz auf, aber erstens ist er nicht nackt und zweitens brauchen wir ihn, um besonders gut das Gleichgewicht halten zu können. Ihr habt viel weniger Fell als wir, und wir behaupten auch nicht, dass ihr hässlich seid. Hässlich ist, wer sich hässlich benimmt. Hässlich kommt von Hass und Hass ist dumm.

Ratten bringen sich nicht gegenseitig um. Sie sorgen füreinander und wenn sie sich getritten haben, vertragen sie sich hinterher wieder – oder gehen sich aus dem Weg. Und wie lebt ihr miteinander?

Wir Haustierratten, auch Farbratten genannt, stammen von den Laborratten ab. Die habt ihr gezüchtet, um Medikamente an uns zu testen und auch sonstige Versuche anzustellen. Wir mussten zwei Merkmalen entsprechen: Auf keinen Fall beißen, egal wie weh man uns tut und besonders empfindlich für bestimmte Krankheiten zu sein, vor allem Krebs. Das habt ihr geschafft. Die meisten von uns leben nicht lange. Seit mehr als 200 Jahren sorgen wir mit dafür, dass eure Medikamente sicher sind. Weil wir besonders intelligent sind, werden wir auch in der Lernforschung und Verhaltensforschung eingesetzt. Besonders dankbar seid ihr nicht. Und lernfähig auch nicht. Sonst würdet ihr solidarisch und friedlich miteinander leben.

Meine großen Verwandten, die Riesenhamsterratten, werden als Minensuchtiere eingesetzt (guckt euch das mal an!) und andere als Erschnüffler der gefährlichen TBC .

Ich merke, dass ich bald sterbe und wenn ich nicht mehr da bin, dann soll es eine andere Ratte es so gut haben, wie ich es gut hatte.

Und ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass die Erde allen gehört, auch den Fliegen und Bienen, den Ratten und den Delfinen und den Ameisen und allen anderen Tieren und den Menschen auch. Hört auf die Welt kaputt zu machen. Es ist nicht sicher, dass es eine andere gibt. Und diese ist schön.

 

Rosa im Glück

Rosa im Glück

Rosa im Glück 2

Rosa im Glück 2

Rosa ist am 10.6.2018 um 8:19 Uhr auf meinem Arm eingeschlafen.

 


Woran und womit entfachen geistige Brandstifter eigentlich ihr Feuer, und wer soll es löschen und womit?

Darum, also um Aufklärung zu dieser Frage, geht es mir mit meiner Unterschrift unter die Antwort auf die „Erklärung“, die im übrigen erst mit dreijähriger Verspätung ein Feuer legt, das selbst Frau Merkel mit nachgeschobenen widersprüchlichen Erklärungen zu ihrer noch widersprüchlicheren Politik nicht allein gelegt hat. Kann sie garnicht, ohne sie jetzt zu sehr in Schutz nehmen zu wollen, dazu ist sie nicht alt genug. Es wäre unhistorisch und würde der Geschichte des kolonialen und postkolonialen Denkens nicht gerecht. Wenn ich jedoch mit der Aufklärung der Geschichte des Schuldenmachens in der BRD in einer Debatte bei freitag über die Antwort auf die „Erklärung 2018“ (V. Lengsfeld, Henryk Broder, Uwe Tellkamp u.a.) auf ein gleisnerisch vorgebrachtes ökonomisches Argument antworte, um dann von einem Leser gleich als dümmlich den spekulativ vorgeschobenen Profitinteressen eines Großspekulanten auf den Leim gegangener verträumter Sozialist verhöhnt zu werden, fühle ich mich geschmäht. Mit jemandem, der darauf nicht verzichten kann, ist kein Gespräch möglich.

Nach meinem Eindruck legen die geistigen Brandstifter der „Erklärung“ in höchst undifferenzierter, gleisnerischer Absicht an eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung, auf die von den UN 1948 in nochmals ausdifferenzierter Form jeder Staat verpflichtet worden ist, der seine Verfassung als a) republikanisch und b) demokratisch wahrgenommen sehen möchte. Ich wiederhole mich ungern, denn ich sagte es oben schon mal, aber ich spreche von den Menschen- und Bürgerrechten, wie sie zuerst 1791 von der Assemblée Nationale in der französischen Verfassung niedergeschrieben und beschlossen worden sind. Auf die beruft sich zurecht die „Antwort“, und deshalb steht meine Unterschrift dort und nicht unter der gleisnerischen „Erklärung“ von Leuten, die sich im Grunde um die Entstehung von Krieg in Afghanistan, im Irak und in Syrien, sowie um das Interesse der dort lebenden Menschen am Erhalt ihres Lebens und ihrer Kultur trotz und entgegen den politökonomischen Interessen von Groß- und Mittelmächten wie USA und Rußland einerseits und GB, Frankreich und Deutschland andererseits am Erhalt ihrer Einflußsphären keinen Deut geschert haben, obwohl auf dieser eigentlich sehr reichen Welt bereits damals alle 5 Sekunden ein Kind an Hunger und, ich weiß nicht in welchem statistischen Intervall, ein Mensch an durchaus heilbaren Krankheiten vorzeitig zu Tode kommt. So rechnet es Jean Ziegler vor, der lange der Welternährungskommission bei den UN vorgestanden hat, weil er sonst von Banken, die sich durch seinen Sachverstand beleidigt, womöglich gar bedroht fühlten, ökonomisch vernichtet worden wäre. Denn erst mit dem Erhalt des Lebens und der ökonomischen Lebensgrundlage kann die Wahrnehmung eines Menschen- und Bürgerrechts beginnen.

Aus der Debatte mit einem selbst ernannten Humanisten (gemeint ist ein anderer Leser bei freitag, der sich in derselben Debatte an meinem Versuch, zu argumentieren, an mir festgebissen hatte) verabschiede ich mich damit, weil alles, was ich bei ihm an gleisnerischen Argumenten lese und an Motiven für die Texte wahrnehme, die er zur Rechtfertigung oder meinetwegen Begründung seiner unverantwortlichen Haltung heranzieht und produziert, neben dem deutlichen Motiv der Selbstdarstellung, sowie des Rechtbehaltens, eben darauf hinausläuft, diesen unmenschlichen, atavistischen Spannungen nicht Entspannung, sondern weitere Spannungen (hier nationale) entgegenzusetzen, oder, wie oben gesagt, eben Feuer an ein Haus zu legen, dessen Erhalt mir, wie vielen anderen, äußerst wertvoll ist.

Was ich außerdem abstoßend finde, ist der Ausweich auf Angriffe und Schmähungen ad personam, wie oben in den Texten dieses antiaufklärerischen „Humanisten“ nachzulesen. Ich hoffe, die Wahl eines Oxymoron macht begreiflich, was ich davon halte.

Daß ich mir mit der Wahl meines Forumsnamens „montaigne“ dabei vielleicht auch selbst etwas zu große Schuhe anziehe, ahnte ich bereits, als ich mich dafür entschied, aber es dient der Ehrung eines Philosophen, den ich verehre, und der, fürchte ich, gerade wegen seiner unübertroffen rücksichtslos (sogar sich selbst gegenüber) dem Humanismus verpflichteten Aufrichtigkeit in seinen Essais, hierzulande viel zu wenig gelesen, gewürdigt und nachgeahmt wird. Erst 1999 wurde sein Hauptwerk von Hans Stilett in ein Deutsch übertragen, das m.M.n. seinem bescheidenen Wesen und seiner unbedingten Aufrichtigkeit Ausdruck gibt. Um auszudrücken, daß ich das weiß, schreibe immerhin ich für meinen Gebrauch seines Namens denselben klein, in der Hoffnung, daß das mitgelesen und von denjenigen, die es mir gern vorhalten, als Ausdruck meines bescheidenen Versuchs, aufrichtig zu bleiben, gelesen wird. Auf den meinerseitigen Gebrauch von ähnlichen Schmähungen ad personam eines Gesprächspartners in Erwiderung seiner Schmähungen möchte ich weiterhin verzichten. Mir geht es hier, wenn ich das Wort ergreife, um ein Gespräch, das zur Wahrheit (ver)führt. Falls es jemandem beliebt, das als rosarot, political correct, verträumt, dümmlich, nicht ganz von dieser Welt o.a.m zu verdächtigen, zu verhöhnen oder zu schmähen, mag er das tun; ich kann ohnehin niemanden an seiner Wahrnehmung der Dinge hindern. Es geht mir jedenfalls nicht um einen weiteren Guß Öl ins Feuer einer Sache, die, also eines Rechts, an das von Groß- und Mittelmächten Feuer gelegt und wofür bedenkenlos Menschenleben gefordert wird, weil sie nunmal deren Lebensgrundlage rücksichtslos ihren politökomischen Interessen unterzuordnen und zu opfern sich angewöhnt haben. Darin kann ich keine dem Gemeinwohl verpflichtete, verantwortliche Politik erkennen, dazu hat niemand das Recht oder gar ein politisch vertretbares Mandat. Wie das Phänomen Hitler zu erklären sei, möchte ich in dem Zusammenhang auch mit niemandem erörtern, dem es nicht um die Wahrheit zu tun ist, bloß weil er deklamiert, er sei bereits in deren Besitz.

 


…alte Zeiten

…ein guter – alter Freund – erinnerte mich heute an alte Zeiten.


SAG NEIN


Offener Brief am Tag der Türkischen Presse an Erdogan und Yildirim – PEN-Zentrum

ZUR KENNTNIS

Pressemitteilung, Darmstadt, 24. Juli 2017

Messieurs les Présidents,

Bay Erdogan

Bay Yildirim

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht die Zeit haben werden.

Oder sind Sie gerade nicht damit befasst, neue Deals und Taten zu planen, die das Tageslicht und eine kritische Berichterstattung durch eine freie Presse scheuen?

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht den Mut haben werden.

Denn Politiker, die Verantwortung dafür tragen, dass in ihrem Land binnen eines Jahres

  • mindestens 145.000 Beamte entlassen werden
  • mehr als 47.000 Menschen unter überwiegend absurden Anklagen, die einer rechtsstaatlichen Beweisführung nicht standhalten, inhaftiert werden und 100.000 Fälle vor dem Verfassungsgericht anhängig sind
  • mindestens 165 Journalisten verhaftet werden, was Ihr Land zum weltweit größten Gefängnis für Journalisten macht
  • dass mindestens 160 Verlags- und Medienhäuser geschlossen werden
  • und mindestens 1300 Verbände und Organisationen verboten werden –

solche Politiker werden von Angst beherrscht und regieren selbst mit Angst und Willkür.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht den Anstand haben werden.

            Denn anständige türkische Politiker würden am 24. Juli den Tag der Türkischen Presse feiern und daran erinnern, dass am 24. Juli 1908 die Zensur in der Türkei abgeschafft wurde. Sie würden die besten Journalisten ihres Landes einladen und mit Preisen für mutige Berichterstattung auszeichnen, anstatt sie an den Pranger zu stellen und ins Gefängnis zu werfen.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht genug Liebe zu Ihrem Land haben werden.

Denn sonst wären Sie stolz auf die bald hundertjährige Geschichte der Zeitung, die sich den Namen „Republik“ gab und die die älteste Zeitung in der modernen Türkei ist, Cumhuriyet. Seit 1924 hat die Zeitung fünf Militärcoups überlebt. Viele ihrer Journalisten wurden inhaftiert, gefoltert oder fielen sogar politischen Attentaten zum Opfer. Noch nie aber gab es eine solche konzertierte Anstrengung, die Zeitung gänzlich zu eliminieren. Dieser Angriff auf die Cumhuriyet ist ganz offensichtlich ein politischer Angriff und zielt direkt auf die Pressefreiheit und die säkulare Republik.

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, den zu lesen Sie wohl nicht die Größe haben werden.

            Denn sonst würden Sie für eine unabhängige Justiz sorgen, anstatt martialische Reden zu schwingen, in denen Sie Ihren angeblichen Feinden barbarische Aktionen androhen. Sie würden Ihren Kritikern mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen.

Messieurs les Présidents, Bay Erdogan, Bay Yildirim,

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, um Sie aufzufordern: Zeigen Sie Mut, Anstand und Größe. Beweisen Sie die Liebe zu Ihrem Land, indem Sie den Ausnahmezustand beenden. Und beenden Sie die Politik der Spaltungen – zwischen Türken und Kurden in Ihrem Land, zwischen türkischen oder türkisch-stämmigen und deutschen Bürgern in Deutschland. Mit Ihrer Politik und Ihrem Gebaren leisten Sie den Türken in Deutschland keine guten Dienste, im Gegenteil: Sie beschwören Konflikte herbei, die die deutsch-türkischen Beziehungen um Jahrzehnte zurückwerfen können.

Messieurs les Présidents, Bay Erdogan, Bay Yildirim,

Setzen Sie heute, am Tag der Türkischen Presse, ein Zeichen. Setzen Sie sich für die Freilassung der zu Unrecht inhaftierten politischen Gefangenen ein und für die Einstellung des Prozesses gegen die Mitarbeiter der Cumhuriyet, der heute, am 24. Juli, beginnt. Von den 17 Mitarbeitern – die Namen rufe ich Ihnen nachfolgend in Erinnerung – sitzen acht Journalisten und drei Rechtsanwälte seit nun mehr über neun Monaten lediglich für ihre kritische Berichterstattung in Haft. Diese tapferen Männer und Frauen – und ihre Familien, die zum Teil auf barbarische wie hilflose Weise unter das Verdikt der Sippenhaft gestellt sind – sie verkörpern für mich das Beste und Schönste im Menschen, das Politikern wie Ihnen fehlt. Wahre menschliche Größe. Anstand, Aufrichtigkeit, Mut. Wahrheitsliebe und Freiheitsliebe und Liebe zu ihrem Land wie zu einer in Frieden lebenden Menschheit.

Und so sehr Politiker wie Sie auch geifern und all das zu unterdrücken versuchen: Wahrheit und Gerechtigkeit werden am Ende doch siegen.

Regula Venske

Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland


Der frühe Vogel fängt den Wurm – alles Ansichtssache

Der frühe Vogel fängt den Wurm, flötet die Amsel.  Och nö, sagt der Wurm und kriecht ins Erdbett.

Früher Vogel – Amsel

 


Zebrastreifen beachten! (Gastbeitrag von Manfred)

Zebrastreifen

Nichts Böses im Schilde führend, habe ich am Samstag im polnischen Kostrzyn so dir nichts mir nichts eine Straße überquert. Auf direktem, kürzesten Wege, ohne Umweg zum Zebrastreifen.
Da bin ich dann direkt einer hübschen, jungen Dame in die Arme gelaufen, die offensichtlich nicht nur auf mich gewartet hatte, sondern mich sogleich auch ansprach.

Oh….,die könnte mir gefährlich werden.

Wurde sie dann auch. Mit einem strengen Blick, einer Pistole im Halfter und in einer kleidsamen Policia – Uniform steckend. Trotz allem aber ein herzerfrischender Anblick.
Es folgte ein strenges Aufklärungsgespräch. Zu meiner Übeltat, den Fußgängerüberweg nicht benutzt zu haben.
Für das kleine Referat mochte sie dann 50 Zloty haben.

Fand ich zwar etwas teuer, aber gut, die müssen ja auch von was leben.


Endstation Gesundbrunnen – Gastbeitrag von Pecola

Endstation Gesundbrunnen

 

Vor mir wackelt

und schwingt

ein Hintern

die Treppe herauf

mit großen

roten Blumen

auf sieben-centimeter-Absätzen.

Ungelogen.

Für eine Minute

ruht der Bahnhof in sich selbst,

die Schienenstränge schweigen,

verstummte Menschen,

stille Statisten

in einem

surrealen Stück.

Magie

zwischen Zigarettenkippen.

Nur die Plakate

schweppen schrill

und

grammatikalisch dämlich

an der Wand entlang.

Beleidigend.

Am Ende des Tunnels

ist noch Licht,

in dem die Gräser

silbern schwanken.

Dröhnend,

unaufhaltsam

nähert sich ein Zug.

Er hält.

Endlich.