Transit – eine Filmempfehlung unter Vorbehalt

Transit – Anna Seghers erzählte die Geschichte 1943, es geht um Flucht und Flüchtende – damals aus Europa. Hoch aktuell ist der Stoff also heute, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Europa ist in der Gegenwart das Ziel der Flüchtenden, nicht der Ausgangspunkt der Flucht. Pässe und Visa, falsche Identitäten und die Flucht über das Meer sind aktuelle Themen. Der Film von Regisseur Christian Petzold wurde an Originalschauplätzen gedreht, im heutigen Paris und Marseille. Alles Wichtige zum Film findet der Interessierte bei Wikipedia.

Ich hatte den Roman gern gelesen. Das ist beinahe 50 Jahre her. Ich erinnerte mich kaum noch an die Geschichte.

Als wir aus dem Kino kamen, äußerte einer von uns seine Meinung: Mir hat der Film gefallen.
Wir anderen redeten auch irgendwie über den Film, doch seltsam distanziert, obwohl zwei von uns Fluchterfahrung haben.
M. meinte sinngemäß, sie wisse irgendwie noch gar nicht, was sie von Film halten solle.
Ich wusste es auch nicht, habe das so aber nicht gesagt.

Später dann habe ich gewusst, dass ich den Film zwar sehenswert finde, aber gefallen hat er mir nicht.
Er hat mich nicht berührt. Ich fühle nicht mit, bin außen vor. Zuschauer ohne Auftrag. Ich besitze kein Visum zur Einreise. Zwischen mir und der Filmhandlung liegt eine Grenze, die ich nie überwinde. Es spielt alles irgendwie keine Rolle – warum einer flieht, woher und warum dortin. Ich erfahre nur wenig – fast ist der Film unpolitisch. Die schauspielerischen Leistungen sind großartig, aber es ist, als sänge ein guter Tenor: Ach, Du lieber Augustin… Eine Frau stürzt sich in den Tod, der Zuschauer ahnt, dass das gleich kommen wird und bleibt – gleichgültig. Die Marie aus dem Film ist nicht die wunderbare Marie aus dem Roman, ach ja, das kann ich auch nicht verlangen, es ist ja „nur“ ein Film – und doch, Liebe muss ich doch verstehen können, selbst wenn man sie niemals verstehen kann.

Er hat nicht mich nicht mitgenommen – im wahrsten Sinne der Worte. Irgendwann hätte ich lachen oder weinen müssen. Es gab aber nur eine einzige Szene im Film, bei der ich das Gefühl hatte, wir Zuschauer seien wirklich dabei: Als ein Junge und ein Mann miteinander Fußball spielen. Zu wenig.

Schöne Momente, wenn der Erzähler aus Seghers Transit vorliest. Immerhin: Am Abend spät noch, blättere ich im Buch und lese mich fest…

„Ich sah von dem hochgelegenen Bahnhof hinab auf die Stadt, die nur schwach erleuchtet war, aus Angst vor den Fliegern. Seit tausend Jahren war sie die letzte Bleibe für unsereins, die letzte Herberge dieses Erdteils. Ich sah von der Bahnhofshöhe hinunter ihr stilles Abgleiten in das Meer, den ersten Schimmer der afrikanischen Welt auf ihren weißen, dem Süden zugerichteten Mauern. Ihr Herz aber, ohne Zweifel, schlug immer weiter im Takt Europas , und wenn es einmal aufhören würde zu schlagen, dann müssten alle über die Welt verstreuten Flüchtlinge auch absterben, wie eine Art Bäume, an welche Orte sie auch verpflanzt werden, gleichzeitig absterben, da sie aus der gleichen Aussaat stammen.“ (Anna Seghers, Transit 1943)


1 Kommentar

  1. 1. Regina Müller

    Kommentar vom 25. April 2018 um 15:30

    Ein großartiger Film!
    Auch zwei Tage danach wirkt der Film so stark nach, dass es mir sogar schwer fällt, mich auf Anna Seghers Buch zu konzentrieren. Das ich ebenfalls noch nachts in die Hand nahm und seitdem (wieder-)lese, nach 50 Jahren… In jener Nacht allerdings gleich wieder aus der Hand legte, um dem Film noch Raum zu lassen.
    Nun aber sehe ich beim Lesen immer wieder Petzolds Bilder. Der Film hält sich an die Rahmenhandlung von Anna Seghers. Ohne, dass ihre Geschichte verbogen oder verändert wird. (Soweit ich das sehe. Ich habe bis jetzt weder in Wikipedia noch irgendwo sonst „recherchiert“.) Trotzdem wird sie völlig neu erzählt. Eben nicht Geschichte (history) sondern eine Geschichte (story): Es passiert überall, zu jeder Zeit. Hochpolitisch.

    Was uns besonders gefiel, war diese Distanziertheit, die in keiner Weise geichgültig lässt. Im Gegenteil. Petzolds poetischer Minimalismus, der völlig ohne Pathos auskommt, ist berührend. Ist gespenstisch aktuell und eben – zeitlos.
    Nein, man muss nicht weinen, um berührt zu sein. Dafür ist der Film, Himmel sei Dank, zu stark, zu unsentimental. Diese scheinbare Härte und Gefasstheit, diese Distanziertheit inmitten der schrecklichsten Geschehnisse ist ja das Thema, ist überlebenswichtige, grausame Notwendigkeit der Protagonisten. Ich finde, das ist meisterhaft umgesetzt.
    Doch, mir, uns hat dieser Film sehr gefallen. Ich kann ihn unbedingt empfehlen. Natürlich wunderbar gespielt, vor allem der Hauptdarsteller und der Knabe Diss (?) Exzellente Kamera, so surreal beruhigend diese Stimme des Erzählers…

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