{"id":174,"date":"2007-02-21T23:59:13","date_gmt":"2007-02-21T22:59:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/?p=174"},"modified":"2007-02-22T10:02:15","modified_gmt":"2007-02-22T09:02:15","slug":"die-gegenwart-der-vergangenheiten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/archives\/174","title":{"rendered":"Die Gegenwart der Vergangenheiten"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin eingeladen in den Geschichtsunterricht, Gymnasium\u00c2\u00a0&#8211; 13. Klasse &#8211; Leistungskurs. Es geht um die Vergangenheiten.\u00c2\u00a0Wie\u00c2\u00a0objektiv bin ich als\u00c2\u00a0lebendiger, subjektiver\u00c2\u00a0Zeit-Zeuge meiner eigenen Vergangenheiten?\u00c2\u00a0Thema ist\u00c2\u00a0nat\u00c3\u00bcrlich das ewige Mittelpunktsobjekt der\u00c2\u00a0Untersuchung der DDR-Vergangenheit\u00c2\u00a0&#8211; das Ministerium f\u00c3\u00bcr Staatssicherheit.\u00c2\u00a0Speziell also im\u00c2\u00a0Focus des\u00c2\u00a0Interesses:\u00c2\u00a0meine T\u00c3\u00a4tigkeit als IM\u00c2\u00a0 und mein Weggehen,\u00c2\u00a0von\u00c2\u00a0der &#8222;Krake&#8220; auch Verrat genannt\u00c2\u00a0. Meine Haltungen\u00c2\u00a0passen auch heute nicht in den \u00c3\u00b6ffentlichen Mainstream &#8211; und wenn ich sage, dass ich (beinahe) immer meinen \u00c3\u0153berzeugungen entsprechend gehandelt habe &#8211; und dann auch noch sage,\u00c2\u00a0die meisten meiner \u00c3\u0153berzeugungen haben sich bis heute nicht ver\u00c3\u00a4ndert, dann erregt das nicht nur Widerspruch sondern oft auch Wut.\u00c2\u00a0Nein, ich w\u00c3\u00bcrde nicht wieder f\u00c3\u00bcr einen Geheimdienst arbeiten. Sie arbeiten alle gleich und ihre Methoden sind abzulehnen.<\/p>\n<p>Gespr\u00c3\u00a4che \u00c3\u00bcber die Vergangenheit sind immer ein besonderer Spiegel der Erinnerung.<\/p>\n<p>Die Akten geben nur einen Teil der Wirklichkeit wieder. Und manchmal l\u00c3\u00bcgen sie auch. In meiner Akte findet sich zum Beispiel\u00c2\u00a0ein Bericht \u00c3\u00bcber ein Treffen mit anderen Schriftstellern. Es hei\u00c3\u0178t dort, ich sei am Abend betrunken gewesen, h\u00c3\u00a4tte w\u00c3\u00a4hrend der Veranstaltung gestrickt und mich nicht an der Diskussion beteiligt. Wer mich kennt, der wei\u00c3\u0178, dass ich keinen Alkohol trinke. Ich stricke nicht &#8211; und bei Diskussionen w\u00c3\u00bcrde ich auch nicht h\u00c3\u00a4keln, was ich wenigstens kann &#8211; ich male\u00c2\u00a0lediglich oft, um besser zuh\u00c3\u00b6ren zu k\u00c3\u00b6nnen. Die Behauptung glauben, dass ich mich an einer Diskussion nicht beteiligt h\u00c3\u00a4tte, das\u00c2\u00a0k\u00c3\u00b6nnen nicht einmal diejenigen, die mich nur &#8222;entfent&#8220; kennen.<\/p>\n<p>Aber nicht alles, was in den Akten steht, ist L\u00c3\u00bcge: Sie enthalten auch bittere Wahrheiten. Mit der eigenen Vergangenheit, eigenem Versagen konfrontiert zu sein,\u00c2\u00a0ist schwierig und wenig angenehm. <strong>Menschen geschadet zu haben, die zu Freunden geworden waren, ist eine Last und eine Schuld.<\/strong> Die Erinnerung an eine falsche Entscheidungen sch\u00c3\u00bctzt auch vor Selbstgerechtigkeit, zu der man als OPFER neigen k\u00c3\u00b6nnte. Die aktengest\u00c3\u00bctzte Erinnerung ist allerdings weitgehend unausgewogen &#8211; als T\u00c3\u00a4ter erh\u00c3\u00a4lt man nur wenige Blatt der Akte (alles andere ist T\u00c3\u00a4terwissen und soll nicht erneuert werden) &#8211; w\u00c3\u00a4hrend die Opferakte viel umfassender ist. Ja, ich kann in den Spiegel gucken, ohne mich zu sch\u00c3\u00a4men. <strong>Ich habe, als ich\u00c2\u00a0sah,\u00c2\u00a0was mit meinem \u00c3\u00bcbermittelten Wissen geschah, mich der Macht entzogen und anders gehandelt.<\/strong> (Das Wenigste von dem, was mit dem \u00c3\u00bcbermittelten Wissen\u00c2\u00a0geschah, war \u00c3\u00bcbrigens f\u00c3\u00bcr mich damals sichtbar&#8230;) Vieles Unvorstellbare konnte ich mir nicht vorstellen.<\/p>\n<p>\u00c2\u00a0<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Dokumente des MfS belegen, im Zusammenhang erschlossen, zugleich auch etwas, was sicher nicht im Sinne der Auftraggeber von damals war: Bei nicht wenigen angezapften oder verpflichteten Quellen wuchs der Zweifel am Komplott, die Solidarit\u00c3\u00a4t mit den Opfern, Zivilcourage, Widerstand &#8211; erst gegen die Bevormundung, dann gegen das System. W\u00c3\u00a4re hier nicht noch mehr aufzudecken?<\/em><\/p>\n<p>Das war das eigentlich Sch\u00c3\u00b6ne an dieser Arbeit, was mich zeitweise sogar fr\u00c3\u00b6hlich gemacht hat, solche Dinge zu erkennen. Da\u00c3\u0178 solch ein System, was mit solch einem repressiven Aufwand am Leben erhalten wird, nicht nur mit einem Aufwand an Gewalt, an offener und verdeckter, auch mit einem verbalen Aufwand, da\u00c3\u0178 solch ein System nicht \u00c3\u00bcberlebensf\u00c3\u00a4hig ist, also in der Substanz das Scheitern schon mit programmiert hat. Das l\u00c3\u00a4\u00c3\u0178t sich ablesen an verschiedenen Lebensl\u00c3\u00a4ufen, beispielsweise, da\u00c3\u0178 Leute sich einlie\u00c3\u0178en auf die Verhei\u00c3\u0178ung, auf das Programm, und meinten, aus politisch-ideologischer \u00c3\u0153berzeugung sich auch auf diese Praxis einlassen zu m\u00c3\u00bcssen, da\u00c3\u0178 es notwendig sei usw., die aber dann durch die Praxis selbst darauf kamen, da\u00c3\u0178 diese Gesellschaft gar nicht mehr auf dem Weg des st\u00c3\u00a4ndig propagierten Zieles war, in Zweifel gerieten und Abstand nahmen. Oder selbst solche wunderbar tragikomischen Vorg\u00c3\u00a4nge, da\u00c3\u0178 jemand auf eine Person oder Personengruppe angesetzt war und dann, wenn er diese Menschen n\u00c3\u00a4her kennenlernte, von deren Argumenten \u00c3\u00bcberzeugt wurde, da\u00c3\u0178 er auf der falschen Seite stand. Die Tochter von Paul Wiens, Maja Wiens, die im Auftrag der Stasi auch mit den westdeutschen Gr\u00c3\u00bcnen und der Friedensbewegung zu tun hatte, und die dann offenbar von deren Haltung so beeindruckt war, da\u00c3\u0178 sie ausgestiegen ist. An solchen Menschengeschichten l\u00c3\u00a4\u00c3\u0178t sich auch Zeitgeschichte ablesen, der Niedergang einer Gesellschaft, die Erosion der Werte, der verlogenen, nur plakatierten Ideale, wie das immer transparenter wird, und wie sich das auch in Menschenschicksalen zeigt. Das geh\u00c3\u00b6rte zu den erfreulichen Seiten. &#8220;<\/p>\n<p>Quelle: Vom Credo des Schreibens &#8211; Im Gespr\u00c3\u00a4ch mit Joachim Walter (<a title=\"Joachim Walter \" href=\"http:\/\/www.luise-berlin.de\/Lesezei\/Blz97_06\/text02.htm\" target=\"_blank\">hier<\/a>)<\/p>\n<p>Es mag zwar nett klingen, was Joachim Walter erz\u00c3\u00a4hlt, es scheint sogar durch Aktenlage belegt &#8211; und trotzdem, es ist so eben nicht wahr. Ich war nicht von der Stasi auf die westdeutschen Gr\u00c3\u00bcnen &#8222;angesetzt&#8220;, auch wenn es Kontakte gegeben hat &#8211; sie und ihre Argumente waren aber vor allem \u00c3\u00bcberhaupt kein Grund f\u00c3\u00bcr mich, mich dem Ministerium f\u00c3\u00bcr Staatssicherheit zu verweigern. Ich sah und erlebte, was Menschen geschah, die mir nahe waren, auch mit Bettina und Claudia &#8211; und das war nicht in Einklang zu bringen, mit dem was ich f\u00c3\u00bchlte und dachte und vor allem nicht mit dem was ich wollte\u00c2\u00a0&#8211; und auch nicht mit meinen politischen Grund\u00c3\u00bcberzeugungen. Ich entschied mich anders &#8211; meine Weltanschauung aber hatte sich nicht ver\u00c3\u00a4ndert. Ich musste mich gegen die Krake entscheiden, weil ich bei meinen \u00c3\u0153berzeugungen geblieben war.\u00c2\u00a0F\u00c3\u00bcr die Inhaber der Macht\u00c2\u00a0wurde ich zum &#8222;Feind&#8220; und zum &#8222;Verr\u00c3\u00a4ter&#8220;. <strong \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin eingeladen in den Geschichtsunterricht, Gymnasium\u00c2\u00a0&#8211; 13. Klasse &#8211; Leistungskurs. Es geht um die Vergangenheiten.\u00c2\u00a0Wie\u00c2\u00a0objektiv bin ich als\u00c2\u00a0lebendiger, subjektiver\u00c2\u00a0Zeit-Zeuge meiner eigenen Vergangenheiten?\u00c2\u00a0Thema ist\u00c2\u00a0nat\u00c3\u00bcrlich das ewige Mittelpunktsobjekt der\u00c2\u00a0Untersuchung der DDR-Vergangenheit\u00c2\u00a0&#8211; das Ministerium f\u00c3\u00bcr Staatssicherheit.\u00c2\u00a0Speziell also im\u00c2\u00a0Focus des\u00c2\u00a0Interesses:\u00c2\u00a0meine T\u00c3\u00a4tigkeit als IM\u00c2\u00a0 &hellip; <a href=\"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/archives\/174\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,10,7],"tags":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=174"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/174\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dynamoberlin2002.de\/bfcfotos\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}