Das Leben ist eine Collage

Mitten in der Nacht, also kurz vor Sieben, erreicht mich eine Nachricht über WhatsAPP:

Ja, bin ich. Guten Morgen. 

Das ist eine Antwort auf meine am Abend gestellte Frage: Bist Du da?

Der Vorteil so eines kleinen Messenger-Programms liegt auf meiner noch müden Hand: Man kann jederzeit antworten, muss aber nicht.

Mein Beschluss aufzustehen, ist der Notwendigkeit des Broterwerbs untergeordnet und kein Ergebnis purer Lust: Draußen ist es kalt und ungemütlich und drinnen gäbe es ein warmes Bett und die Möglichkeit, Hörbuch hörend dahinzudämmern und vielleicht sogar noch einmal einzuschlafen. Aber nichts da, aufstehen und rausgucken, auch, weil die Freundin behauptet hat, es sei weiß draußen, glitzernd. Da glitzert nichts, es ist ohnhin dunkel. Die Lichter der Alten Mälzerei unterbrechen das Schwarzgrau zwar wohltuend, aber zum Spaziergang lädt da nichts ein.

Es fährt ein Lastwagen vorbei, an dessen Seitenwand Möbel aufgezeichnet sind und darüber steht: Das Leben ist eine Collage

Stimmt, denke ich, schon ein einziger Tag ist eine.

Also dieser zum Beispiel.

Meines Tagescollage setzt sich fort mit der E-Mail einer Anwältin fort, die Unterlagen zugesendet haben möchte, damit jemand, dem ich im Krieg mit Ämtern und Versicherungen ein wenig zu helfen versuche, zu seinem Recht kommt. Ob man per Gericht zu seinem Recht kommt, ist von so vielen Faktoren abhängig, dass es am Ende beinahe auf eine Lotterie herausläuft. Je größer der Gegner, desto kleiner die Gewinnchance. Herr Meyer gegen die Rentenversicherung, Herr Meyer gegen das Land Berlin, Herr Meyer gegen den Versicherungsriesen XYZ.  Gewiss ist nur, dass wer Recht hat, noch lange nicht Recht bekommen muss. Und überhaupt: Bis so ein Verfahren an dem Punkt ist, an dem Herr Meyer klagen kann, haben die meisten Menschen schon aufgegeben. Denn auch eine Rechtsschutzversicherung übernimmt in der Regel die Kosten erst ab dem Klageverfahren – im Widerspruchsverfahren ist der der Widersprechende – bei der Steuer der Einsprechende – auf seine eigene Kraft angewiesen – oder er hat das nötige Geld, um die Arbeit zu delegieren. Oder Freunde oder Verwandte, die den Kampf  für ihn führen. Aber selbst dann muss der Betroffene den damit verbundenen Ärger und Frust aushalten können. Es gibt im Internet ein Forum, das heißt „Krank ohne Rente“. Wer wissen will, wie ungerecht und für die Betroffenen lebensgefährdend es in Deutschland zugeht, der sollte dort einmal lesen.

1. Arbeit / 2. Arbeit  / 3. Arbeit

 Ich muss eine Anstrengung unternehmen. Es geht darum, etwas zu tun, das mir sehr schwer fällt. Was ich tun muss, tut weder weh, noch würde mir das Nicht(s)tun erhebliche Nachteile bringen. Es ist nur eben schwierig. Und es kostet Zeit. Aber ich erwarte ja von anderen auch, dass sie sich anstrengen. Den Maßstab, mit dem ich das Verhalten anderer Menschen messe, gilt zu allererst für mich selber. Punkt: Ich werde mich anstrengen. (Notiz – Maßstäbe sind verschieden, Lerntypen sind verschieden, Menschen gleichen sich, sind aber vor allem immer jeder ein Anderer.)

4. Arbeit /5. Arbeit /6. Arbeit.

Mir begegnet Eugen Gomringer. Ein Dichter, dessen Namen ich bisher nicht kannte.

Er begenet mir in Form eines Gedichts. Das Gedicht besteht aus vier Worten.

Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
 Übersetzt, erfahre ich, heißt das:  Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
Und jetzt bitte ich jeden Leser (der das Gedicht nicht kennt), sich eine Meinung zu bilden.
Avenidas,
Flores,
Mujeres,
un Admirador.
Alleen, Blumen, Frauen,  ein Bewunderer.
 
Mir gefällt das!
 
Eine andere Übersetzung übersetzt so:

Alleen

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Es erinnert mich an Brechts  „Der Rauch“.

Berthold Brecht

DER RAUCH

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See.

Für mich macht der Bewunderer die Szene schön.

Für andere offensichtlich nicht. Das Gedicht wohnt an einer Hauswand und soll da weg. Es sei frauenfeindlich, heißt es. Klick

Und dann stoße ich noch auf einen Artikel in der Berliner Zeitung, den ich sehr empfehle – Es ist etwas faul im Staate D., das ist mein Kommentar dazu.

Wer nicht miteinander redet, wird irgendwann aufeinander schießen.

Diskussionskultur an Unis: Die neue Intoleranz

Arbeit 7 /Arbeit 8 / Arbeit 9

Im Bad geht das Radio an, ich hänge die Wäsche auf. Ferdinand soll geschossen werden. Wer ist Ferdinand? Ferdinand ist ein weißer Elch in Schweden, der kürzlich unangenehm aufgefallen ist, weil er eine Frau mit zwei Hunden erschreckt hat. Letztlich ist nichts passiert, aber Ferdinand ist zum Abschuss freigegeben. Im Internet formiert sich die Rettungsgemeinde, natürlich gibt es bereits eine Online-Petition.

Rettet Ferdinand, schließlich ist der auch für den Tourismus wichtig!

Es klingelt. Die beiden Paketboten, die mir ein Amazonpaket bringen, sprechen kein Deutsch. Auf meine Frage, ob sie mich von unten gehört haben, antwortet der eine: Ich wünsche Sie ein sonniges Leben. Da kann ich mich nur bedanken.

S. ruft an, hat einen Telefonmarathon hinter sich, wollte einen Termin für uns vereinbaren – sinnlos, es gibt gar keinen wirklichen Ansprechpartner in dieser Behörde. Warteschleifenmarathon beim Versuch, in der empfohlenen Ersatzbehörde einen Termin zu machen. Es gibt eine Online-Variante zur Terminvereinbarung. Ich übernehme das, sage ich. Da weiß ich noch nicht, worauf ich mich einlasse.

Termine

Termine

Es gibt bis Februar keinen einzigen Termin. Nach Februar gibt es auch keine Termine, weil der Terminkalender nicht weiter geht. Anschließend sitze ich wie ein Kaninchen vor der Schlange und zappe zwischen Terminvereinbarungsorten hin und her. Ich habe Glück, ich erwische einen Termin am 8 Februar 2018, den jemand anderes abgesagt hat.

Arbeit 10 /Arbeit 11/ Arbeit 12

Meine Gäste bringen Milchreis mit. Z. hat eine neue Zahnspange und kann schlecht kauen. Der Kakao kocht über. Ich bin schuld. Z. behauptet, sie sei schuld, stimmt aber nicht. Z. hat versucht, den Topf auf neben die Flamme zu ziehen und gemeinsam haben wir den Kakao in der Küche verteilt, weil ich auch meine Hand am Topf hatte. J. eilt herbei und im Sprachgewirr komme an den Rand meiner Belastbarkeit, aber es ist trotzdem lustig. Kann also auch Spaß machen, wenn man die Küche mit Kakao vollgießt :-). Das ist trotzdem keine Handlungsempfehlung.

Wir trinken die Reste und reden über Feste, besonders über Weihnachten. Baum, Kerzen, schön…

Im Profil von I. aus Syrien: „Ich weiß nicht, wer unser Land verkauft hat, aber ich weiß, wer den Preis dafür zahlt“

Arbeit…

Clara ist krank. Die anderen Ratten kümmern sich um sie, aber ich fürchte, ich werde Clara bald verlieren. Doch heute frisst sie Milchreis und guckt krank, aber glücklich.

Der Tag ist beinahe zur Ende. Einige Collageteile habe ich hier nicht erwähnt.

Zum Schluss:

Über den Verbleib des Gedichts an der Hauswand wird jetzt abgestimmt. Schlimmer gehts nimmer, das ist meine Meinung dazu. Demokratie ist merkwürdig. KLICK

Ferdinand ist geschützt – er darf nicht mehr geschossen werden – KLICK

 

 

 


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