Der Mauerbau – mitten in den Ferien

Den 13. August 1961 verbrachte ich mit meiner Großmutter im Hotel „Heinrich Heine“ im Harz. In diesem Hotel, in dem wir (meine Eltern und ich) auch häufig das Weihnachtsfest verbrachten, lernte ich lauter Menschen kennen, die in der DDR eine wichtige Rolle spielten. Aber für mich als Kind waren deren Würden uninteressant, mich interessierte nur, ob man mit ihnen scherzen oder spielen konnte, ob sie Kinder hatten oder Diabetis. Diabetis war eine ganz schlimme Krankheit. Hatte man mir doch erklärt, das Ausrasten unseres Hausnachbarn wegen einer durch den Zaun gemopsten Stachelbeere, er wollte mich Fünfjährige verprügeln, sei auf diese Krankheit zurückzuführen.

Am 12. August 1961 waren meine Großmutter und ich auf dem Brocken gewesen, die letzte Möglichkeit für Jahrzehnte, den Berg zu besuchen – aber das wussten wir ja nicht. Meine Großmutter, damals schon Witwe und Rentnerin, genoss den Urlaub unter all den „Herrschaften“.  Jedenfalls bis zum Morgen des 13. August. An diesem Morgen, waren alle irgendwie angespannt. Im Frühstücksraum wurde viel mehr geflüstert als sonst. Dann sagte es jemand laut: „Die Grenze ist zu.“

Meine Großmutter war furchtbar erschrocken. „Wir müssen nach Hause!“ Sie weinte und versuchte,  meine Eltern anzurufen, aber die Leitungen waren überlastet. Nach Stunden bekam sie die gewünschte Verbindung. Sie solle sich keine Sorgen machen, man könne als Westberliner wie bisher mit der S-Bahn von Ost- nach Westberlin fahren und umgekehrt – nur eben für Ostberliner sei das nicht mehr möglich. Tatsächlich konnten die Westberliner in den ersten Tagen wohl noch hin- und herfahren, aber als meine Großmutter und ich aus den Ferien kamen, war das längst vorbei. Der Westberliner Teil meiner Kindheit war damit beendet. Manchmal sagte ich die S-Bahnstationen vor mich hin. Ich war sie so oft gefahren – von Grünau bis zum Savignyplatz, ich konnte sie noch auswendig, als ich das erste Mal wieder nach Westberlin fuhr – 26 Jahre später. Ganz ohne Mauer gibt es für mich auch heute noch den WESTEN und den OSTEN in Berlin…

 

Mein Vater war übrigens in jener Zeit (August 1961) mit einem Filmprojekt beschäftigt. Die unten wiedergegebene Filmkritik von Rosemarie Rehahn erinnert an den OSTblickwinkel von damals…

…und deine Liebe auch


Spielfilm – DDR, 1962, s/w, 92 min.
Liebesfilm, Gegenwartsfilm, DDR-Geschichte

Regie: Frank Vogel

DEFA-Studio für Spielfilme

Drehbuch: Paul Wiens

Darsteller: Kati Székely (Eva), Armin Mueller-Stahl (Ulli), Ulrich Thein (Klaus), Katharina Lind (Margot), Alfonso Arau (Alfredo), Maria Besendahl (Wirtin), Marita Böhme (Fürsorgerin), Doris Thalmer (Nachbarin)

Inhalt:

„Klaus und Ulli sind wie Brüder aufgewachsen. Inzwischen verdient Klaus als Taxifahrer in Westberlin gutes Geld, Politik interessiert ihn nicht. Ulli arbeitet als Elektriker im Ostberliner Glühlampenwerk. Beide lieben das Mädchen Eva. Sie kann sich vorerst nicht entscheiden: Klaus kann ihr mehr bieten, Ulli ist der Ernsthaftere und Zuverlässigere. Am Morgen nach dem 13. August 1961 stehen sich die Beinahe-Brüder auf der Oberbaumbrücke gegenüber, der Grenzgänger Klaus, der hinüber will zur Arbeit und zur Wechselstube, und Ulli als Angehöriger der Kampfgruppe, der ihn mit dem Gewehr in der Hand daran hindert. Und Eva muss sich endgültig entscheiden, zu wem sie gehört. (übernommen von Filmportal – KLICK)

Rosemarie Rehahn, Wochenpost, Berlin/DDR, 17.3.1962

Holt der Film das Leben ein? Man muß es mal versuchen. 

Die Außenaufnahmen, die etwa zwei Drittel des Films ausmachen, sind beendet. Ende März werden auch die Atelierkomplexe abgedreht sein. Dabei hat keiner der Schauspieler ein Drehbuch in die Hand gekriegt. Kann er auch nicht, weil der Autor noch daran schreibt. Eine etwas ungewöhnliche Art der Filmherstellung. Doch nicht um des Ungewöhnlichen, der Originalität willen. Eher könnte man sagen, daß ungewöhnliche Ereignisse zu einer ungewöhnlichen Methode führten.

Das war so: Paul Wiens und Frank Vogel suchten nach ihrem erfolgreichen „Der Mann mit dem Objektiv“ nach einer tiefen Geschichte aus unserem Leben. Sie waren schon nahe dran. Da kam der 13. August. Die Geschichte schien ihnen plötzlich zu fern von den brennenden Auseinandersetzungen, dem kämpferischen Lebenswillen in den Straßen, in den Betrieben, den S-Bahnen – im eigenen Herzen. Sie beschlossen, dabeizusein, mit der Kamera, mit den drei Helden ihrer Ge­schichte, deren Charaktere inzwischen plastische Formen angenommen hatten und zum Teil auch in der Schauspielerbesetzung feststanden. Sie beschlossen, die drei mitten hineinzustellen in das lebensvolle, schnoddrige, kühle und heiße Berlin dieser Tage, wo der Atemzug jedes einzelnen den großen historischen Atem mitbestimmte.

Ihre Geschichte sollte am Vorabend des 13. August beginnen und am Neujahrsmorgen 1962 zu Ende sein.  Sie wollten sie synchron mit der Geschichte filmen. Auf den Straßen und in den Häusern Berlins, bei Versammlungen, auf den Plätzen und in den Gärten, im Glühlampenwerk, das Paul Wiens gut kennt, weil er zusammen mit seiner Frau den Zirkel schreibender Arbeiter dort leitet, auf der Warschauer Brücke, der Oberbaumbrücke, auf einem Postamt, in der Kampfgruppe, an der Grenze. Die große Menschheitsgeschichte besteht aus vielen kleinen, ganz persönlichen Menschengeschichten. Bloß daß man nicht überall und immer so deutlich sieht, wie das alles zusammengehört. In Berlin, in diesen Tagen sah man’s. Die Filmleute mußten sich beeilen. Als das Studio unbürokratisch die Dreherlaubnis gab, existierte vom Drehbuch nicht viel mehr als die Ausgangssituation. (…) Die kleine, die Filmgeschichte läuft mit der großen, der Historie mit, heftet sich dem Leben hartnäckig an die Fersen. Die Filmleute arbeiten wie eine Reportergruppe der Wochenschau. Sie haben ihre Fühler überall, bei der Volkspolizei, beim Ministerium des Innern, beim „Augenzeugen“, beim Rundfunk; beim ADN; überall, wo Nachrichten einlaufen, wo sich „etwas tut“. Der Autor improvisiert (wobei die Fabel in ihren wesentlichen Linien und in ihrem Ausgang natürlich feststeht). Er schreibt Szenen nach Maß, bezieht das tatsächliche Geschehen auf der Straße aktiv in die Handlung, in die Gefühle und Entscheidungen der Helden mit ein.

So erlebt Eva, Kati SzekeIy, entsetzt die amerikanische Provokation an der Friedrichstraße, sieht besessene Amis mit aufgepflanztem Bajonett bis zur Leipziger Straße rasen. Angst packt sie, hilflose, blinde Angst, das Kind, das sie erwartet; zur Welt zu bringen, in diese Welt… Entschlossen, Schulter an Schulter mit den Kameraden der Kampfgruppe, beobachtet Ulli, Armin Mueller-Stahl, das Treiben entfesselter Kleinbürger und jugendlicher Krimineller jenseits der Staatsgrenze. (…)

 

 

 

 

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