Hilfe zur Selbsthilfe – kein Allheilmittel

Einer Mutter wurden ihre beiden Kinder im Rahmen einer Inobhutnahme durch das Jugendamt „weggenommen“.  Jetzt leben sie in einer Pflegefamilie. Obwohl die Mutter, ich nenne sie hier mal Manuela, ihre Kinder liebt, ist sie nicht in der Lage, ausreichend für sie zu sorgen und für sie da zu sein. Man wollte  Manuela immer dazu „befähigen“, auch schon, vor 19 Jahren, als sie ihr erstes Kind (Jenny) bekam. Nur hat das nicht geklappt. Jenny wuchs im Wesentlichen nicht bei ihr auf und das war gut so – für Jenny. Für die Mutter, Manuela, nicht. Die war allein und wollte es aber doch nicht allein sein. Mit wechselnden Partnern und vom Jugenamt betreut und beobachtet schleppte sie sich durchs Leben und durchs Land. Mal war das Jugenamt gut, dann wieder nicht so gut, die Verbindung zu Jenny riss zwar nie ab, es war aber auch nie eine wirkliche Mutter-Kind-Beziehung. Jenny, lebte meist beim Pflegevater der Mutter. Der hatte auch schon Manuela großgezogen. Denn die Mutter der Mutter, also die Mutter von Manuela, war – wie man es in der DDR nannte – erziehungsuntüchtig. Sie hatte eine starke geistige Behinderung und wusste nicht, was sie mit ihren Kindern, die sie durchaus liebte, anderes tun sollte, als den ganzen Tag mit ihnen im Bett zuverbringen.

Die Vermutung, man könne jeden Menschen zu allem befähigen, wenn man ihm nur die richtige Hilfe leistet, ist falsch.

Manchmal muss man bestimmte Hilfe dauerhaft (sogar über Generationen hinweg) leisten, wenn die gutgemeinte, gut bezahlte oder teuer verordnete Hilfe zur Selbsthilfe den Hilfsbedürftigen nicht wirklich ausreichend befähigt, nicht befähigen kann, weil ihm geistige, psychische oder körperliche Voraussetzungen fehlen. Das klingt wie eine Binsenweisheit, ist aber leider offenbar oft den beteiligten Unterstützern nicht klar. Sie suchen nach Fehlern in ihrem Hilfekatalog, während der Fehler darin besteht, Erwartungen zu haben, die nicht erfüllbar sind. Die Fehler, die zusätzlich bei vermeintlicher Hilfe gemacht werden, verstärken nur die Probleme.

Häufig sind geschützte Umgebungen und unter Umständen sogar eine Eins-zu-Eins-Betreuung nötig. Manuela braucht mit ihren Kindern so eine geschützte Umgebung und ständige Hilfe. Damit es ihr und ihren Kindern gut geht. Der ständige Wechsel ihrer Kinder zwischen Pflegefamilien und einer Mutter, der geholfen werden soll, sich selbst zu helfen, die aber hilflos bleibt, produziert nur neues Leid.

Niemand erwartet von einem Automechaniker, dass er seinen Kunden beibringt, ihr Auto selbst zu reparieren.  Niemand denkt, dass Ärzte ihre Patienten lehren, sich selbst zu heilen. Von Sozialarbeitern, die mit Familien arbeiten, wird hingegen in der Regel erwartet, dass sie – möglichst schnell und effektiv – den Hilfebedarf der betreuten Familien reduzieren oder beseitigen. Das ist oft richtig, aber manchmal falsch.

Als ich Ende der 70iger Jahre begann, Familien zu betreuen, erzählte mir Frau E., die damals schon seit 30 Jahren für die Jugendhilfe (so hieß es fachgerecht in der DDR) arbeitete, sie hätte Familien, deren Akte schon bis ins Kaiserreich zurückreiche. Leider ist meiner Meinung nach der gesellschaftliche Lernprozess in diesem Bereich dürftig. Wenn Manuela ihre Kinder nicht zurückbekommt, wird sie vermutlich bald ein neues zur Welt bringen – sie will nicht allein bleiben. Und wenn sie die Kinder wieder bei sich hat, dann werden ihr die Kinder irgendwann so große Probleme bereiten, dass sie sie nicht mehr will und vor allem können sie sich nicht optimal entwickeln und die Probleme werden sich „vererben“.

Was würde wirklich helfen? Eine Umgebung, in der Manuela mit ihren Kindern zu Hause sein kann und alle die Unterstützung und Zuwendung bekommen, die sie brauchen. Eine Umgebung mit Menschen, von denen sie geliebt werden, oder mindestens sehr gemocht – dauerhaft. Die Menschen, die diese Umgebung und Zuwendung bieten, müssen dafür gut bezahlt werden, denn auch sie müssen dabei  ein gutes Leben haben können.


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