Alt und dünn

Ich hatte die Flaschen im Kofferraum verstaut und Schinken, Käse und Brot in die Tasche auf dem Rücksitz gepackt. Der Wagen war leer. Da sah ich ihn: einen hellbraunen, großen Mischlingshund, der an eine Regenrinne gebunden auf dem Beton lag. Um ihn herum spielten Kinder, aber er lag regungslos und wendete nicht einmal den Blick nach dem Ball, wenn der auf dem Beton aufschlug. Neben dem Hund stand eine Frau, die sich mit den spielenden Kindern unterhielt und in ihren Händen deutlich sichtbar Hundefutterbüchsen hielt. Eigentlich hätte ich jetzt den Wagen wegschieben und meinen Chip aus der Gefangenschaft erlösen können, aber irgendwie gehörten alle nicht zusammen: Die Kinder, die Frau und der Hund. Ich blieb also stehen und sah zu. An der anderen Seite des Einkaufsmarktes stand ein Mann, der die Szene lächelnd und wohlwollend beobachtete und dabei auf irgendetwas zu warten schien. Rätselhaft das Ganze. Als eines der Kinder den immer noch fast regungslos daliegenden Hund ärgern wollte, ging der Mann zielstrebig auf ihn zu und verwies ihn auf den Spielplatz nebenan. In den nächsten Minuten geschah nichts. Die Frau mit Hundefutter stand neben dem liegenden Hund. Der Mann wartete. Und ich sah zu. Natürlich bin ich dann zu Frau und Hund gegangen. Da dachte ich schon daran, dass es vielleicht ein ausgesetzter Hund sein könnte. 

Ich weiß nicht, ob er nur alt und deshalb dünn ist oder nicht genug zu fressen bekommt, erklärte sie mir.

Er war alt und grau. Und es schien ihm nicht gut zu gehen. Er lag so still. Festgebunden war er nicht mit einer Leine, sondern einem gewebten Gurt.

Wir diskutierten die Situation. Die Frau meinte, dass sein Besitzer vielleicht wenig Einkommen habe – oder sogar obdachlos sei. Deshalb habe sie das Hundefutter gekauft. Aber wenn – wie es jetzt schien doch niemand käme, um den Hund abzuholen – was dann? Wir beschlossen, den Hund nicht allein zu lassen. Der Mann von der anderen Seite gesellte sich zu uns.

Da ist niemals einer noch im Laden, die sind alle längst raus, sagte er.

Und sie: Wenn du willst, kannst du ja schon nach Hause gehen. Wir bleiben.

Er lächelte nachsichtig über unsere Verrücktheit und blieb auch. Da ging jemand auf unseren Hund zu. Der stand auf und wedelte mit dem Schwanz.

Ist das Ihrer, fragte ich, obwohl das längst klar war. Wir haben uns Sorgen gemacht.

Er ist nur alt und dünn. Früher hatte er 40 kg.

Wollen Sie nicht das Futter nehmen, fragte die Frau, ich dachte, er gehört vielleicht jemand, der wenig Geld für Futter hat. Ich habe nämlich keinen Hund.

Der Mann schüttelte den Kopf. Er frisst nur Trockenutter.

So wird sich morgen ein anderer Hundebesitzer über eine Futterspende freuen.

Und ich bedanke mich bei diesen beiden netten, fürsorglichen Menschen auch dafür, dass ich schnell noch ein Foto von ihnen machen durfte:

Gute Menschen

 

  

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Eine Antwort zu Alt und dünn

  1. Kerstin sagt:

    danke, das ist so ein schöner beitrag!!

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