Archiv für den 7. März 2018

Ein Tisch und zwei Stühle

Die Sozialarbeiterin Susanne R., mit der ich eine Weile zusammen arbeitete, wohnte mit ihren zwei Männern in einem Haus, das die drei gemietet hatten. Sie lebte mit jedem der beiden in einer Art ehelicher Gemeinschaft. Ein Mann sei ihr nicht genug, sagte Susanne immer wieder und lächelte dabei. Es gab manches Getuschel unter den Kollegen, aber eigentlich waren wir alle nur sehr neugierig und interessiert, ob das denn auf Dauer funktionieren könnte.  Leider weiß ich nicht, ob die Dreierbeziehung noch besteht, der Kontakt ging verloren.

X-deutsche Männer haben neben ihrer Ehefrau eine – oder sogar mehrere „Geliebte“.  Das Wort steht für den Unterschied, die Zweitfrau wird geliebt, die andere nur noch nebenbei erlebt.  Natürlich, auch Ehefrauen „gehen fremd“ – wobei ich mich immer frage, was denn dabei ist, wenn jemand nur geht. Aber da steckt eben auch mehr dahinter. Wir brauchen solche sprachlichen Versteckspiele vermutlich, weil unsere Sprache eher brutal ist und Poesie im deutschen Alltag ungebräuchlich.

Manche Menschen heiraten einen gleichgeschlechtlichen Partner, andere leben eine „offene Beziehung“, in der jeder alles darf. Viele leben in „wilder Ehe“, die selten wirklich wild ist und niemals eine Ehe. Im Hartz4-Deutsch heißt das Zusammenleben mehrerer Menschen Bedarfsgemeinschaft, obwohl die Bedürftigen nicht genug dürfen und ihr Bedarf viel höher ist, als das, was ihnen zugestanden wird. Es gibt deutsche Männer, die suchen sich ihre Frauen außerhalb, oft in asiatischen Staaten, weil sie auf Kindfrauen stehen oder den Haushalt nicht teilen möchten. Die Lebensmodelle sind unterschiedlich und die meisten Menschen haben kein Problem damit, wenn das Lebensmodell ihres Nachbarn von ihrem abweicht. Die Deutschen sind, was die Deutschen angeht, toleranter geworden, das ist unübersehbar.

Was vor 50 Jahren noch strafbar war – der Abbruch einer Schwangerschaft – ist heute (der Emanzipationsbewegung sei Dank!) erlaubt und es gibt sogar Babyklappen, in die eine junge Mutter ihr Neugeborenes legen kann, wenn sei es nicht will und sich mit dem Kind überfordert fühlt. Klappe auf, Klappe zu – Baby lebt. Das ist gut so.

Seit 1958 ist das Letztentscheidungsrecht des Mannes in der Ehe in der Bundesrepublik Deutschland aufgehoben (in der DDR gab es so mittelalterlich anmutende Ehegesetze nicht) und seit 1974 ist es Frauen erlaubt, auch ohne Genehmigung ihres Mannes arbeiten zu gehen. Sie dürfen inzwischen auch ihr eigenes Geld selbst ausgeben und werden auch sonst meist gleich behandelt – sieht man mal davon ab, dass die „typischen“ Frauenberufe schlechter bezahlt sind und Frauen und Männer in gleicher Position unterschiedlich verdienen, aber das sind Peanuts. Frauen dürfen in diesem Land durchaus „ihren Mann stehen“ – auch so ein merkwürdiger Griff in die deutsche Wortsuppe – und werden mit der Doppelbelastung irgendwie fertig. Aber sie sind eben alle, so wie es der Unabhängige Frauenverband in der Wendezeit plakatierte: Mutig! Stark! Schön! Manchmal muss man sich selbst Mut machen, indem man übertreibt.

Rainer Langhans lebt mit mehreren Frauen, die wiederum teilweise mit mehreren Männern leben. Kein Grund mehr heutzutage für einen medialen Aufschrei – ist ja auch deren Sache, denkt sich sogar der Zuschauer des Dschungel-Camps oder der von Newtopia. Unmoralisch finden wir auch nicht, dass Langhans da auftaucht und aus dem Nähkästchen (ich glaube nicht, dass der näht) plaudert. Muss ja auch von etwas leben und seine Bundeswehrrente ist wohl nicht so hoch. Mehrere Millionen Menschen schlagen sich in Deutschland so irgendwie durch. Mit prekären Arbeitsverhältnissen und ohne, sie sind alt oder krank oder beides, haben Kinder oder gehören sonst wie zu einer sogenannten Armutsrisikogruppe oder auch nicht. Sie sind arm dran und viele von ihnen schämen sich auch noch dafür. So hat man es ihnen beigebracht: Wer etwas werden will, der muss sich nur anstrengen. Von Glück war nie die Rede. Auch nicht vom Aussehen. Und schon gar nicht vom Alter. Alter ist ein Makel, den man besser nicht hat. Überhaupt ist man am besten makellos, man hat möglichst keinen Namen mit mehreren ü oder ö, heißt auch sicherheitshalber nicht Kevin oder Sandra, wohnt nicht in Duisburg Marxloh oder Hamburg Billstedt.

Einer der Gründe für den großen Erfolg der Rechten in unserem Land ist die Nichtbeachtung – Ignoranz – der längst im Alltag der Menschen angekommenen Verteilungskämpfe.

Die MeToo-Debatte, in der es mehr um Machtausübung als um Sexualität geht, findet auch in Deutschland statt. Die Deutschen eignen sich herzlich wenig als Moralapostel.

So, und jetzt lebt da in Pinneberg ein Mann mit zwei Frauen. Wäre medial und überhaupt völlig uninteressant, wäre der Mann nicht ein Flüchtling und mit beiden Frauen verheiratet. Das ist natürlich einen Aufschrei wert!

Frau Weidel schreit also pflichtbewusst auf, benutzt den Fall und macht die deutsche Volksseele darauf aufmerksam, was mit den Steuergeldern der Deutschen so alles passiert.

Machen kann sie das, weil Spiegel-TV einen Bericht über den Mann gedreht hat, der nicht nur tendenziös ist, sondern in Teilen auch offen falsch. Diesen Bericht nimmt sich Frau Weidel, schneidet ihn AFD-gerecht zusammen und kommentiert Kleinstteile daraus. Das ist Hetze. Das hat inzwischen auch der Spiegel gemerkt und das Video ist – weil es Teile seines Films enthält, nicht mehr verfügbar.

Aber von vorn: Der Spiegel-Reporter hat also einen Mann ausfindig gemacht, der mit zwei Ehe-Frauen und den gemeinsamen Kindern in Pinneberg lebt. Schon in der Einleitung des Beitrages durch die Moderatorin heißt es „Emanzipatorisch hat die Flüchtlingswelle Deutschland nicht nur Vorteile gebracht“ und „offenbar auch ohne rechtliche Schwierigkeiten, obwohl die sogenannte Vielehe in Deutschland verboten ist.“ Ja, die Vielehe ist in Deutschland verboten. Aber Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, werden in der Regel nach dem Recht des Heimatlandes von den deutschen Behörden anerkannt. Bei der Vielehe wird im Einzelfall entschieden. Ein kluger, menschlicher Richter – so sehe ich das – hat entschieden, dass der Mann seine zweite Frau und die gemeinsamen Kinder nachholen kann. Es geht um die Kinder. Die Familie kommt aus Aleppo. Sie floh, als die Stadt in Trümmer fiel.

Andere Länder andere Sitten – auch in Syrien wird von den meisten Muslimen die Vielehe nicht mehr praktiziert und ist ein Auslaufmodell. Dass der Islam die Vielehe gestattet, hatte sicherlich auch damit zu tun, dass  – wie man zu Beispiel von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor erfahren kann – in der vorkoranischen Gesellschaft, Frauen ohne Schutz waren. Die mögliche Vielehe schützte später Frauen.  In welcher Weise der Syrer aus Pinneberg seine Frauen geheiratet hat, das kommt im Film nicht vor. In islamischen Ländern werden Ehen durchaus auch mal am Telefon geschlossen – Hauptsache zwei islamische Männer bezeugen die Ehe. Es gibt – nach schiitischer Auffassung – auch die Mutʿa-Ehe    –  sie wird auf Zeit geschlossen und die Damen werden entlohnt.  Diese Ehen gelten für ein paar Stunden, einige Tage – ja nach Vereinbarung.   Diese Form der Ehe ähnelt eher weniger den Vorstellungen von einer „Ehe“ wie sie von den meisten Deutschen verstanden wird, sondern mehr der Prostitution. Aber mit der haben ja viele Deutsche auch überhaupt kein Problem. Und ja, die meisten Muslime, darunter auch Schiiten, lehnen solche Zeit-Ehen entschieden ab.

Zurück zu der Familie in Pinneberg. Wer den Film sieht, wird feststellen, dass die beiden Frauen ein wenig Deutsch können – das müssen sie ja irgendwann und irgendwo gelernt haben. Im Kommentar kommt es nicht vor.  Dafür aber die Feststellung: Es gibt im Haus einen Tisch und zwei Stühle, die werden aber nicht benutzt. Später wird die Familie gezeigt, wie sie um ein gedecktes Tuch auf dem Boden herum sitzt und isst. Was hat der Kommentarschreiber sich gedacht? Dass die vielköpfige Familie sich den Tisch und die zwei Stühle teilt? Dass die Kinder beim Essen stehen, wie zu Goethes Kindheitszeiten?

Auf dem Boden im Kreis sitzend zu essen, das ist nicht nur sehr angenehm und bequem – darüber hinaus lässt es auch Platz für hinzukommende Gäste. So einen Kreis kann man jederzeit sehr einfach erweitern. Die Zahl der Menschen, die an einen Tisch passt, ist immer begrenzt.

Da ergötzt sich so mancher Zuschauer in Deutschland daran, dass der Syrer sagt, er wolle eigentlich gar nicht arbeiten, er wolle bei seinen Kindern sein.

Das ist eine Unverschämtheit, wettern viele. Es einfach nur unverschämt ehrlich. Und viele Deutsche wären froh, wenn das so ginge und sie bei ihren Kindern bleiben könnten, statt bei Siemens oder VW zu schuften. Leider funktioniert das aber nicht.

Niemand hat dem Geflüchteten erklärt, wie es hier sein soll. Was nehmen ihm die Entrüsteten übel? Dass er bei seinen Kindern sein will? Dass er denkt, das Geld käme vom Himmel oder von Frau Merkel? Er kommt aus einer anderen Welt! Man muss ihm erklären, wie diese Welt organisiert ist, statt in einem Spiegelbeitrag seine Naivität auszustellen. Das zielt darauf ab, diejenigen wütend zu machen, die selbst viel zu wenig haben, aber sich abrackern, um irgendwie über die Runden zu kommen. Und es funktioniert. Der Zuschauer wird wütend.

Es ist kein Wunder, dass die Volksseele „kocht“. Schon seit vielen Jahren wird in diesem Land vieles über dieses eine Gefühl geregelt: ANGST. Angst vor Armut, Angst vor sozialem Abstieg, Angst „erwischt“ zu werden, Angst, dass es noch schlimmer werden könnte, Angst vor Sanktionen. Angst den Arbeitsplatz zu verlieren. Angst, die Miete nicht mehr zahlen zu können. Angst, Angst, Angst. Diese Ängste produzieren die Angst vor dem Fremden, die Angst vor Verlust des Gewohnten, die Sehnsucht nach Konstanz, nach Heimat.

Paralell zur Angst erleben die Menschen, dass sich ihre Welt verändert. Sie teilen sich die Armen-Tafel im wahrsten Sinne des Wortes. Und dann kommt der Spiegel (hat Frau Weidel – ungewollt aber eben doch – im Gepäck) und sagt: Du bist nicht nur arm, Du bist auch noch doof – schau mal der da, dieser Syrer – der hat 6 Kinder, zwei Frauen und bekommt noch ein Haus dazu und Du rackerst Dich (für ihn) ab.

Laute, respektlose und herumspuckende junge Männer, die offensichtlich nicht hier geboren sind und vor Langeweile nur Dummheiten und Schlimmeres im Kopf haben, erregen naturgemäß mehr Aufmerksamkeit, als weniger laute Menschen, die versuchen, bei uns anzukommen in des Wortes doppelter Bedeutung. Die rigide Abwehrhaltung großer Bevölkerungsteile gegen die unaufhaltsame Veränderung der Gesellschaft ist eine Folge einer gesellschaftlichen Werteveränderung, die längst stattgefunden hat und die weder diskutiert noch infrage gestellt wird. Wir leben nicht im Himmel auf Erden, wir leben im Kapitalismus. Die individuelle Beteiligung an der Gestaltung dieser Gesellschaft ist eigentlich nicht gewünscht. Besitz und Eigentum sind heilig und erstrebenswert – die sogenannten christlichen Werte dagegen häufig zur Worthülse verkommen. „Mitleid? Warum denn? Wer hat denn mit mir Mitleid?“ Der Einzelne opfert seine Nächstenliebe der Macht der Verhältnisse, die ihm unveränderbar scheinen. Mich hat keiner gefragt, höre ich immer wieder – und die so klagen, klagen nicht, weil sie per se fremdenfeindlich sind, sondern weil sie Betroffene einer ungewollten Veränderung ihrer Wirklichkeit sind, während andere fernab in ihrer Idylle lebend laut tönend predigen, wie man die Welt zu sehen habe und was man alles nicht denken dürfe.

Frag Dich (Genosse), was tust Du, wenn Du in einer Gegend wohnst, in der die 1. Klassen der Grundschule zu 99% von Kindern besucht werden, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, schickst Du Dein Kind dort zu Schule – oder doch lieber anderswo?

Die Antwort ordnet Räume. Integration soll stattfinden, aber ich möchte bitte nicht betroffen sein. Es ist eine irrationale Hoffnung, dass sich die Probleme irgendwie von allein lösen. Und es ist eine Illusion, zu erwarten, dass z.B. die GROKO etwas an den Hauptproblemen, der Verteilungsgerechtigkeit und der deutschen und europäischen Außenpolitik ändern wird. So lange es Unternehmen gestattet ist, selbst gewinnbringende – mit stattlichen, staatlichen Fördergeldern subventionierte – Werke zu schließen (oder damit zu drohen) und damit ganze Regionen in Angst (und die damit verbundenen Lähmung) zu versetzen, darf sich niemand wundern, wenn die Massen massenhaft ihr Heil zum Beispiel bei der AFD suchen. Görlitz grüßt den Rest der Republik.

Die Rangliste der Milliardäre macht die Menschen keineswegs so wütend, wie ein Bericht über einen Mann mit 6 Kindern und zwei Frauen, der aus ein Kriegsland geflüchtet ist und nun Sozialleistungen in Deutschland erhält.

Ein ganzer „Industriezweig“ verdient an den in Not geratenen Menschen, die zu uns geflüchtet sind. Es werden horrende Mieten für Unterkünfte gezahlt, nützliche und nutzlose Kurse und Lehrgänge finanziert und es fehlt an allen Ecken und Enden an vernünftigen Regelungen. Wohnungssuchende Geflüchtete hetzten von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung – aber die Wohnungen, deren Mieten das Amt für sie übernehmen würde, bekommen sie nicht. „Wir vermieten an 6 Personen erst ab 4,5 Zimmerwohnungen, alles andere ist Überbelegung“, sagt Vermieter X und Y: „Wir nehmen grundsätzlich keine Mieter vom Jobcenter“. Bei den Wohnungsbesichtigungen stehen sich Geflüchtete und Deutsche als Konkurrenten gegenüber, selbst wenn sie in der gleichen Schlange stehen, wer das nicht sieht, der ist blind. Den Geflüchteten droht die Heimunterbringung (statt der Unterbringung in einer „Ferienwohnung“), wenn sie nicht schnell genug eine Wohnung finden, den Deutschen eine Unterfinanzierung, weil das Jobcenter die Miete nicht länger übernimmt. Die einen und die anderen müssen ihre Bemühungen „nachweisen“ und sammeln so deprimierende Erlebnisse. Das ist geplante, staatlich geförderte Entmutigung, die uns teuer zu stehen kommen wird.

Die Erwartungen der Geflüchteten haben zu einem großen Teil nichts mit der Realität zu tun, aber es gibt niemand, der ihnen die Realitäten rechtzeitig erklärt. Viele verstehen unser (anstrengendes) Leben einfach nicht, weil es ganz anders ist, als das Leben, das sie kennen. Und ob unser Leben mit all dem Stress wirklich das Beste ist, das vorstellbar ist, darf bezweifelt werden. Nur weil wir unser Gewohntes so ungern infrage stellen, ist es nicht unbedingt das Beste für uns. Aber es gibt auch die andere Seite: Die Einwanderung längst bei uns längst überwunden geglaubter patriarchalischer Strukturen, ängstigt nicht zu Unrecht. Aber das ist ein neues Thema.

Der im Spiegelbericht denunzierte Syrer unterliegt garantiert den gleichen Regeln wie alle vom Jobcenter abhängigen – egal welcher Nationalität sie angehören. Er wird Sprachkurse, Integrationskurse usw. machen müssen – sonst gibt es Sanktionen. Ihm wird das Geld gekürzt. Kein Wort davon im Bericht – es klingt, als könnte er machen (bzw. nicht machen), was er will – Milch und Honig fließen. Das ist so nicht wahr und verzerrt die Wirklichkeit.

Wer den Bericht aufmerksam sieht, wird noch viel mehr entdecken – zum Beispiel, dass die Frauen von der Rückkehr nach Syrien reden.

Wenn ein Mann mehrere Frauen ehelicht, so steht es im Koran, dann muss er alle gleich lieben – sonst darf er sie nicht heiraten. Einer der Gründe dafür, dass auch unter Moslems die Befürwortung der Ehe mit mehreren Frauen nicht sonderlich hoch ist – sie bezweifeln, dass sie es könnten.

Der Skandal, dass ein Mann mit zwei Frauen verheiratet ist, obwohl das bei uns ja verboten ist, ist jedenfalls keiner. Vielleicht denken wir ja mal darüber nach, dass ja durchaus auch 3 oder 4 Menschen miteinander verheiratet sein können, wenn sie das wollen. Wo ist das Problem? Wir sind doch sonst so fortschrittlich. Wäre die Vielehe nicht emanzipatorisch?

Ein Tisch und zwei Stühle, die nicht genutzt werden, taugen jedenfalls als Beleg für gar nichts. Der SPIEGEL-TV-Beitrag ist nichts als üble Stimmungsmache und manipulativ.