Archiv für die Kategorie ‘Geschichte’

10. November: alles anders und doch gleich

Für B.S.

Wir haben den 9. November nicht verschlafen.  Unterschiedlichsten Orts wachten wir über Vergangenheiten. Vergebliche Liebesmüh? Hinterrücks überfielen uns kratzbürstige Erinnerungen. Wir begegnen ihnen in Habachtstellung. Ich schließe die Augen und halte mir die Ohren zu. Will zur Ruhe kommen, aber es geht nicht. Laut tösend durchbricht der Feuerwerkslärm meine Schallschutzfenster. Sogar die Ratten verkriechen sich. Ach, denke ich, vielleicht wäre Alkohol doch eine Lösung und bedaure, dass ich keinen trinke. Hellwach blicke ich in eine Zukunft, die ich nicht angefordert habe.

Damals in der Küchentischzeit, als wir noch dichter dichteten und die Nächte kein Verfallsdatum hatten, uns jedes Wohnzimmer einen ehrlichen Spielplatz der Kunst bot, damals in der Küchentischzeit, war die Zukunft uns anders und näher.

Erinnerungen sind wie Weckrufe. Wir haben uns die Nähe bewahrt. Über dreißig Jahre. Das lässt hoffen. Machen wir was draus.

War sehr schön heut mit Dir.


Rückbesinnung

Was ist wichtig? Und was weniger? Das Verfallsdatum rückt näher.

Angesichts all der Rückschauen, Rückblicke und Retrospektiven bleiben vor allem Wut, Entwurzelung und Ohnmacht fühlbar.

Die Texte über den Bildern werden wie eine schmutzige Brille aufgesetzt.

Meine Rückbesinnung trifft sofort auf die Gegenwart. Die schmutzige Brille ist das Instrument ihrer Rechtfertigung und wird gebraucht. In stetiger Sorge bleib ich oft schlaflos.

Das Bundesverfassungsgericht hat endlich einen Teil der Sanktionen bei Hartz 4 für verfassungswidrig erklärt. Seit 2005 ist die Würde des Menschen in diesem Land millionenenfach angetastet worden. Unrechtsstaat?

Und fast alle haben geschwiegen.

Lichtblick: In der späten Dämmerung läuft ein Fuchs durch die Neue Schönholzer.


Hunde sind wichtig

In einen anständigen Text gehört ein Hund. Schreib immer einen Hund rein, sagte Gerhard zu mir, der mein Hörspiel-Vater war. Entweder einen Hund oder eine Leiche.

Leichen sind nicht so mein Fall, ich schreibe keine Krimis. Also wähle ich Hunde. Die kommen überall vor, sind mir sympathisch und in der Regel auch Sympathieträger. Man wählt einen passenden – es gibt für jeden Text den passenden Hund.

Sie aportieren die Botschaften zum Leser.

Manchmal sind Hunde unverzichtbar! Mit ihnen umschifft man die Klippe der Langeweile. Du schreibst über ein ganz langweiliges Thema… Äh, warum denn? Weil es gerade gebraucht wird und ein Redakteur Dich händeringend gebeten hat. Sag lieber sicherheitshalber NEIN! Es sei denn, Dir fällt ein, wie Du den Hund unterbringen kannst. Es gibt keine langweiligen Themen? Schon mal auf einer Pressekonferenz über neue 18 Volt-Akku-Schrauber gewesen? Ich habe mich da sehr gelangweilt. Die einzige Abwechslung war ein kleiner, weißer Spitz, den eine Kollegin mitgebracht hatte und der ihr entwischte und dann dem Herrn, der die Akkuschrauber vorstellte, um die Beine strich und laut kläffte. Ich hatte natürlich sofort die Assoziation zu Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen. Vermutlich habe ich zu viel Fantasie – aber der Mann mit dem Akkuschrauber lächelte meine Kollegin so liebevoll an. Vermutlich sind beide verheiratet.

Ich habe sie später gemeinsam im Café Park gesehen, der weiße Spitz lag zu ihren Füßen…

Ich sag es ja, Hunde sind wichtig.


Mauerpark – Nichts bleibt wie es ist…

Mauerpark. So viele Erinnerungen.

1990. Die Aussicht auf unentdecktes Land.

Orkan 2002  – es fegte uns fast weg. Damals mit G.. – das Gefühl, der Mensch könnte vielleicht doch fliegen. So und überhaupt. Aufbruch in eine neue alte Zeit. Focusiert.

Sonnenwende – Hexentanzplatz. Wir kamen gar nicht bis zum Mauerpark. Standen eingekesselt von der Polizei in der Oderberger. Unvergessbar.

Jahre später mit S. und ihren Freunden. Drachen steigen lassen.  Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit. Vielleicht war nicht ausreichend, was ich versuchte. Mangelhaft, mit Mängeln be… – besser: verhaftet. Vermutlich war es doch zu spät.

Mit Z.(aus Syrien) am Feuer vor 2 Jahren, sie war sehr traurig, als wir durch die Oderberger gingen. „Außer Dir habe ich keine einzige Freundin hier“. Ich tröstete mit Worten, dem Hnweis auf eine andere Zukunft – ich war da sicher – und einem Eis.

Als ich sie gestern (vor dem Eisladen) daran erinnerte, dass wir hier schon einmal gewesen seien, sagte sie: „Weißt Du, man vergisst die Straßen, in denen man traurig war.“

Schade, dass sie sich irrt. Wir liefen gestern wieder durch die Oderberger – übrigens mit einer ihrer vielen Freundinnen.

…sprüht auch, sage ich dem Sprayer, sagt er: „Kenne ich. Gibt ja wenig Frauen die sprühen.“ Er nennt mir den passenden Instagramm Account. Ja, er kennt sie. Berlin ist ein Dorf! Besonders am Mauerpark.

Mit den Gästen aus dem Umkreis von Bremerhaven blicken wir auf den bebauungsfreien Streifen – Mauervergangenheit. Schließlich landen wir in der gegenwärtigen Vergangenheit. DDR-Zeug liegt im Trend. Im Schaufenster der VEB-Ladens in der Oderberger entdecke ich zwei Sitzeier in Orange – meine waren rot. Die Welt verändert sich.

Auf dem Hirschhof in der Oderberger ist es immer noch schön. Er ist offen und zugänglich. Wie oft waren wir früher hier! Zum Theater kein Durchgang und auch keiner zur Kastanienalle, schade. Aber Klettersteine und Schaukeln gibt es – und ein Gemeinschaftshaus.

Wir folgen den Spuren des Hirsches und landen beim Inder, hungrig und fröhlich – man muss sich nicht lange kennen, um sich miteinander wohl zu fühlen. Kommt bald mal wieder – ihr da aus Niedersachsen. Wir passen zusammen :-).

Wir sitzen zu lange für die Schulkinder. Als wir zum Auto laufen, glüht die Sonne rot über’m Mauerpark. Wie ein Versprechen.

Klettern

Klettern


Zeitspenden und der Turm der blauen Pferde

Der Gegenwert meiner gespendeten Zeit türmt sich auf dem Küchentisch, lächelt mir blühend entgegen, füllt den Kühlschrank und springt ins Auge.

Der Turm der blauen Pferde (Franz Marc), lerne ich, ist seit 1945 verschollen. Der letzte Besitzer sei Hermann Göring gewesen, der das Gemälde nach seiner Entfernung aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 in München für seine Kunstsammlung vereinnahmt hatte. E. schenkte mir eine kleine Reproduktion in blauem Rahmen. Jedes Mal, wenn ich die schönen blauen Pferde ansehe, werde ich auch daran denken, dass der Faschismus Kunst gestohlen und Bücher verbrannt hat.

Der Turm der blauen Pferde

Der Turm der blauen Pferde


Ein Film ist in mein Herz gefallen… Gundermann

Es gibt sie noch, die guten, wahren Filme. Die Filme, die Gesichter zeigen und Menschen und Geschichten erzählen. Ohne Wenn und Aber: Angucken! Vorsicht, die Gundermann-Lieder machen süchtig.

Poetische Bilder, raue Texte und ein genauer Blick auf unsere Geschichte, Weiß- und Graubrot. Igel mit Milch füttern, das ist falsch und man kann sich nicht entschuldigen, das ist richtig.

Wir sahen den Film zu dritt, zwei Westler und ich – gemeinsam freuen wir uns jetzt auf die fetten Tage, hoffe ich.

Mal eine gut erzählte Stasi-Spitzel-Geschichte. Poet, Sänger, Liebender.

Das hat mir besonders gefallen: Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen. 

 


Nachschlag… (zum Film „Familie Brasch“) – Thomas Brasch erhält den Bayerischen Filmpreis 1981

Eine kurze Sequenz aus der Preisverleihung gab es auch im Film „Familie Brasch“ zu sehen. Die generierte zwar Lacher – Brasch bedankte sich bei der Filmhochschule der DDR für seine Ausbildung – war  aber definitiv zu kurz, um Brasch zu verstehen. Auch die Zeitzeugenkommentare halfen da nicht weiter. Weiter helfen kann nur Thomas Brasch selbst.


Es gibt nur eine Erde…


Ein schönes Denkmal

Drei Radfahrer. Sie halten an und bewundern das Denkmal – ein riesiger polnischer Adler, der auf einem Sockel hoch oben auf dem Berg wohnt. Einer sagt: Schön ist es ja. Wenn nur nicht der Zweck wäre.

Welcher Zweck, frage ich.

Na, immer 2. Weltkriieg, sollte endlich vergessen werden, ist doch schon so lange her. Die beiden Freunde pflichten ihm bei.

Js, eigentlich geht es hier aber um die Schlacht von 972 (ich habe das gerade gelesen).

Ach so, na dann ist es wirklich ein schönes Denkmal.


8. Mai – Tag der Befreiung

8. Mai – Tag der Befreiung.

Die Linke in Berlin hat vorgeschlagen, in Berlin den 8. Mail zum Feiertag zu machen.

Gute Idee.