Gefühlte Nähe und wirkliches Leiden
12. November 2006 von Maja Wiens | kein Kommentar
Wort zum Sonntag: Fußballteams sind äußerst einfallsreich, wenn es darum geht, Wege zu finden, ihren Anhängen Kummer zu bereiten.
Nick Hornby in „Ballfieber“
In den letzten Jahren hat die gefühlte Nähe zwischen Spielern und den Fans ganz sicher stark zugenommen – das Internet ist zur Vereinskneipe mit beinahe beliebig vielen Plätzen geworden. Natürlich setzt sich nicht jeder zu jedem an den Tisch. Es gibt Leute, die schauen nur durchs Fenster, um dann zu Hause darüber zu lästern, wen sie gerade eben schon wieder in der Kneipe gesehen haben. Andere halten Vorträge, für die sich niemand interessiert. Wieder andere lassen sich volllaufen und “mal richtig die Sau raus” (Off Topic?). Und natürlich gibt es auch das ganz normale Gespräch.
Vereinsoffizielle kommunizieren mit den Fans ebenfalls mehr und mehr über das Internet.
Immer mehr Spieler lesen all das mit!
Nach einem verlorenen Spiel (Kein Fußballer geht auf den Platz, um zu verlieren!) leiden die Spieler nicht nur an der eigenen Unzulänglichkeit, den Fehlentscheidungen des Mannes in Schwarz, den Irrtümern ihres Trainers – sondern sie leiden auch noch an all dem, was über sie “gesagt” wird, denn sie lesen es mit. Und die Fans wissen, dass die Spieler es lesen und nehmen doch keine Rücksicht, warum auch, schließlich haben sie ja Eintritt bezahlt, “sich im Regen den Arsch abgefroren” und trotzdem ist ihnen das ganze Wochenende versaut, weil man natürlich verlieren kann, aber doch nicht so! Und natürlich werden die Spieler sich nur in Ausnahmefällen in Internetforen äußern – sie werden still leiden – und wütend sein, auf sich selbst und manchmal vielleicht auch auf die Fans, die nicht verstehen, dass sie ja durchaus gewollt hätten, aber … Und die Spieler leiden, weil sie wissen, dass sie einem Haufen Leute das Wochenende versaut haben.
Und die Fans leiden gemeinsam öffentlich in den Internetforen, und sie fordern irgendwann Konsequenzen – vom Trainer (der stellt ohnehin immer die Falschen auf) und vom Vorstand (Auswechseln des Trainers als 1. mögliche Maßnahme – 2. Zukauf von Wunderspielern – notfalls ein Auswechseln der Mannschaft…).
Und die Spieler, der Trainer und der Vorstand leiden auch noch darunter, dass sie irgendwie verantwortlich sind, dafür dass den Fans das Wochenende verdorben wurde durch dieses grottige Gekicke und dass die dafür ja auch noch bezahlt haben und dass man nur hoffen kann, dass wenigstens die Hälfte der Fans in der nächsten Woche wieder kommt.
Genau das macht aber den “wirklichen” Fan aus: Er ist unendlich leidensfähig und tut beinahe alles – und deshalb ist er am Wochenende auch dann wieder da, wenn er bis zum Freitagmittag selbst felsenfest überzeugt war, dass er sich das auf keinen Fall schon wieder antut.

