Ich bin ein oller Feigling

Es ist einfach so. Irgendwann wird man alt. Manches wird dann besser, vieles nicht. Den Mut sollte Frau trotzdem nicht verlieren. Manchmal braucht sie ihn doppelt. manchmal hat sie auch keinen. Manchmal ist sie einfach nur feige. Ein oller Feigling. Obwohl der Feigling perse männlich ist, aber das Leben ist grundsätzlich widersprüchlich. Da beißt die Ratte keinen Faden ab.

Durch die Stadt fahre ich neuerdings öfter mal mit den Öffentlichen. Training. Für Angsthasen und olle Feiglinge. Das Auto bleibt stehen. Parkplatzbesetzer.  Ich singe mich leise innerlich mutig, aber die beißende Angst will nicht vergehen. U-Bahn und Bus sind einfacher als die S-Bahn. Das Einsteigen ist die Hürde, nicht die Fahrt. S-Bahn-Bahnsteige machen mir große Angst. Natürlich merkt man mir das nicht an. Ich bin d-d-r-deutsch sozialisiert und verberge Gefühle in der Öffentlichkeit. Gefühle gehören ins Tagebuch, in die Kirche, in das Gedicht oder zur Liebe. Notfalls kann man die Gefühle auch bei einer Gepäckaufbewahrung abgeben. Einfach kräftig in einen Koffer pusten, den verschließen und abgeben. Möglichst nicht wieder abholen. Gefühle können sich zwar ändern, aber man weiß vorher nicht was aus ihnen wird.

Ich war 3 Jahre alt, als mich eine Hausangestellte meiner Eltern vom Bahnsteig stieß – auf die Gleise einer U-Bahnstation. Ich erinnere mich kaum daran, aber die Angst ist geblieben. Die junge Frau vom Lande, eine Pfarrerstochter, litt an einer Psychose, sie hörte Stimmen, sie hat es nicht böse gemeint. Sie war ein guter, sanfter Mensch und erzählte mir oft vom Jesuskind. Mechthild hatte eine schöne Stimme und immer warme Hände.

Meine Erinnerung an das Ereignis auf dem U-Bahnhof brach jahrelang nur in Albträumen auf: Ich stehe auf einem Bahnsteig, der sich nach beiden Seiten absenkt, immer stärker, ich falle und rolle dem Abgrund entgegen, ich halte mich an den Füßen einer Bank  fest, aber die rutscht mit – das geht endlos – bis ich aufwache.

Ich fahre nicht mit der Deutschen Bahn, wenn ich nicht unbedingt muss. Ich muss nicht. Die unbesiegte Angst ist kein freundlicher Begleiter. Sie beschwert das Leben. Man geht ja nicht mit Hausschuhen auf die Straße. Auch nicht barfuß, jedenfalls nicht freiwillig.

Ich verzeihe mir. Ich bin ein Feigling. Manchmal ein oller Feigling. Damit man mutig sein kann, muss man sich manchmal auch die Feigheit verzeihen, oder?


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