Kein Testament

Liebe Menschen,

ich bin eine Ratte und mein Name ist Rosa. Jedenfalls haben mich die Menschen so genannt. Menschen hinterlassen ihren Nachkommen den Besitz, den sie im Lauf ihres Lebens angesammelt haben.

Ich habe nichts, was ich vererben könnte.

Alles, was ich benutzt habe, habe ich mit anderen geteilt. Wenn ich nicht mehr da bin, werden es Paula und Luise nutzen und später vielleicht andere Ratten, die ich nicht kenne. Die Häuser zum Beispiel und die braune Hängematte, in der ich so gern geschaukelt habe, bevor ich krank wurde. Am Anfang des Jahres hatte ich einen Schlaganfall und seitdem konnte ich nicht mehr alles, aber ich will leben, denn das Leben ist schön. Besonders, wenn man kuscheln kann und es Kirschjoghurt und Kartoffelbrei gibt. Oder auf einer Wiese mit gelben Blumen. Ich mag Hotels und Hotelduschen und bin gern gereist. Ich habe Wiesen, Berge, Flüsse und Seen gesehen, und das ist für eine kleine Haustierratte ziemlich ungewöhnlich. Die Welt ist so schön!

Der Rattenmann, mit dem ich Kinder hatte, Knut, ist schon vor mir über die Regenbogenbrücke gegangen. Ich weiß nicht, ob es das Paradies, in dem sich alle Tiere verrtragen, und wir uns alle wiedersehen, wirklich gibt. Deshalb finde ich es wichtiger, dass das Leben auf der Erde gut ist. Jetzt werde ich immer schwächer, aber es geht mir gut, weil ich ein gutes Zuhause habe und geliebt und gestreichelt werde. Das ist das Wichtigste!

Ehrlich gesagt, ich verstehe euren Hass auf uns Ratten nicht. Meine wilden Brüder mögen zwar nicht euren Schönheitsidealen entsprechen, aber vieles, was ihr über sie sagt, ist einfach nicht wahr. Um nur ein Beispiel zu nennen — nicht sie und ihre Flöhe waren waren die Hauptschuldigen am „Schwarzen Tod“, sondern Menschenflöhe und Läuse. Ihr lügt aber auch noch und behauptet, wir Ratten würden uns nicht putzen, dabei sind wir geradezu putzsüchtig. Ihr regt euch über unseren nackten Schwanz auf, aber erstens ist er nicht nackt und zweitens brauchen wir ihn, um besonders gut das Gleichgewicht halten zu können. Ihr habt viel weniger Fell als wir, und wir behaupten auch nicht, dass ihr hässlich seid. Hässlich ist, wer sich hässlich benimmt. Hässlich kommt von Hass und Hass ist dumm.

Ratten bringen sich nicht gegenseitig um. Sie sorgen füreinander und wenn sie sich getritten haben, vertragen sie sich hinterher wieder – oder gehen sich aus dem Weg. Und wie lebt ihr miteinander?

Wir Haustierratten, auch Farbratten genannt, stammen von den Laborratten ab. Die habt ihr gezüchtet, um Medikamente an uns zu testen und auch sonstige Versuche anzustellen. Wir mussten zwei Merkmalen entsprechen: Auf keinen Fall beißen, egal wie weh man uns tut und besonders empfindlich für bestimmte Krankheiten zu sein, vor allem Krebs. Das habt ihr geschafft. Die meisten von uns leben nicht lange. Seit mehr als 200 Jahren sorgen wir mit dafür, dass eure Medikamente sicher sind. Weil wir besonders intelligent sind, werden wir auch in der Lernforschung und Verhaltensforschung eingesetzt. Besonders dankbar seid ihr nicht. Und lernfähig auch nicht. Sonst würdet ihr solidarisch und friedlich miteinander leben.

Meine großen Verwandten, die Riesenhamsterratten, werden als Minensuchtiere eingesetzt (guckt euch das mal an!) und andere als Erschnüffler der gefährlichen TBC .

Ich merke, dass ich bald sterbe und wenn ich nicht mehr da bin, dann soll es eine andere Ratte es so gut haben, wie ich es gut hatte.

Und ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass die Erde allen gehört, auch den Fliegen und Bienen, den Ratten und den Delfinen und den Ameisen und allen anderen Tieren und den Menschen auch. Hört auf die Welt kaputt zu machen. Es ist nicht sicher, dass es eine andere gibt. Und diese ist schön.

 

Rosa im Glück

Rosa im Glück

Rosa im Glück 2

Rosa im Glück 2

Rosa ist am 10.6.2018 um 8:19 Uhr auf meinem Arm eingeschlafen.

 


1 Kommentar

  1. 1. Miriam

    Kommentar vom 10. Juni 2018 um 14:21

    Kein Testament? Wenn das kein Testament ist! Rosa hat testamentarisch vermacht, dass die Streitenden den Streit beenden, Ausbeutung und Unterdrückung aufhören und Vorurteile abgebaut werden sollen.
    Nicht immer wird in Testamenten Materielles vererbt. Ich denke an den Film „Alles auf Zucker“. 🙂

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