Archiv für die Kategorie ‘Politik’

Eigentlich wollte ich nur schnell etwas besorgen

Eigentlich wollte ich nur schnell etwas besorgen und dann noch ein Stück spazieren gehen.

Für meine Besorgung musste ich in das hiesige Einkaufscenter. Ich wusste, dass es knapp werden würde – der Laden schließt um 20:00 Uhr und ich konnte erst 15 Minuten vorher das Haus verlassen. Deshalb hatte ich – ganz entgegen meiner Gewohnheit – keine Kamera mit. L.(5 Jahre, sie lernt seit 1,5 Jahren deutsch) teilt meine Kameras ein: Die kleine Kamera, die mittlere Kamera und die große Kamera. Sie fehlten alle. Aber ich hatte das Handy dabei.

Auf dem Weg will ich an A. ein paar Bilder schicken – zum Deutschlernen. WhatsApp sei Dank, ist das einfach.

Ich schicke ein Bild von einem kaputten Luftballon, einer kaputten Schaufensterpuppe – es geht um das Wort „kaputt“ dann halte ich suchend das Handy in die Höhe, drehe mich, an mir vorbei geht eine junge Frau und als sie vorbei ist, dreht sie sich um – ich habe immer noch das Handy oben… Die Frau kommt (stürzt?) auf mich zu.

Haben Sie mich fotografiert?

Nein, antworte ich wahrheitsgemäß.  Wie kommen Sie darauf? Ich lerne mit jemanden Deutsch und habe ein Motiv gesucht. Ich zeige ihr mein Handy, der Dialog mit A. ist offen.

Sie ist ganz offenbar wütend.

Ich will freundlich sein. Ich stelle die blödeste Frage der Welt: Woher kommen Sie denn? Ich frage das, weil sie ein Kopftuch trägt, von dem ich denke, dass es wie bei den syrischen muslimischen Frauen gebunden ist. Aber es bleibt trotzdem eine dumme Frage. Und ich kriege – das habe ich verdient – mein Fett weg: Ich bin hier geboren. Sie spricht ohne Akzent.

Wir verstehen uns trotzdem nicht. Sie hält mich für eine böse Rassistin, die auf der Straße Frauen mit Kopftuch fotografiert, zu welchem Zweck auch immer. Und sie glaubt, dass ich wenn ich sie denn fotografiert hätte, sie nur wegen des Kopftuchs fotografiert hätte.

Ich frage sie, wieso sie mich denn verdächtigt. Dass sie mich verdächtigt, daran besteht kein Zweifel. Ich erkläre ihr noch einmal, dass ich ja nur mit jemandem Deutsch lerne und deshalb nach einem Motiv gesucht habe.Ich habe sie nicht fotografiert, wie sie ja an meinen Fotos sehen kann. Sie wirft mir mangelnde Emphatie vor. Mehrfach. Ich befinde mich schnell im Verteidigungsmodus. Meine Freundlichkeit, mit der ich versuche, sie davon zu überzeugen, dass ich weder ihr noch anderen Menschen gegenüber feindlich gesinnt sei, trifft auf taube Ohren. Sie ist der Meinung, ich müsste verstehen, dass ich in Verdacht gerade, wenn ich mich so benehme. Sie redet vom Recht am eigenen Bild und ist irgendwie immernoch aufgebracht, obwohl ihr ja nun inzwischen klar sein müsste, dass ich mich nicht mit „feindlicher Absicht“ durch den Straßenraum bewegt habe. Ich bin der Meinung – das sage ich ihr – sie hätte – wenn überhaupt – mich anders ansprechen müssen. Sie meint – ich würde sie ja gar nicht kennen und wüsste gar nicht, ob sie hysterisch oder zickig oder sonstwas sei… Wie denn anders? Guten Tag und Entschuldigung haben Sie… Das findet Sie nicht angemessen. Was sie denn gemacht hätte, wenn ich einfach weitergegangen wäre? Dann wäre sie mir hinter hergelaufen und hätte die Polizei gerufen. Häh, die Polizei? Sie denkt, die hätten dann mein Handy kontrolliert. Ich denke das nicht – und widerspreche. Das dürfen die ja so einfach gar nicht, Sie meint, aber dann hätte ich wenigstens Stress gehabt.

Die Genugtuung, jemand anderem dann „wenigstens“ Stress bereitet zu haben, verstehe ich nicht.

In ihrer Sprache, in ihrem Gebaren, ihren Anwürfen steckt meines Erachtens eine Verachtung, die ich auch nicht verstehe. Sie habe mich ja nicht geduzt und auch nicht beschimpft, meint sie. Ich fühle mich aber angefeindet – so sehr, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe.

Sie wäre schon so oft fotografiert worden, auch von Männern, und ich wisse ja, wie das sei mit den sozialen Medien. Ich wisse ja nicht, was sie schon alles erlebt habe. Und außerdem gäbe es ja nur ihr Gesicht, was da denn dran wäre. Alles bis auf das Gesicht ist tatsächlich verhüllt und das bei dieser Hitze. Das Gesicht, sei doch oft das interessanteste Motiv für Fotos, sage ich und erkläre ihr, dass ich sonst immer eine „richtige“ Kamera dabei habe. Und dass man natürlich auch auf der Straße fotografieren darf. Ja, aber mich nicht, sagt sie. Ich wiederhole, dass ich sie nicht fotografiert habe.

Ich weiß nicht, was sie erlebt hat. Aber ich fühle mich trotzdem sehr unwohl bei dem Gedanken, dass ich zukünftig aufpassen muss, dass nicht zufällig eine Frau mit einem Kopftuch in meine Nähe kommt, wenn ich fotografiere.

Ich werde jede Frau verteidigen, die wegen ihres Kopftuches beleidigt oder angegriffen wird, jeden Menschen, der wegen seines Aussehens, seiner Religion oder seiner Kleidung diskriminiert wird.

Aber: Ich gebe es zu, ich bin inzwischen genervt von mittelalterlichen Ansichten.

Ich erlebe die Veränderung von Frauen, wenn sie ihr Kopftuch anlegen. Sie verändern ihr Wesen – sie verhüllen sich, sie schirmen sich ab. Sie sollen ihre Blicke senken. Die Männer sollen ebenfalls ihre Blicke senken. Nur keinen Kontakt zum anderen Geschlecht. Das ist unanständig. Man lächelt fremde Menschen auch nicht an. Bereits Kinder werden von Eltern und Geschwistern gelobt, wenn sie im Ramadan fasten und dabei auch auf das Trinken verzichten. Dass sie damit ihre Gesundheit gefährden, das scheint keine Rolle zu spielen, es wird geleugnet. In vielen Schulen wird „Rücksicht“ genommen, Klassenfahrten werden verlegt,  sogar Prüfungen. Kinder, die sehr müde sind, schlafen während der Schulstunden ein – kein Wunder, wenn sie erst am Abend um halb Zehn essen und trinken dürfen und dann nachts um halb Zwei zum Frühstück geweckt werden. Junge Mädchen dürfen nicht ins Schwimmbad gehen – oder lehnen das schon von selbst ab – bekommen schon Bauchschmerzen bei dem Gedanken, so viele Halbnackte sehen zu müssen.

Rücksicht, das darf nicht der Blick nach hinten sein. Sonst werden wir uns irgendwann umgucken.


#fürdiefreiheitderkunst – Brüsseler Erklärung – bitte unterzeichnen!

„Ich möchte euch auf die »Brüsseler Erklärung – für die Freiheit der Kunst« aufmerksam machen. Sie steht gegen den Rechtsruck in Deutschland und Europa und versammelt alle, die für die Freiheit der Kunst einstehen möchten“, schrieb D.v.K.

Ich bitte um Ihre/ eure Unterschrift.

Menschlichkeit und Kunst haben eine Zukunft.

Noch glaube ich daran.

Die Erklärung ist ab jetzt öffentlich zur Unterzeichnung frei auf bit.ly/brüsseler-erklärung.

Für Twitter etc. lautet der Hashtag #fürdiefreiheitderkunst.


In Syrien fallen Bomben!

Hier sollte eigentlich ein Text über den großartigen Umzug der Reinhold-Burger-Oberschule bei Rakatak in der Schönholzer Heide stehen.

Aber Z. rief an und erzählte, dass es schlechte Nachrichten gibt. Von den Großeltern in Syrien. Dar’â. Dort fallen Bomben…

Und Europa diskutiert über Grenzschutz und Lager.

(Der Text über Rakatak wird nachgeholt)

Zement frisst die Haut, nicht nur die Seele – „The Taste Of Cement“

Unterwegs nach irgendwo, mitten auf einer Landstraße der alten Art – links und rechts von Bäumen begrenzt – höre ich zum ersten Mal von „The Taste Of Cement“. Die Sonne scheint, der Raps blüht, wir fahren schönen Stunden entgegen. Ich merke mir Fetzen der Filmkritik und weiß, dass ich den Film sehen will.

Heute haben wir das Kino ganz für uns – zu zweit. Ein Dokumentarfilm, ein kleines Kino, Sonntag – dazu noch die Fußball-Weltmeisterschaft. Es gibt viele Gründe, nicht ins Kino zu gehen, heute noch ein paar mehr. Es ist kalt, und es nieselt.

Der Zuschauer begleitet syrische Bauarbeiter im Libanon, die nach dem Krieg Beirut aufbauen, während zu Hause der Krieg ihre Häuser zu Schutt werden lässt – Zementwolken. Er sieht sie und die Welt mit ihren Augen in ihren Augen. Das Meer, die Stadt am Meer von ganz oben…. Ein Film der Bilder, grandios schöne Bilder und schreckliche schöne Bilder und einfach nur entsetzlich schreckliche Bilder. Die Bilder graben sich ein. Die einen und die anderen. Sie treffen uns ganz direkt.

Die syrischen Arbeiter leben in den Kellern, im Untergeschoss, später werden hier vielleicht Autos abgestellt, sie hausen dort und bauen oben die Hochhäuser. Ausgangssperre ab 19:00 Uhr für die Gastarbeiter. Sie sind Fremde hier. „Die Bauarbeiter kommen immer erst, wenn der Krieg vorbei ist.“ Nach der Arbeit sehen wir sie hinuntergehen ins Dunkle. Wir sehen sie unten und oben. Wir sehen, was sie sehen – unten und oben. Wir blicken auf ihre Handys, wir sehen die Bilder im Fernsehen, die sie auch sehen. Wir sehen das weite blaue Meer, und wir sehen aus dem Panzer auf die zerstörte Stadt und sehen, wie sich das Rohr hebt. Der Film nimmt mit, weil er mitnimmt.

Ziad Kalthoum, der Filmemacher aus Syrien, durfte die Bauarbeiten drehen, aber nicht mit den Arbeitern reden. Der Filmemacher hat in Moskau studiert – ich meine, das merkt man – und lebt jetzt in Berlin. Sein Film ist ganz außergewöhnlich anders.

Es gibt eine einzige Stimme – sie kommt aus dem Off. Einer erzählt seine Geschichte. Sie beginnt mit dem Vater – und dem Geruch von Zement, den er von einer fernen Baustelle mit nach Hause bringt – und einer Tapete – ein Bild: das Meer und Palmen.  Der Sohn, der jetzt erzählt, sieht das Meer zum ersten Mal.  Wir sehen einen Arbeiter malen. Wir sehen ein Bild. Ein Mädchen, eine Frau. „Das Letzte woran ich mich erinnere, Du lagst mit Deinem Kopf schlafend auf dem Tisch. Tot.“

Zwischendrin sage ich einmal: Ich wünschte, diese Regierenden, die da miteinander über den Schutz der Grenzen vor Flüchtlingen reden, würden vor ihren Gesprächen diesen Film sehen.

Das Meer, so blau und der anders blaue Himmel dazu und das Rot des Kranes und das Beige der Felsen und das Rostbraun des Metalls, die Wolken so weiß am Himmel – die Welt hat wunderbare Farben.

Die Bilder sind miteinander verwandt – das Rohr des Panzers wie es suchend umherfährt und der Arm des Kranes kreisend über der Großstadt. Das Rauschen des Meeres und der Zement, wie er sich aus einem Rohr wellenförmig ergießt.

Ohrenbetäubender Lärm, Geschrei, weinende Kinder, die versuchen, aus einem eingestürzten Haus ins Freie zu gelangen. Wir sind dabei, wie versucht wird, Verschüttete zu bergen. Ganz nah, ganz dicht. Die Katze ist tot. Ein zwischen Zementteilen eingeklemmtes Kind sieht uns verzweifelt an. Das muss man aushalten.

Nach dem Kino ist die Welt immer noch die alte. Aber wir können sie vielleicht ein wenig besser verstehen. 

 

 

 


Zeitzeichen

Zeitzeichen: Vorwärts und schon vergessen, die Solidarität.

Die Entsolidarisierung ist Gesellschaftsnorm.

Kein Wunder sind die Resultate: Angst und der Wunsch nach starker Gemeinschaft, einer VOLKSGEMEINSCHAFT.

Dann plötzlich sind wir da und reiben uns vewundert die Augen. Wie konnte das denn passieren?

Sowas kommt von sowas.

Jede Abkehr von Solidairität ist gleichzeitig die Abkehr von linker Lebenseinstellung.

Und das meint auch die Abkehr von der Solidarität nach innen.

Solidarität bedeutet eben nicht, mit den einen solidarisch zu sein auf Kosten der anderen.


629 Menschen auf einem Schiff – Zitat aus einem Forum – WICHTIG!

„Die Verachtung, mit der Sie über diese armen, verzweifelten Menschen reden, sagt nichts über die Flüchtlinge aus. Aber sehr viel über Sie.“

Es geht um 629 Menschen auf einem Schiff.


Links an der Rechten vorbei

Z., die ihr Kopftuch trägt, und ich gehen in Richtung Einkaufszentrum und müssen am Zebrastreifen auf das Grün warten. Auf der anderen Seite sehe ich eine bekannte Rechte. Früher kannten wir uns gut. Heute stehen wir immer auf unterschiedlichen Seiten, sie auf der rechten, ich auf der linken Seite. Ja, rechts und links – das gibt es noch. Ich greife nach Z.’s Hand – als könne ich sie beschützen – vor der ehemaligen sogenannten Bürgerrechtlerin. Wir gehen links an der Rechten vorbei.


Schwan

Schwan

Schwan

Als der Schwan entdeckte, dass er kein hässliches Entlein war, sondern ein schöner, weißer Schwan, weinte er. Er wollte kein Schwan sein, sondern eine Ente unter Enten. Glück, sagte er, ist keine Frage des Gefieders, Glück ist, von denen gemocht zu werden, die man mag.


Berlin, 27.5.2018: Hier marschiert der…

Hier marschiert der rationale Widerstand!

(Danke Berliner, danke an K. für den Hinweis)


8. Mai – Tag der Befreiung

8. Mai – Tag der Befreiung.

Die Linke in Berlin hat vorgeschlagen, in Berlin den 8. Mail zum Feiertag zu machen.

Gute Idee.