K(l)eine Filmrezension – Zuneigung, Zärtlichkeit und Solidarität: „In den Gängen“

Mittwochs ins Kino. Und das bei der Hitze. Und morgen musst Du arbeiten. Du hast ja ’ne Scheibe. P. lacht am Telefon. Soll er. 

Ich will den Film unbedingt sehen. Seit dem ersten Mal, als ich von ihm hörte, wusste ich das.  Da hat sich einer getraut. Einen Film zu machen, der vorwiegend in den Gängen eines Großmarktes spielt. Ich denke sofort an X. und den Mann im Käfig.

T. bekommt heute ihre Zahnspange – ein großer Moment für ein kleines Mädchen. Eine Zahnspange mit Glitzer, und ganz hinten ist ein Pferd zu sehen. Im Wartezimmer sitzen drei Tiere auf den Stühlen. Das ist nett. Ich schicke aus dem Wartezimmer an K. ein Bild per WhatsApp.

Kieferorthopäde

Alle mit Termin…

Nehmen die da auch Erwachsene, werde ich postwhatsappwendend gefragt. Ich stelle richtig – kein Zahnarzt, nur Kieferorthopädie. Die Gegenseite seufzt hörbar in der Ferne. Wie findet man einen guten Zahnarzt, wie findet man einen guten Hausarzt, wie findet man einen guten Kardiologen? Naja, wir sind jetzt Generation XYplus. Voll krass ey.

Nach dem Kieferorthopäden ist vor dem Kino. Ich bringe T. auf den Weg nach Hause und will noch einen Spaziergang machen, aber das Handy rappelt, und mein Gesprächspartner und ich diskutieren die Weltlage in Deutschland. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass sie dringend einer Veränderung bedarf, können uns aber über die nächsten Schritte nicht einigen. Leider wollen wir auch unterschiedliche Resultate. Warum ich das hier alles ausbreite? So ist das Leben hier. Deshalb. Gespaltene Gesellschaft.

Der Film ist noch viel besser als ich erwartet habe. Er erzählt von Menschen, die ich irgendwie kenne, obwohl ich sie nicht kenne. Ich liefere hier keine Inhaltsangabe, die gibt es bei Wikipedia ( „In den Gängen“ ) da gibt es auch die Namen aller Mitwirkenden und vieles mehr,  Links zu Rezensionen  zum Beispiel. 

Kaum zu glauben, aber alle Menschen, die man im Film sieht, sind gute Menschen – der einzige Bösewicht, ist nur kurz beim Abschließen seines Hauses und beim Gang zum Auto zu sehen, aber man erlebt seine Bösartigkeit nicht direkt. Man erlebt sie nur vermittelt – als Ergebnis: Traurigkeit und Schmerz der weiblichen Hauptfigur.

Überhaupt gelingt es den Filmemachern die Figuren glaubhaft zu machen, obwohl deren Biografien nur schemenhaft durchschimmern. Erzählt wird von Zuneigung,  Zärtlichkeit und Solidarität in den Gängen – Gefühlen, die aber im Leben „draußen“ keinen Platz haben. Gesichter und Bilder – im doppelten Wortsinn und knappe Worte. Und das Rauschen des Meeres, das aus einem Gabelstapler wächst und sogar ein bissel sozialistischer Realismus, Blut aus abgetrennten Armen und Kotze im Waschbecken.  Und ein Walzer von Strauß und überhaupt Musik, Musik.

Zuerst habe ich mich geärgert, dass die Härte des kapitalistischen Alltags im Markt nicht wirklich stattfindet. Tatsächlich nicht wirklich stattfindet, das fasst es für mich – die Arbeitswelt gleicht eher der in der DDR, wie sie mancherorts gelebt wurde, in Umgebungen, die sich mindestens zeitweise der allzu groben Einflussnahme entziehen konnten oder ihr nicht ausgesetzt waren. Zirkus, nannte ich solche Orte damals. Mein „Zirkus“ war eine große Ausflugsgaststätte mit mehr als 1000 Gästeplätzen. Weit außerhalb von Berlin. Wir bedienten zu dritt oder viert manchmal 600 Gäste. Das Essen musste zeitweise aus dem Keller geholt werden, die Wege waren weit und manchmal steinig. Die Arbeit war schwer, aber wir haben viel gelacht und oft bis tief in der Nacht zusammen gesessen. Gute Geschichten konnten sie alle erzählen, die aus der Küche, die vom Buffet und wir vom Service natürlich auch.

Eine gute Geschichte erzählt auch der Film „In den Gängen“.  Zwei Stunden voller Leben, Liebe und Tod. Das Schönste ist, der Film füttert den Traum, dass eine andere Gesellschaft möglich ist, vielleicht nicht gleich und nicht im Ganzen, aber ein wenig doch. Zwischen uns, wir müssen uns nur gern haben.


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