Archiv für die Kategorie ‘Geschichte’

Der Mann mit dem Objektiv – in der Havelstadt Zehdenick

„Der Mann mit dem Objektiv“ hatte im Jahr 1961 (genauer: im Oktober 1961) seine Premiere. 2017 im Juni gab es ein Wiedersehen in der Klosterscheune in Zehdenick. Nicht nur wir hatten unseren Spaß am Film, auch etwa 20 andere Zuschauer. Es wurde viel gelacht, und es war ein sehr fröhliches Lachen. Das war schön! Und ich hatte das so nicht erwartet. 

Der Mann mit dem Objektiv – DEFA 1961 – Regie: Frank Vogel – Drehbuch: Paul Wiens – Musik: Gerd Natschinski –  Kamera: Horst Hardt – Schnitt: Christa Wernicke – Dramaturg: Willi Brückner

    Christine Laszar: Maja Mayer /    Helga Labudda: Anita /     Micaëla Kreißler: Böckchen /    Otto Stark: Eugen /    Sabine Thalbach: Betriebsfunkkollegin /    Erich Franz: Bekleidungswerkdirektor /    Erik S. Klein: Benno /    Monika Hildebrandt: Heidi /     Maika Joseph: Hertha     Gertraud Kreißig: Hanna /     Eduard Kubat: Physikprofessor /    Axel Müller: Kind Otto /   Uta Maria Schütze: Hilde /    Marianne Wünscher: Verkäuferin /    Heinz Schubert: Leiter der HO   / Werner Dissel: Neurologe

Einzelheiten zur Veranstaltung in Zehdenick kann der geneigte Leser dem hier per Foto gezeigten Plakat entnehmen. Auch, dass der Film im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Kommunistischen Diktatur gezeigt wurde. Übrigens: Die kommunistische Diktatur kam im Film nicht vor, auch wenn Raketenpilot Os (Rolf Ludwig) aus dem Jahre 2222 kommt und natürlich im Kommunismus lebt. Zur Zeit nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich, dass es im Jahre 2222 eine Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der kapitalistischen Diktatur (des Geldes) gibt und die traumatisierten Opfer der deutschen Waffenexporte (oder auch der Hartz4-Gesetzgebung) im Zentrum der Aufarbeitung stehen. Vielleicht hat man bis dahin sogar das Aufarbeiten gelernt und packt nicht mehr die Lebensgeschichte eines Menschen in zwei Sätze, oder gar ein Wort, wie man das heute tut: Stasi. Möglicher Weise haben wir dann tatsächlich alle ein GGO – Gefühls- und Gedanken-Objektiv.

Wir waren extra zeitig losgefahren und konnten den Filmbesuch mit einem Stadtspaziergang verbinden. Ich habe ein wenig „geknipst“ (keine Zeit für Fotos) – auch, um mir ein Bild zu machen, von dem Ort, der Heimat des Films „Deutschboden“ ist. Der Film wurde uns – aus uns nahestehenden und gewöhnlich gut informierten Kreisen – sehr empfohlen, aber wir haben ihn noch nicht gesehen. Vielleicht ist das auch ein Vorteil. Zehdenick ist in jedem Fall eine Reise wert, dass blühende Landschaften nicht unbedingt nur von glücklichen Menschen bewohnt werden, ist eine Binsenweisheit.

Gastronomisch ist man in Zehdenick gut versorgt, da gibt es nichts zu meckern, in der Berliner Straße in Zehdenick findet man nicht nur das „Neue Vaterland“ (wie passend!), sondern auch einen italienischen Imbiss, einen Eisladen und direkt nebeneinander das Hotel Klement, den Istanbul Döner und das Café Lucky. Über die Qualität der Gastronomie kann ich mich nicht äußern, aber angesichts der leeren Tische draußen und der wenigen Menschen auf den Straßen, lässt sich vermuten, dass die Gastwirte es schwer haben.

Unsere tierische Ausbeute war auch nicht schlecht: Zahlreiche Libellen, eine Wacholderdrossel, eine Nachtigall, viele Amseln, Schafe mit Lämmern, zwei Füchse und ein Reh, alle blieben unverletzt und wir auch.

 

Eintrittskarte

Eintrittskarte

Plakat

Plakat

 

Scheune

Scheune

 


Gastbeitrag von Manfred: Überfall

Überfall

Bin überfallen worden. Ich dachte, ich träume. Ist aber leider nicht so.
Heimtückisch und hinterhältig haben mich doch, so dir nichts, mir nichts, unverhofft und urplötzlich heute früh die Ganoven Rhinitis Schnupfus und Grippalus Infektus überfallen. Damit nicht genug, haben sie auch noch ihren Kumpel Diarrhoe im Schlepptau.

Die klauen mir jetzt die Konzentration, versuchen meinen biologischen Computer lahm zu legen, strapazieren die Sekretorgane von Augen und Nase. Irgendwas Ähnliches wie Bleigießen versuchen die auch. Auserwählt haben sie dazu meine Knochen. Und Genosse Diarrhoe übt sich darin, mich auf Trapp zu halten. Erstmals bin ich froh, rundlich zu sein. Bauch einziehen und schon ist die Hose runter.

Habe mal gelesen, mutig ist, wer Durchfall hat und trotzdem pupst. Ich bin aber eher ein Feigling, denn dazu stehe ich lieber, als in der Sch….

Und keiner da, der mal meine Mutti anrufen kann. Auch von wegen „da nehme ich einfach eine Aspirin und dann geht es mir gleich wieder gut“ – ist nix als Geschwätz.

Mit Müh und Not sowie einer Imodium konnte ich mich vormittags kurzzeitig davonschleichen. Aber von wegen so’n lockerer Gang wie in der Werbung. A… zusammenkneifen und nicht dran denken. Brauchte jedoch ein paar Kleinigkeiten aus dem Supermarkt. Vor allem Tabak und sonstige Unheilmittel. Zum Glück ist bei dem malträtierenden Gesindel nicht auch noch Bronchitis Hustus dabei. Jetzt nur nicht unken. Erfreulicher Weise wurde meine kurze Abwesenheit kaum bemerkt. Nur der hinternhältige Diarrhoe erblickte mich gleich wieder. Naja, also Bauch einziehen und erneut `was durchmachen.

Nun lungere ich hier rum und verstecke mich mit Schal und Tropffänger für die Nase auf meinem Sofa. Gelegentlich schlürfe ich Kaffee mit Honig, weil, früher war ich zu oft im Tee und mag das seit Jahrzehnten nicht mehr sein. So warte ich nun auf das Ende meiner Papiertaschentücher (den Ofen wird’s freuen) und den Abzug des unliebsamen Besuchs.

 


Reis – ein Film über Recep Tayyip Erdogan, einen geretteten Nicht-Pudel und das Gestern im Heute

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit entschloss ich mich schnell und dann auch noch innerhalb der Arbeitswoche für einen Kinobesuch. Es hat sich gelohnt. Obwohl wir nach dem Kinobesuch pudelnass wurden.

Das Kino Alhambra im ehemals Roten Wedding hatte nicht wegen Überfüllung geschlossen. Nach meiner kurzen Recherche ist es offenbar das einzige Berliner Kino, das den Film zeigt. Beim Kartenkauf schien es noch schwierig zu sein, zwei zusammenhängende freie Plätze zu finden, aber als wir in den Saal kamen, waren nicht mehr als zwanzig Plätze besetzt. Vielleicht hatte den Rest der als belegt geltenden Plätze die türkische Botschaft aufgekauft.

Ich habe gelernt, dass sich Erdogan einreiht, ein strahlender Held, ein Kopf, ein Chef, ein Anführer, Füh…  Ich dachte, solche Filme würde man heutzutage allerhöchstens noch in Nord-Korea drehen. Ich habe mich geirrt.

Reis, das heißt Anführer, so ist es jedenfalls in der deutsche Untertitelung übersetzt – vermutlich, um den großen Helden nicht gleichzusetzen mit dem faschistischen Führer Nazideutschlands.

Im Film spielen Frauen fast keine Rolle, so wie sich das wohl Erdogan und seine Freunde wohl auch für die Zukunft der Türkei vorstellen. Allerdings hat sogar eine Frau – Leyla – ohne Kopftuch eine beinahe wichtige Rolle, sie himmelt immer aufs Neue den Besitzer einer Teestube an, der sich ihr entzieht, weil er sie nicht belasten will, er leidet an einer Herzkrankheit, von der sie nichts weiß. Der Teestubenbesitzer handelt auch sonst heroisch, er übernimmt die Schuld an einem Verbrechen, das er nicht begangen hat,  damit seine Freunde – die ebenfalls unschuldig sind – aus der Haft entlassen werden.

Außer Leyla sind Frauen in kurzer Rolle in ihrer Rolle als Mutter oder Frau zu sehen, und sie bleiben völlig gesichtslos. Sie haben nichts zu sagen in mehrfacher Bedeutung, kein Wort, an das ich mich erinnern könnte.

Ein einziges Mal haben wir laut gelacht. M. sogar so laut, dass ich sie sicherheitshalber „ermahnte“…

Erdogan hat einem kleinen Jungen (Jacub) seine Visitenkarte gegeben, für den Fall, dass dieser einmal Hilfe braucht.

Der Zuschauer sieht, wie Jacub am Rand eines Brunnens steht und verzweifelt einen Namen hineinruft. Aber es kommt keine Antwort. Da fällt Jacub die Visitenkarte ein und er holt sie aus der Tasche. Schnitt.

Erdogan kommt spät nach Hause zu Frau und Tochter…. Da klingelt das Telefon. Jacub, der Hilfe braucht. Natürlich bricht Erdogan (mitten in der Nacht?) noch einmal auf, um dem Jungen in seiner Not zu Hilfe zu eilen. Schnitt.

Aus dem Brunnen gezogen wird schließlich ein triefender Hund.  M. behauptete es sei ein Pudel, ich widersprach. Aber es war wirklich sehr komisch.

Die Guten sind die Gläubigen, die Bösen sind ungläubig oder nicht gläubig genug. Die Rosenkränze in den Händen signalisieren das Gute. Die Kamera konzentriert sich oft auf sie.

Die gezeigte Welt war mir fremd, aber nicht fremd wie andere fremde Welten, denen man näher rückt, wenn man sie filmisch erlebt. Ich kann den Film uneingeschränkt empfehlen. Es ist beängstigend zu sehen, wie heutige Filmemacher das Gestern zeigen. Das lässt ahnen, in welch eine Zukunft Recep Tayyip Erdogan die Türkei führen will. Und die Gefahr, dass das Volk dem Reis – dem Anführer – folgt, ist groß.

#FreeDeniz


Zukunftsangst

Zukunftsangst ist vor allem die Lehre aus der Vergangenheit.

Trauer

Widerstand war zwecklos

 


Die Stasi war relativ harmlos

Eine ganze Behörde beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Tätigkeit eines Geheimdienstes und seiner Mitarbeiter. Die Stasi ist der Teufel. Ihre ehemaligen Mitarbeiter werden an virtuelle Pranger gestellt und mit Berufsverboten belegt. Mit der Moralkeule öffentlich erschlagen, ohne Verteidiger und Gerichtsverfahren. Die Opfer der Stasi sind Engel auf Erden und aller Ehren wert.

Wer beschäftigt sich eigentlich mit der Aufarbeitung der Tätigkeit gegenwärtiger Geheimdienste und ihrer Mitarbeiter? Allerdings sind heutige Geheimdienste wohl gerechter, die überwachen alle.

Wer schreibt, dass die Stasi dagegen relativ harmlos war, zieht vermutlich massenhaften Zorn auf sich. Ich schreibe es trotzdem. Die Stasi war relativ harmlos.


Mit offenen Augen

H. erzählte mir heute, sie hätten als Kinder jeden Monat einen Aufsatz geschrieben, auch schon in den ersten Schuljahren. Das Thema mussten sie sich selbst suchen, den Aufsatz dann in der Klasse vorlesen und zur Diskussion stellen. „So haben wir gelernt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wir waren ja immer auf der Suche nach einem Thema.“

H. ging während der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts in Berlin Neukölln in die Rütli-Schule. Ihr Freund und Mitschüler Hanno Günther schrieb einen Aufsatz über die Arbeitslosigkeit…

Wie einfach es ist, Kinder zu lehren, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.


Das Lächeln verankern zwischen Pflastersteinen – Paul Wiens zum 90. Geburtstag

Eine Schachtel Casino, ein voller Aschenbecher, ein Tintenfass, kariertes Papier mit einem Muster drauf. Er sitzt, die Zigarette, wie immer im Mundwinkel und zeichnet. Im Radio laufen die Nachrichten. Französisch. Im Garten geht Melpo Axioti spazieren… Ob russisch oder englisch, französisch oder italienisch, es schien mir immer, dass jede Sprache seine wäre. Paris und Moskau, Dubrovnik und Vernedig, Berlin und Wien, er war überall zu Hause. Er war Internationalist. Kommunist und Weltbürger, Philosoph und Dichter. Die Wunden, die ihm die Nazis geschlagen hatten, heilten nie. Er starb früh mit 59 Jahren und nahm nicht nur Dienstgeheimnisse mit ins Grab.

In diesem Deutschland hat er keinen Platz. Hier dürfen Nazis wieder maschieren. Was für ihn Verteidigung der Zukunft und Antifaschismus war, nennt Wikipedia Spitzeltätigkeit. Das wirkliche Leben hat bei Wikipedia keine Chance. Die Verarbeitung von Stasiwahrheit und Stasidichtung wird zum Standardwerk (Joachim Walther – Sicherungsbereich Literatur) und gilt als Geschichte. Die Wahrheit braucht noch Zeit. Aber ohne uns wird es sie nicht geben.

Das Gedicht „Der Regenbogen“ von Paul Wiens stammt aus dem Gedichtband Beredte Welt, der 1953 im Aubauverlag erschienen ist. Seine eigenen Korrekturen befinden sich im gedruckten Exemplar.

Paläste Häuser müssen wir bauen,

den Traum

mit Lindenbäumchen in die Straßen pflanzen,

das Lächeln der Zukunft

im Heute verankern

selber.

Das Lächeln verankern

zwischen den Pflastersteinen.

Das Lächeln verankern zwischen Pflastersteinen

Das Lächeln verankern zwischen Pflastersteinen

 

 


Es gibt nur eine Moral, sie ist die gleiche für beide Geschlechter (Martha Wygodzinski)

Heute wartete ich sehnsüchtig auf die Ankunft einer DHL Lieferung und schlich mich deshalb alle zehn Minuten zum Fester, um Ausschau nach dem gelben Wagen zu halten. Das erste gelbe Auto, das mir auffiel, gehörte aber nicht dem Postunternehmen, sondern einem Mann im schwarzen Anzug, der ein großes Gerät aus dem Kofferraum hievte – genau vor unserer Eingangstür – Neue Schönholzer Str. 12. Ein Leierkasten…

Ich vermutete, er wolle ins Rathaus, um im oder vor dem Standesamt einem Brautpaar eine Freude zu machen. Aber als ich nach zehn Minuten wieder aus dem Fenster sah, war der Leierkastenmann noch da und außerdem eine Menge anderer Menschen, sogar der Bürgermeister. Man versammelte sich vor dem Nachbarhaus. Von den gehaltenen Reden konnte ich nichts verstehen, aber die Leierkastenmusik schien irgendwie zu Hause und bahnte sich den Weg bis nach oben ans Fenster.

Erst als ich heute am Abend noch einmal das Haus verließ, fiel mir auf, dass die Karte, die seit gestern an der Mitteilungstafel hing, niemand mitgenommen hatte.

Martha Wygodzinski

Leider habe ich die Karte gestern nicht umgedreht, ich hab ja nicht gewusst, dass es sich um eine Mitteilung an die Hausbewohner handelt – vermutlich haben meine Nachbarn die Karte auch nicht umgedreht. So konnten wir der Einladung nicht folgen – das ist schade, denn die mit einer Gedenktafel geehrte Nachbarin hätte unsere Aufmerksamkeit verdient.

Einladung - Gedenkzeichen Martha Wygodzinski

Dass wir den kleinen Imbiss verpasst haben, ist leicht zu verschmerzen – aber es wäre gut gewesen, als Nachbarin mehr über Martha Wygodzinski zu wissen, die auch der „Engel der Armen“ genannt wurde und die von den Nazis in Theresienstadt ermordet wurde.

Neue Schönholzer Str. 13 mit Gedenktafel

 

Gedenktafel

Für mehr Informationen:

1. Jüdische Miniaturen – Klick

2. Wikipedia – Martha Wygodzinski – Klick

 


Unser Thilo bessert sich…

Thilo Sarrazin bessert sich – Türkiyemspor ist gerettet


Tag der Deutschen Einheitslüge

Dieses Land ist keine „Einheit“.

Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Die Schere klafft jährlich weiter auseinander.

Auch der Abstand zwischen West und Ost hat sich in der Vermögensverteilung vergrößert. Im Westen ist das Nettovermögen seit 2002 um mehr als zehn Prozent gestiegen – im Osten um zehn Prozent gesunken.

Die öden Landschaften im Osten werden zurückgebaut – geblüht haben sie nie.

Die bejubelte Freiheit haust zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ und dem Jobcenter.

Und die Solidarität hat einen Ausreiseantrag gestellt und hält sich zur Zeit in Frankreich auf.