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Vorsicht vor kleinen Hunden und großen Männern!

Mir war ja de Bundesbankpräsident Axel Weber beinahe sympathisch geworden. Sympathisch, weil er Thilo Sarrazin nach dessen neuerlichen Hetzreden, wenigstens zum Rücktritt aufgefordert hatte. Beinahe, weil ein Bundesbankpräsident in diesem Lande per se andere Interesen vertritt als die Mehrheit seiner Bürger.
Kurz vor dem Schlafengehen, und zugegeben reichlich müde, las ich gestern ein ellenlanges Interview mit Axel Weber im Handelsblatt. „Bundesbankpräsident warnt vor Steuersenkungen“ titelete die Zeitung, und ich wollte wissen, warum der Sarrazin-Kritiker vor Steuersenkungen warne – wo doch all die Freunde der Marktwirtschaft davon träumen. Bei solchen Steuersenkungen geht es niemals um die Bedürftigen, sondern immer um die Spitzensteuersatzzahler, die glauben, der Staat mache sie arm und unter den Tisch kehren, dass es die Armen sind, die sie reich machen.
Nachdem ich gestern das Interview gelesen hatte, nahm ich mir vor, gleich heute am Morgen darüber zu schreiben, so wütend hatte es mich gemacht. Aber heute Morgen hatte ich schon vergessen, was ich gelesen hatte. Es kamen einfach keine Menschen darin vor, das war als Essenz geblieben.
So musste ich heute noch einmal lesen. Menschen kommen wirklich nicht vor.

Wenn Weber auf die Frage antwortet, ob wir jetzt weniger Kündigungsschutz brauchen, liest sich das so:

„Der Kündigungsschutz ist ein Teil der Maßnahmen, die diskutiert werden müssen. Dank der vergangenen Reformen unterscheiden die Unternehmen heute noch stärker als früher zwischen stark geschützten Kernbelegschaften, die sie auch in wirtschaftlich schlechten Phasen halten, und Randbelegschafen zur Abfederung eines vorübergehenden Mehrbedarfs. Dazu zählt auch die Leiharbeit, deren merkliche Flexibilisierung insofern den Kündigungsschutz für die Kernbelegschaft noch wirksamer macht. Das ist eine Flexibilität, die wir früher nicht hatten und die jetzt dazu beigetragen hat, dass die Rezession keine so starken Effekte hat. (Quelle: Handelsblatt vom 4.10.2009 – LINK)

Der Bundesbankpräsident Weber kennt natürlich Robert nicht. Aber ich kenne Robert. Robert hat beinahe alles richtig gemacht. Nur nett hätte er nicht sein sollen. Robert mag eigentlich keine Hunde. Katzen auch nicht, aber das spielt hier keine Rolle.

Robert hat eine ordentliche Schulausbildung, das Abitur legte er auf einem katholischen Gymnasium ab, und weil er nicht studieren wollte, um seine alleinstehende Mutter möglichst bald unterstützen zu können, sah er sich nach einer Ausbildung um.

In knappen drei Jahren wurde aus dem Abiturienten ein Groß- und Außenhandelskaufmann mit einem guten Zeugnis. Im Ausbildungsbetrieb konnte Robert leider nicht übernommen werden, musste man doch gerade sparen und legte Betriebsteile zusammen und verkleinerte die Belegschaft. Da war kein Platz für Robert.

Doch er fand eine Anstellung in einer kleinen Firma, gleich um die Ecke, die stellte ihn zur Probe an und hätte ihn bestimmt auch behalten, wäre sie nicht Opfer der Finanzkrise geworden, denn ihr Hauptkunde hatte sich an der Börse verspekuliert, er zahlte die Rechnungen nicht mehr und zog so Roberts Firma mit. Frisch auf der Straße – nicht liegend, sondern stehend – machte sich Robert sofort auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber und belegte drei Abendkurse an der Volkshochschule. Hatte er doch gelernt, dass man sich stets weiterbilden muss, um auf dem Arbeitsmarkt mit Alleinstellungsmerkmalen aufwarten zu können. Groß- und Außenhandelskaufleute gibt es es schließlich viele, aber wahrscheinlich beherrscht keiner von denen die Programmiersprache Pascal und kann außerdem jederzeit eine Feng Shui-Beratung durchführen. Seit Robert auch noch erfolgreich eine von der Arbeitsagentur vermittelte Zusatzausbildung als Bauzeichner mit CAD abgeschlossen hatte, schien ihm sicher, dass es nur noch  Tage oder allerhöchstens Wochen dauern könnte, bis er die richtige Stelle fände.

Er schrieb täglich viele Bewerbungen, recherchierte ausgiebig im Internet und kaufte alle regionalen und überregionalen Zeitungen.

Und siehe da, wenige Wochen später bekam Robert einen Brief von dem Personalleiter eines Familienbetriebes, der in den letzten Jahren nicht wenige Innovationspreise gewonnen hatte und großes Ansehen genoss. In dem Brief stand, dass sich um die vakante Stelle sehr viele geeignete Bewerber beworben hätten und deshalb ein Auswahlverfahren nötig sei. So wurde Robert innerhalb weniger Tag ganz ohne Arzt auf  Herz und Nieren geprüft.

Tatächlich: Robert gewann das große Los, bekam die Stelle und wähnte sich auf der Seite der Gewinner.  Zwar erhielt er, wie heutzutage üblich nur einen befristeten Vertrag, aber er war sich seiner sicher und das konnte er ja auch, schließlich war er jung, gut ausgebildet und fleißig. Da machte es auch nichts, dass sein Gehalt vorerst kaum zum Leben reichte, schließlich bot ihm die Firma viele Aufstiegsmöglichkeiten und beinahe jeder (ja, er glaubt auch das!) hat mal klein angefangen. In den ersten 14 Tagen ging Robert mit einem fröhlichen Gesicht zur Arbeit.

Und dann kam der Hund. Ein ganz, ganz kleiner Hund. Robert konnte kleine Hunde ebensowenig leiden wie große Hunde. Solche Hunde wie den, solche sehr kleinen, nannte er gewöhnlich Kampfratte. Der Hund kam nicht langsam, er rannte an Robert vorbei, seine Besitzerin, eine Frau im Rollstuhl, rief ihn verzweifelt und angstvoll und Robert hechtete dem Hund hinterher. Dabei geriet er mit dem rechten Bein in eine Straßenbahnschiene.

Als Robert wieder erwachte, lag er in einem Krankenzimmer. Komplizierter Bruch, hieß es und man habe ihm acht Schrauben einsetzen müssen, aber in wenigen Tagen müsse er trotzdem noch einmal operiert werden. Robert stöhnte: Gerade jetzt. Drei Tage später brachte ihm seine Mutter einen Brief mit ins Krankenhaus, von der Firma. Er war ja noch in der Probezeit. Man wünsche ihm alles Gute für den weiteren Lebensweg, stand unter der Kündigung.

Scheiß Kampfratte, dachte Robert.

Übrigens: Inzwischen arbeitet Robert in einer Leiharbeitsfirma und hilft bei Inventuren. Er will jetzt doch studieren. Hunde kann er immer noch nicht leiden. Große Männer – Bundesbankpräsidenten und so – interessieren ihn nicht.