Archiv für den 18. September 2017

Die zwei Leben der Klawitters – Neues von den Klawitters: Leben 1 (ohne Grundsicherung im Alter – auch Hartz4 genannt)

Die ist einfach nur schön, sagt Frau Klawitter und stellt die letzte Sonnenblume in die Vase. Herr Klawitter lächelt. Ja, die ist schön.

(Falls jemand über Frau und Herrn Klawitter noch nichts gelesen hat -beide sind Rentner, aber beide Renten sind zu gering – eigentlich reicht es nicht zum Leben. Informationen findet der Suchende über die Suchfunktion – Klawitter eingeben :-))) – oder hier z.B. lesen)

Die Sonnenblume haben die Klawitters aus dem Garten mitgebracht. Den haben sie also immer noch. Nicht verkauft. Folglich auch keine Grundsicherung. Kein Amt, das auf ihre Bezüge guckt. Keine Sachbearbeiterin, die sich ihre Kontoauszüge vorlegen lässt (ungeschwärzt auch die Ausgaben!) und keine Fragen von fremden Menschen, die in ihr Leben hineinreichen. Dass Grundsicherung ihr gutes Recht wäre, das wissen sie. Sie wissen aber auch, was es bedeuten würde, das Recht in Anspruch zu nehmen.

Die Klawitters haben sich gegen die klugen Ratschläge des SPD-Mannes von vor 4 Jahren entschieden und nicht schnell ihre Ersparnisse verbraucht. Sie wollen sich eine Gleitsichtbrille leisten können und nicht in Verzweiflung geraten, wenn die Waschmaschine kaputt geht.

Den Garten an die Kinder an die Kinder zu „überschreiben“,  wie das der Mann von der Sozialdemokratischen Partei vorgeschlagen hatte, das funktioniert in einer Kleingartenkolonie sowieso nicht so einfach. Wer den Garten haben will, muss im Umkreis wohnen. 300 km – und so weit wohnen die Kinder –  sind zu viel. Außerdem, wollen die Klawitters nicht tricksen, nicht betrügen.

Und dann die Wohnung. Da sind sie seit vielen Jahren zu Hause. Hätten sie Grundsicherung beantragt, hätten sie sich einem sogenannten Kostensenkungsverfahren unterziehen  müssen, weil ihre Miete zu hoch ist. Miete wird nur „angemessen“ bezahlt vom Amt und was angemessen ist, bestimmt sich nach örtlichen Vorschriften, die sich nicht halb so schnell ändern wie die Mieten steigen.

Die Klawitters wollten bleiben, wo sie zu Hause sind. Sie wollten einfach ihr bescheidenes Leben weiterführen. Inwischen sind sie in den Genuss mehrfacher Renterhöhungen gekommen und haben ein monatliches Einkommen von etwa 1400 €. Leider ist auch die Miete ihrer kleinen Wochnung gestiegen. Mehr als 20 % darf der Vermieter zwar nicht in erhöhen innerhalb von 3 Jahren, aber inzwischen sind es doch schon 40 %. Die kleine Wohnung kostet nun nicht mehr 550 € sondern fast 700, genauer 690 €.

Und so tun die Klawitters, was sie immer getan haben, sie arbeiten. Statt den „Ruhestand“ zu genießen, genießen sie ihre Unabhängigkeit und den eigenen Garten in der Kolonie. Frau Klawitter, inzwischen 69 Jahre alt, jobt als Springerin bei einem kleinen Pflegedienst. Wenn eine feste Mitarbeiterin ausfällt, bekommt sie einen Anruf und muss los. Sie ist also beinahe immer in „Bereitschaft“.  Rund 4o0 € fließen so zusätzlich in die Haushaltskasse. Sehr schwer verdientes Geld.

Herr Klawitter, einst Chefredakteur einer kleinen DDR-Zeitschrift schreibt SEO-optimierte Texte für ein Portal, das solche Texte in Auftrag gibt. Das sind Texte, die nur dazu dienen, Suchmaschinen wie Google die Seite schneller finden zu lassen. Der Auftraggber legt fest, wie oft bestimmte Worte im Text vorkommen müssen und in welcher gramatikalischen Form. Es könnte zum Beispiel um Katzenspielzeug gehen. Die Arbeitsanweiung würde dann lauten: Schreiben Sie einen kreativen Blogbeitrag. Worte: 250. Folgende Worte sollen vorkommen: Fünfmal Katze, dreimal Kater, dreimal Intelligenzspielzeug für Katzen, fünfmal Gutschein und fünfmal  Zoogigant. Die Entlohnung für solch einen Text liegt bei 1,5 Cent pro Wort. Je nachdem wie man eingestuft ist. Mit 4 hat Herr Klawitter eine hohe Einstufung – das beschert ihm die hohe Vergütung von 1,5 Cent pro Wort. Andere schreiben für die Hälfte.  Zwei bis drei Stunden braucht er für einen solchen Text, an manchen Tage kommt er auf 15 €. Er schreibt diese Texte, wann immer es Aufträge gibt. Monatlich verdient er damit etwa 250 €. Zusätzlich schreibt er für ein anderes Portal kleine Gedichte. Allerdings muss er als Selbständiger davon noch Krankenkassenbeiträge bezahlen, aber auch dann bleibt noch etwas übrig. Außerdem setzt er das frühere Kinderzimmer als Arbeitszimmer bei der Steuer ab. Ja übrigens, Steuern müssen die Klawitters auch bezahlen. Der Betrag ist aber eher unwesentlich.

Über die SPD lachen die Klawitters nur noch. Sie wählen die Linke. Und hoffen, dass sie, bis sie 80 Jahre alt sind, arbeiten können. Und in Würde leben.

Die SPD hat nichts dazugelernt. Die geplante Solidarrente (im Wahlprogramm nur oberflächlich beschrieben) ist ein Witz, denn sie ist wieder „vermögensabhängig“. Und was so als Vermögen gilt, das wissen wir ja von der Grundsicherung. Immerhin wurde das Schonvermögen inzwischen auf 5000 € erhöht – das reicht aber nicht einmal für ein altes Auto, das goldene Armband von der Oma und die Beerdigungskosten.

Der SPD-Text in voller Länge:

Langjährige Arbeit muss sich auszahlen: die Solidarrente
Wer 35 Jahre oder länger Beiträge gezahlt hat und/oder Zeiten für Kindererziehung und Pflege angerechnet bekommt, soll einen Anspruch auf eine gesetzliche Solidarrente haben, sofern keine ausreichende Anzahl an Entgeltpunkten und kein umfangreiches sonstiges Einkommen im Haushalt vorhanden ist. Mit der Solidarrente wollen wir ein Alterseinkommen für langjährig Beschäftigte gewährleisten, das zehn Prozent über dem durchschnittlichen Grundsicherungsanspruch am Wohnort liegt. Regional unterschiedliche Wohnkosten werden so berücksichtigt.

WOW: 790 € beträgt der durchschnittliche Grundsicherungsanspruch – da bekommt ANTRAGSRELLER (wenn er denn bewiesen hat, dass kein „umfangreiches“ sonstiges Einkommen im Haushalt vorhanden ist) zusätzlich 79 €. Das großartige Einkommen beträgt dann nach einem Arbeitsleben, Erziehung und Pflege 869 €. Und dafür muss sich dann jemand auf seine Kontoauszüge gucken lassen, seine Unterlagen für die Miete einreichen usw.

Allein für die Veröffentlichung einer solches Vorhabens in einem Programm, das von einer „Zeit für Gerechtigkeit“ spricht, sollte sich die SPD schämen. Aber die schämt sich ja nie.

(Für Hinweise auf orthografische Fehler bin ich dankbar – die werden dann korrigiert. Gute Nacht!)

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