Archiv für den 12. November 2017

Notizen in mehreren Akten – Nichts ist sicher – 3. Akt

Die Tatsache, dass nichts sicher ist, bestimmt das Bewusstsein vieler Menschen. Unsicherheit und Angst sind oft das Ergebnis.

Und die Unsicherheit und Angst sind so dominierend im Leben großer Teile der Bevölkerung, dass sie viele Entscheidungen vor allem unter dem Einfluss dieser Gefühle treffen.

In diesem Deutschland, in dem die Tatsache, dass es sich um eine Klassengesellschaft handelt, gern unter den Teppich gekehrt wird, als seien die Klassen verschwunden, ist die Angst „abzurutschen“ in Armut – in „prekäre Verhältnisse“ – groß. Das Reproduzieren dieser Ängste gehört zum System.

Diedier Eribon beschreibt sehr treffend: Das, was immer gern als Prekariat bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Arbeiterklasse.

Der Lesende

Der Lesende

Die Angst vor totaler Armut und totalem Verlust der Kontrolle über das eigene Leben, die ist oft so groß, dass sie die Menschen beinahe vollständig lähmt, sie zu willfährigen, aber auch verzweifelt wütenden Untertanen des Systems macht – dem sie sich dann allerhöchstens am Stammtisch, mit gebrülltem Hass oder durch eine Wahlentscheidung entgegenstellen.

Nichts ist sicher: Nicht der Arbeitsplatz, nicht das Einkommen, nicht die Wohnung. Nicht die Beziehung, nicht einmal auf das Wetter ist wirklich Verlass. Jahrhundert-Sturm, Jahrhundert-Dürre, Jahrhundert-Überschwemmung.

Die meisten Menschen wünschen sich aber Geborgenheit und Sicherheit, selbst diejenigen die abenteuerlustig und verwegen durch die Welt ziehen. Aber Sicherheit gibt es nicht. Wir leben tatsächlich in unsicheren Zeiten.
Risiken werden von vielen vermieden, wenn sie vermeidbar sind oder vermeidbar scheinen. Versicherungen profitieren vom Sicherheitsbedürfnis und von Menschen, die das Kleingedruckte nicht lesen. Nichts ist sicher und gegen die meisten Risiken kann man sich nicht vesichern. (Heute gehört: Berufsunfähigkeitsversicherungen lehnen die Leistung in 60% der Fälle ab und nur 5 % der Betroffenene klagen!)

Kinder sind ein Armutsrisiko, aber auch die nicht planbaren Lebensereignisse: das Krankwerden, die Behinderung oder der Zerfall der Familie, Stürme des Lebens ebenso wie die der Natur.

Ein weiteres großes Armutsrisiko ist mangelnde Bildung, aber Bildung ist teuer. Wer heutzutage in eine Prekariatsfamilie hineingeboren wird, hat beinahe keine Chance auf irgendeinen Aufstieg. Wenn schon im Kindergarten die Kurse Geld kosten und die Eltern andere Prioritäten setzen (oder setzen müssen) ist der Weg zum „Klassenerhalt“ vorgezeichnet.

Mit sinkendem Einkommen, schwindet aber auch die Sicherheit, wächst die Unzufriedenheit – vor allem in Ländern, in denen „Geld die Welt regiert“.

Eine EU, deren neoliberales Konzept die Nationalstaaten zwingt, „Arbeitsmarktreformen“ durchzuführen, die die Unsicherheit und Angst verstärken, so eine EU muss den ohnehin Gebeutelten als Feind erscheinen.

Auch insofern war der BREXIT ebenso vorhersehbar wie das Erstarken solcher Parteien wie der AFD.

Weder Pulse of Europe noch DiEM25 sind für die Masse der unterdrückten und prekarisierten Menschen ein Halt, eine Alternative.

Zusätzliche Komponente bei den Ostdeutschen – das traumatische Erlebnis, dass selbst sicher Geglaubtes quasi von heute auf morgen verschwunden sein kann. Die Erzählungen über Bombenalarm und Krieg, die Erlebnisse im Faschismus wurden von der ersten Nachkriegsgeneration als persönliche Mahnmale wie Muttermilch eingesogen und blieben auf Dauer verinnerlicht.

Ebenso hat die Generation der ersten Nachwendekinder der Ostler die DDR – deren Angebote an soziale Sicherheit – und den Zusammenbruch des Staates im Kopf sowie die versuchte völlige Auslöschung einer positiven Erinnerung an die DDR durch das heutige System. Jene mehr, die „zu Hause“ geblieben sind, als diejenigen, die sich auf in den Westen – für ein besseres Leben – machten.

Die Gesellschaft als Ganzes in den Blick nehmen, wie es der Soziologe Didier Eribon für die Linken in Frankreich fordert, ist auch in Deutschland notwendig.

Die Partei die LINKE hat vergessen, sich rechtzeitig ehrlich zu machen – das ist im Westen nicht so problematisch, im Osten unverzeihlich.

Fortsetzung folgt.