Die Gegenwart der Vergangenheiten

Ich bin eingeladen in den Geschichtsunterricht, Gymnasium – 13. Klasse – Leistungskurs. Es geht um die Vergangenheiten. Wie objektiv bin ich als lebendiger, subjektiver Zeit-Zeuge meiner eigenen Vergangenheiten? Thema ist natürlich das ewige Mittelpunktsobjekt der Untersuchung der DDR-Vergangenheit – das Ministerium für Staatssicherheit. Speziell also im Focus des Interesses: meine Tätigkeit als IM  und mein Weggehen, von der „Krake“ auch Verrat genannt . Meine Haltungen passen auch heute nicht in den öffentlichen Mainstream – und wenn ich sage, dass ich (beinahe) immer meinen Überzeugungen entsprechend gehandelt habe – und dann auch noch sage, die meisten meiner Überzeugungen haben sich bis heute nicht verändert, dann erregt das nicht nur Widerspruch sondern oft auch Wut. Nein, ich würde nicht wieder für einen Geheimdienst arbeiten. Sie arbeiten alle gleich und ihre Methoden sind abzulehnen.

Gespräche über die Vergangenheit sind immer ein besonderer Spiegel der Erinnerung.

Die Akten geben nur einen Teil der Wirklichkeit wieder. Und manchmal lügen sie auch. In meiner Akte findet sich zum Beispiel ein Bericht über ein Treffen mit anderen Schriftstellern. Es heißt dort, ich sei am Abend betrunken gewesen, hätte während der Veranstaltung gestrickt und mich nicht an der Diskussion beteiligt. Wer mich kennt, der weiß, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich stricke nicht – und bei Diskussionen würde ich auch nicht häkeln, was ich wenigstens kann – ich male lediglich oft, um besser zuhören zu können. Die Behauptung glauben, dass ich mich an einer Diskussion nicht beteiligt hätte, das können nicht einmal diejenigen, die mich nur „entfent“ kennen.

Aber nicht alles, was in den Akten steht, ist Lüge: Sie enthalten auch bittere Wahrheiten. Mit der eigenen Vergangenheit, eigenem Versagen konfrontiert zu sein, ist schwierig und wenig angenehm. Menschen geschadet zu haben, die zu Freunden geworden waren, ist eine Last und eine Schuld. Die Erinnerung an eine falsche Entscheidungen schützt auch vor Selbstgerechtigkeit, zu der man als OPFER neigen könnte. Die aktengestützte Erinnerung ist allerdings weitgehend unausgewogen – als Täter erhält man nur wenige Blatt der Akte (alles andere ist Täterwissen und soll nicht erneuert werden) – während die Opferakte viel umfassender ist. Ja, ich kann in den Spiegel gucken, ohne mich zu schämen. Ich habe, als ich sah, was mit meinem übermittelten Wissen geschah, mich der Macht entzogen und anders gehandelt. (Das Wenigste von dem, was mit dem übermittelten Wissen geschah, war übrigens für mich damals sichtbar…) Vieles Unvorstellbare konnte ich mir nicht vorstellen.

 

„Die Dokumente des MfS belegen, im Zusammenhang erschlossen, zugleich auch etwas, was sicher nicht im Sinne der Auftraggeber von damals war: Bei nicht wenigen angezapften oder verpflichteten Quellen wuchs der Zweifel am Komplott, die Solidarität mit den Opfern, Zivilcourage, Widerstand – erst gegen die Bevormundung, dann gegen das System. Wäre hier nicht noch mehr aufzudecken?

Das war das eigentlich Schöne an dieser Arbeit, was mich zeitweise sogar fröhlich gemacht hat, solche Dinge zu erkennen. Daß solch ein System, was mit solch einem repressiven Aufwand am Leben erhalten wird, nicht nur mit einem Aufwand an Gewalt, an offener und verdeckter, auch mit einem verbalen Aufwand, daß solch ein System nicht überlebensfähig ist, also in der Substanz das Scheitern schon mit programmiert hat. Das läßt sich ablesen an verschiedenen Lebensläufen, beispielsweise, daß Leute sich einließen auf die Verheißung, auf das Programm, und meinten, aus politisch-ideologischer Überzeugung sich auch auf diese Praxis einlassen zu müssen, daß es notwendig sei usw., die aber dann durch die Praxis selbst darauf kamen, daß diese Gesellschaft gar nicht mehr auf dem Weg des ständig propagierten Zieles war, in Zweifel gerieten und Abstand nahmen. Oder selbst solche wunderbar tragikomischen Vorgänge, daß jemand auf eine Person oder Personengruppe angesetzt war und dann, wenn er diese Menschen näher kennenlernte, von deren Argumenten überzeugt wurde, daß er auf der falschen Seite stand. Die Tochter von Paul Wiens, Maja Wiens, die im Auftrag der Stasi auch mit den westdeutschen Grünen und der Friedensbewegung zu tun hatte, und die dann offenbar von deren Haltung so beeindruckt war, daß sie ausgestiegen ist. An solchen Menschengeschichten läßt sich auch Zeitgeschichte ablesen, der Niedergang einer Gesellschaft, die Erosion der Werte, der verlogenen, nur plakatierten Ideale, wie das immer transparenter wird, und wie sich das auch in Menschenschicksalen zeigt. Das gehörte zu den erfreulichen Seiten. “

Quelle: Vom Credo des Schreibens – Im Gespräch mit Joachim Walter (hier)

Es mag zwar nett klingen, was Joachim Walter erzählt, es scheint sogar durch Aktenlage belegt – und trotzdem, es ist so eben nicht wahr. Ich war nicht von der Stasi auf die westdeutschen Grünen „angesetzt“, auch wenn es Kontakte gegeben hat – sie und ihre Argumente waren aber vor allem überhaupt kein Grund für mich, mich dem Ministerium für Staatssicherheit zu verweigern. Ich sah und erlebte, was Menschen geschah, die mir nahe waren, auch mit Bettina und Claudia – und das war nicht in Einklang zu bringen, mit dem was ich fühlte und dachte und vor allem nicht mit dem was ich wollte – und auch nicht mit meinen politischen Grundüberzeugungen. Ich entschied mich anders – meine Weltanschauung aber hatte sich nicht verändert. Ich musste mich gegen die Krake entscheiden, weil ich bei meinen Überzeugungen geblieben war. Für die Inhaber der Macht wurde ich zum „Feind“ und zum „Verräter“.

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