Archiv für den 6. September 2017

Kurz nach 12 geht das Radio an

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

Das Radio hat mir H. vererbt, als sie noch lebte. Sie brauche dringend ein Radio, das auch über einen CD-Player  verfüge, erklärte sie mir, ich solle eines besorgen, das sie gut bedienen könne. H. war damals 90 Jahre alt und brauchte den CD-Player im Radio, um die Lieder von Bulat Okudschawa zu hören.

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

Nachdem ich das Radio mit CD-Player besorgt hatte, übereignete mir H. das kleine Radio, und es fand eine neue Heimat im Badezimmer. Morgens höre ich damit Nachrichten, manchmal auch Beiträge auf Deutschlandradio Kultur, egal, ob ich Wäsche aufhänge oder das Bad putze, ich mache das Radio an.

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

H. hatte das Radio so programmiert, dass es zur Mittagszeit angeht, damit sie nicht vergaß, zum Essen zu gehen. Wer sie sah, dachte, jeder Windstoß könne sie umpusten – so klein und zart auch im hohen Alter.  Aber sie war sehr stark und schön und nicht einmal Stalin konnte sie umpusten. Sie hat das Leben so sehr geliebt – trotz alledem – dass sie sich mit 90 noch am Herzen operieren ließ. Auch weil sie die Menschen, die ihr nah waren, wertschätzte und ihnen das zeigte, wurde sie geliebt. Das zu erleben, war wunderbar!

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

H. kämpfte für ihre Überzeugungen sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug. Eine bessere, eine gerechtere Gesellschaft, das war ihr Ziel. Wenn sie sagte, „wir Kommunisten“, dann war ich sehr froh über ihr „wir“.  Ich teilte nicht alle ihre Ansichten. Sie verstand nicht, warum der Mann vor dem Einkaufszentrum täglich in seinem Rollstuhl sitzend sein Schifferklavier so quälte. Der ist doch so alt, der bekommt doch Rente, der soll zu Hause bleiben und uns nicht mit falschen Tönen quälen, sagte H.  Dass er vielleicht aus Not spielen könnte, wollte sie nicht glauben. Jetzt doch nicht mehr, nicht bei uns, meinte sie. Im Pflegeheim erlebte sie dann, dass eine ihrer Zimmernachbarinnen nicht einmal genug Geld für Gummitiere hatte. Von da an musste ich auch für die Nachbarin Gummitiere mitbringen.

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

H. liebte die Literatur. Immer lagen Stapel neuer Bücher bei ihr. Immer las sie irgendwas. Immer beschäftigte sie das Gelesene. Immer verschenkte sie Bücher . Das Buch von Velma Wallis „Zwei alte Frauen – Eine Legende von Verrat und Tapferkeit“ musste ich ihr mehrfach besorgen. Eine andere Freundin hatte den gleichen Auftrag erhalten. So lag da ein kleiner Stapel Bücher. Macht nichts, meinte H., die bringe ich schon unter. Inzwischen habe auch ich dieses Buch mehrfach verschenkt. Es ist einfach ganz besonders geeignet als Geschenk, eine poetische Geschichte, die Mut macht.

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.

Ich kann nicht in ein paar Sätzen über H. erzählen, das wird ihr nicht gerecht. Aber ich kann erzählen, dass es ein guter Moment ist, wenn kurz nach 12 das Radio angeht. Nähe, Wärme, Kraft, Vertrauen, Hoffnung, Güte… Das Radio und H. sind fester Bestandteil meines Lebens. Vermutlich geht das Radio irgendwann kaputt, wir leben ja im Kapitalismus. Ich kaufe dann ein neues Radio, eines das man programmieren kann, so, dass es zu einer bestimmten Zeit angeht.

Kurz nach 12 geht das Radio an. Dann denke ich an H.